Von Jürgen Duenbostel

Ein Motto faßt Fuß in Afrika: Einigkeit und Recht und Freiheit. In gut einem Dutzend Länder gingen in den zurückliegenden Monaten Bürger oder Studenten auf die Straße; sie protestierten gegen ihre autokratischen Regierungen und forderten Recht und Freiheit. Für Einheit stimmten vorige Woche die Staatschefs jener 51 Nationen, die in der Organisation für afrikanische Einheit (OAU) zusammengeschlossen sind, in der Vergangenheit aber mehr damit beschäftigt waren, ihre Uneinigkeit zu übertünchen.

Das soll jetzt anders werden. Feierlich unterzeichneten die afrikanischen Regierungschefs auf der 27. Gipfelkonferenz der OAU in der nigerianischen Hauptstadt Abuja einen achtzigseitigen Vertrag zur Gründung einer afrikanischen Wirtschaftsgemeinschaft nach EG-Vorbild. Schrittweise sollen die Volkswirtschaften des gesamten Kontinents bis zum Jahr 2025 integriert werden. Mit vereinten Kräften wollen die Länder jetzt das erreichen, was sie in dreißig Jahren trotz Entwicklungshilfe nicht geschafft haben: den Ausbruch aus dem Strudel der Armut.

Die OAU ist nicht die erste afrikanische Organisation, die einen wirtschaftlichen Zusammenschluß anstrebt. So haben die zehn Mitglieder der Konferenz für Entwicklungszusammenarbeit im südlichen Afrika (SADCC) beschlossen, ihre Volkswirtschaften stärker zu integrieren. Bislang arbeitete die SADCC lediglich als informelle Koordinationsstelle für Entwicklungsprojekte. Auch die Länder der westafrikanischen Wirtschaftsgemeinschaft ECOWAS wollen ihre Zusammenarbeit verstärken und den Begriff "Wirtschaftsgemeinschaft" ernster nehmen. Vor gut zwei Jahren vereinbarten die Maghreb-Staaten ebenfalls einen Wirtschaftsverbund. Und die neunzehn Nationen des Zollabkommens PTA (Preferential Trade Agreement) im östlichen und südlichen Afrika haben sich sogar das (allerdings wohl kaum erreichbare) Ziel gesteckt, bis zum Jahr 2000 eine Währungs- und Wirtschaftsunion zu bilden.

Mit dem Blick auf neue Märkte interessieren sich jetzt auch Südafrikas Unternehmer für einen afrikanischen Wirtschaftsverbund – unter Einschluß der Kaprepublik. Bei seinem jüngsten Besuch in Kenia schlug Südafrikas Präsident Frederik Willem de Klerk vor, zunächst vier regionale Wirtschaftsgemeinschaften mit den Zentren Kenia, Nigeria, Ägypten und Südafrika zu gründen. Der Südstaat wird bei den anderen afrikanischen Ländern als finanzstarker Partner durchaus willkommen sein, sobald die Regierung in Pretoria endgültig von der Apartheid abläßt. Denn längst grassiert in Afrika die Sorge, daß Investoren aus Europa und Amerika dem Schwarzen Kontinent den Rücken kehren.

Nicht zuletzt diese Furcht hat auch dazu beigetragen, daß sich Afrika – endlich – wieder mehr auf die eigenen Kräfte besinnt. Und genau das ist vielleicht der entscheidende Schritt, um aus der Verelendung auszubrechen. Denn schließlich ist es kein Naturgesetz, daß Afrika immer mehr verarmt. Der Kontinent verfügt über reichlich Ressourcen, die, wenn sie gemeinsam und richtig genutzt werden, eine Quelle wachsenden Wohlstands werden könnten.

So gibt es genügend fruchtbare Böden und noch ungenutzte Bodenreserven, um auch eine wachsende Bevölkerung gut zu ernähren. Wo heute teils noch Hunger herrscht, könnten Kornkammern entstehen, die auch die Nachbarn mitversorgen. Äthiopien und Sambia könnten Weizen liefern, Kenia, Uganda und Zimbabwe den Mais, Malawi und Tansania den Reis. In vielen Ländern wachsen traditionelle Nahrungsmittel wie Maniok und Hirse. Botsuana, Namibia und Zimbabwe könnten die Hauptversorger für Rindfleisch werden. Vor den Küsten von Namibia bis Marokko liegen reiche Fischgründe. Es gibt in vielen Ländern Baumwolle und Wolle, Kaffee und Kakao, Tee und Tabak, Datteln, Palmöl und Kokosnüsse. An Südfrüchten und Obst und Gemüse aus gemäßigten Klimazonen herrscht kein Mangel.