Negermusik zur Teestunde

Am 3. August 1921: Familien tag in Neuharlingersiel. Ein Photo aus einem Garten. Zwanzig Personen posieren zur Erinnerung, gute Bürger in steifen Kragen, die Damen im langen Rock, und in der zweiten Reihe der gestaffelten Gruppe zwei junge Frauen mit Bubikopf: Maria Louise und Gertrud Johanna Louise, genannt Jeanne Mammen. Sie sind ins grüne Marschenland der ostfriesischen Vorväter gereist, aus Berlin kommen sie, und nichts deutet darauf hin, daß das Leben sie längst aus diesem ehrbaren Kreis hinauskatapultierte.

Mitte zwanzig waren die beiden, als sie 1915 nach Berlin kamen, und viel später wird sich Jeanne Mammen daran erinnern: "Dort, entwurzelt, ohne Bekannte und Verwandte, ohne Geld ... spärliche Verdienste durch Fotoretuschen, Modezeichnungen, Kinoplakate, Schustern etc ..." Die eine Schwester, die größere, damenhafte, die es erst mit Modezeichnen versuchte, lernte stenographieren, und nichts weiter ist von ihr zu berichten. Die andere, klein und dunkel, die damals für die Ufa zeichnete und Kitschromane mit so düsteren Titeln wie "Das Gift im Weibe" illustrierte, diese Jeanne Mammen, lebte fünfzig Jahre, bis zu ihrem Tod 1976, in Berlin.

Dabei hatte sie die Stadt eigentlich spießig und grau gefunden, nach einer in Paris verbrachten großbürgerlichen Kindheit und Jugend, die 1914 abrupt zur Existenz einer "feindlichen Ausländerin" wurde. Vorbei waren die Studien an der Academie Julian, den Kunstschulen in Brüssel und Rom. Die Familie verlor ihren Besitz, floh nach Holland, verarmte. Aus dem weltläufigen Fräulein Jeanne wurde eine Künstlerin, ausgerechnet und nicht von ungefähr im Berlin der zwanziger Jahre. Ihr zeichnerisches Werk irrlichterte durch die Metropole.

Nach ihrem Tod würdigte es Eberhard Roters in der Berlinischen Galerie. Doch von der Szene in Neuharlingersiel wüßten wir nichts, wäre nicht Jeanne Mammen siebzig Jahre später nach Ostfriesland zurückgekehrt: Das Photo ist im Katalog der Ausstellung ihrer "Köpfe und Szenen 1920-33" zu finden – einer Auswahl von Zeichnungen, Aquarellen, Gemälden und einigen Skulpturen, mit der die Kunsthalle in Emden/Stiftung Henri Nannen eine Tournee des Werks durch deutsche Museen eröffnete. In Zusammenarbeit mit der Berliner Jeanne Mammen-Gesellschaft sind ungefähr 150 Arbeiten zusammengekommen, die meisten auf Papier: lakonisch vorgebrachte Gesichter der Straße, der Nachtcafes und Tanzpaläste.

Aus den nur angedeuteten Kulissen des Welttheaters Berlin treten sie auf: die Gestalten beim Derby, die Damen im Hinterzimmer der Kartenlegerin, im Kosmetiksalon und bei der Modistin. Frauen in Theatergarderoben, Tippfräuleins, die allein ausgehen, den Männern zum Trotz. Liebe im Vorübertanzen und die schummrigen Ecken der Königin-Bar. "Es war die Zeit, in der man nachmittags zur Teestunde gern bei gedämpft leidenschaftlichen Negermusik langsamen Tango tanzte", schrieb ein Flaneur, der sich in seiner "Stadt der hellen Tagesfarben und der langen Dämmerungen" auskannte wie Jeanne Mammen: Franz Hessel.

Er las die Straße wie ein Buch, er blätterte in ihren Schicksalen und verlor sich doch nie in große Emotion. Seinen Spaziergängen in Berlin verdanken wir die Beobachtungen eines sachlich Liebenden, Bilder einer Metropole bei leichtem Sprühregen und Impressionen beim Schein der Neonreklamen zwischen Leipziger Straße, Potsdamer Platz und Kurfürstendamm. Sie ergänzen als literarische Pendants Jeanne Mammens kühl flirrende Sicht der Stadt; sie sind so präzise notiert und empfunden, so intim und distanziert zugleich wie die Zeichnungen – und einem breiten Publikum ebenso unbekannt.

