Wer die Überquerung der Alpen in Richtung Jugoslawien bisher als Alptraum empfand, kann erleichtert aufatmen: Neben Würzen- und Loiblpaß gibt es nun den Karawankentunnel.

Mit erzbischöflichem Segen und viel Blasmusik wurde der knapp acht Kilometer lange Tunnel zwischen Osterreich und Jugoslawien Anfang Juni eingeweiht. Zwar verhinderten Probleme mit dem Protokoll kurz vor der Eröffnung eine gemeinsame österreichisch-jugoslawische Feier, den tunnelbenutzenden Touristen erwarten dafür an dieser Grenze unerwartete Gemeinsamkeiten: Zollabfertigung und Paßkontrolle finden für beide Staaten jeweils vor dem Tunneleingang statt, und zwar sowohl auf der Kärntner wie auf der slowenischen Seite.

Der Tunnel führt mitten durch die Karawanken, wie die Alpen zwischen Kärnten und Slowenien heißen. Er ist vor allem für Urlauber, die mit einem Wohnanhänger oder mit ihrem Boot unterwegs sind, eine große Erleichterung. Denn wer sich bisher auf der Strecke von Salzburg nach Istrien oder Zagreb nicht über einen der berüchtigten Pässe quälen mochte, war auf den Umweg über Italien angewiesen. Der Weg war nicht nur weiter, sondern auch teurer: Für die Benutzung der Autobahn von Tarvisio bis Triest ist Mautgebühr zu zahlen. Der Umweg über Graz und den Grenzübergang Spielfeld/Sentilj, den bisher viereinhalb Millionen Fahrzeuge jährlich passieren, garantiert in der Hauptsaison einige Stunden Wartezeit.

Der Karawankentunnel, der die Fahrzeit nach Slowenien um rund eine Stunde und die Wartezeit um ein Vielfaches davon verkürzt, kann mit dem Pkw für dreizehn Mark durchfahren werden. Geboten werden unter anderem ein neuartiges Belüftungssystem, mehrere Abstell- und Umkehrnischen sowie über dreißig Notrufsäulen. Wie in vielen österreichischen Tunneln ist es möglich, trotz der Felsmassen ringsherum den Verkehrssender Ö 3 zu empfangen.

Kritik an der Freigabe des Tunnels üben vor allem Bürgerinitiativen aus den umliegenden Gemeinden. Sie fürchten die Belästigung durch Lärm und Abgase auf der stark frequentierten „Gastarbeiter-Route“. Denn erst im nächsten Jahr wird man von Flensburg bis zum See von Bled durchgängig die Autobahn benutzen können. Von Villach an gilt es bis dahin etwa zehn Kilometer Landstraße bis zum Tunnel zu befahren. Eine etwa gleich lange Strecke soll bis 1992 in Slowenien vierspurig ausgebaut werden.

Einen Ansturm von Autourlaubern, die nach Jugoslawien wollen, brauchen die Anwohner in diesem Sommer wohl kaum zu befürchten. Die Touristenzahlen an der jugoslawischen Adriaküste tendieren zur Zeit stark gegen Null. Lediglich in Slowenien können einige Hotels melden, sie seien voll belegt. Nun hofft die Fremdenverkehrsbranche in Jugoslawien darauf, daß sich die politische Lage beruhigt. Der slowenische Ministerpräsident Peterle war bei der Tunnel-Eröffnung jedenfalls optimistisch: Europa sei wieder ein Stückchen näher zusammengerückt. Andrej Smodiš