Die Spaziergängerin in Berlin ist nun zu entdecken. Als eine Zeigenossin von George Grosz, von Otto Dix und Rudolf Schlichter erscheint sie realistisch und kritisch wie diese und doch ganz anders, ungleich pragmatischer. Jeanne Mammen war von der veristischen Unerbittlichkeit eines Dix oder Christian Schad weit entfernt, und das "Narrenspiel aus dem Nichts", das Berlin-Dada betrieb, spielte die Außenseiterin nicht mit. Gegen den "Todestaumel der Zeit" zu kämpfen, wie es der Dadaist Hugo Ball postulierte, oder sich der "morsch verwesenden Kultur Europas" entgegenzusetzen, wie es Grosz wollte, wäre der Mammen zu formulieren nicht in den Sinn gekommen. Dabei konnte sie, auf sachte Weise, durchaus ironisch sein. Aggressiv war sie nicht, und bei aller Nähe zur Karikatur trieb sie das Groteske nie so weit, daß die beobachtete Wirklichkeit im Absurden erstickte. Die anonymen Heldinnen und Helden ihrer Blätter konnten atmen, sich ausleben, bei sich sein. Denn die Zeichnerin hielt nichts von Kunst "als Mittel kühler Hinrichtung" im Sinne Carl Einsteins.

Negermusik zur Teestunde

Nein, sie gehörte nicht dazu, sie war kein weiblicher Dada-Dandy in einer anarchischen Zeit, auch wenn sie gern – wie sie sagte – wie die Diseuse Margo Lion ausgesehen hätte, so rasant, so à la mode. Sie blieb Jeanne, die Unauffällige, und ging aufmerksam auf Menschen zu, und wenn es Frauen waren, so stellte sie sie mit ’unmißverständlichem Interesse, auch mit zurückhaltend begehrlicher Zärtlichkeit dar. Die Sicht der Dinge und Verhältnisse bleibt dabei stets realistisch, sachlich, und die Linie ist klar und zeitgemäß nüchtern. Sie besitzt zudem eine bestimmte, mit Genauigkeit gepaarte Eleganz, die Jeanne Mammen als junge Kunststudentin in Paris an Edgar Degas, an Henri Toulouse-Lautrec oder Theophile-Alexandre Steinlen geschult hatte.

Daß sie diese Linie oft mit pudrigen Aquarellfarben umspielt, nimmt ihren Szenen nicht einmal die Prägnanz. Die leicht hingetuschte Malerei machte krasse Realität nur eingängiger, verfügbarer für ein Publikum, auf das die Mammen angewiesen war. Denn sie praktizierte Zeitgeist, sie zeichnete für die großen Zeitschriften des Ullstein-Verlages, auch für den Simplicissismus oder die Jugend. Ernsthafter Broterwerb war das, betrieben mit graphischem Raffinement und sensibler Beobachtungsgabe. Heute wirken diese Blätter als die perfekten Verkörperungen eines Zeitstils, seltsamerweise gleichermaßen fesch und zart – eine en passant aufgenommene und weitergegebene Wirklichkeit, die sich authentisch und freimütig artikuliert.

Die Zeit der Illustrierten-Aufträge war 1933 vorüber. Jeanne Mammen kündigte ihre Mitarbeit selbst auf, weil sie sich nicht anpassen wollte. Sie habe jetzt anderes zu tun, entschied sie und zeichnete fortan, mit hartem Bleistift, ganz unparfümiert und radikal: Menschen von nebenan, eine erstaunliche Portraitgalerie der frühen dreißiger Jahre. In der Abgeschiedenheit ihres Ateliers in einem Hinterhaus am Kurfürstendamm malte und modellierte sie außerdem Verbotenes: Köpfe und Gestalten, kubistisch verfremdet im Gefolge des bewunderten Pablo Picasso.

Die "Malhöhle" mit den Ablagerungen eines halben Jahrhunderts gibt es noch; sie ist Sitz der nach Jeanne Mammens Tod von Freunden gegründeten Gesellschaft. Auch ihre jahrzehntelange Auseinandersetzung mit abstrakten Ausdrucksformen jenseits des früheren realistisch kommentierenden Stils ist dort dokumentiert. Die den zwanziger Jahren gewidmete Wanderausstellung kommt zur rechten Zeit, als kühl-frivoles Welttheater und eine farbige Facette mehr in der (Kunst-)Geschichte der Metropole Berlin. Eine Retrospektive jedoch, die heute den Bruch von 1933 sichtbar gemacht und damit die ganze Widersprüchlichkeit eines künstlerischen Werks gezeigt hätte, wäre ein Lehrstück gewesen. (Kunsthalle bis 23. Juni; anschließend 6. Juli bis 18. August Schloß Morsbroich, Leverkusen; 1. September bis 20. Oktober Wilhelm Busch-Museum, Hannover; 8. Dezember bis 31. Januar 1992 Saarland Museum, Saarbrücken; 10. Februar bis 29. März 1992 Städtisches Museum Gelsenkirchen; Katalog 28,– DM)

Ursula Bode