"Wir müssen Freunde bleiben" – Seite 1

Von Karl-Heinz Janßen

"Ob recht oder unrecht, wir müssen siegen. Wir haben sowieso so viel auf dem Kerbholz, daß wir siegen müssen, weil sonst unser ganzes Volk, wir an der Spitze mit allem, was uns lieb ist, ausradiert werden."

Adolf Hitler am 16. Juni 1941

Es regnete in Strömen, als am 12. November 1940 der sowjetische Regierungschef und Außenkommissar Molotow mit großem Gefolge auf dem Anhalter Bahnhof in Berlin ankam. Ein schlechtes Omen für das Gipfelgespräch, von dem sich Stalin und seine Ratgeber erhofft hatten, es könne das konfliktgeladene Verhältnis zum nationalsozialistischen Deutschland entspannen. Außenminister von Ribbentrop bereitete seinem Gast einen kühlen Empfang: keine Jubel-Berliner, kein Fahnenmeer. Propagandaminister Goebbels konnte noch im letzten Moment verhindern, daß die SA für die Bolschewiken Spalier stand, wie es das Auswärtige Amt vorgehabt hatte.

Einsam und schlaff hing eine sowjetische Fahne am Mast, Hammer und Sichel waren kaum zu erkennen. Nicht einmal die Nationalhymnen wurden gespielt – so konnte keiner der wenigen Zuschauer in die Versuchung kommen, die Internationale in Gedanken an alte Zeiten mitzusingen. Beim Abschreiten der Ehrenkompanie ertönte lediglich der preußische Präsentiermarsch. Molotow, der mehr wie ein Mathematikprofessor denn wie ein Revolutionär aussah – sein Pincenez verstärkte diesen Eindruck noch –, wirkte unter lauter Uniformen ein wenig verloren, wenn er immer wieder artig seinen Hut lüftete.

Hitler und Ribbentrop zeigten sich in den Eröffnungsgesprächen von ihrer liebenswürdigen Seite. Mit undurchdringlichem Gesicht lauschte Molotow ihren weitschweifigen Monologen, die ihm Botschaftsrat Gustav Hilger übersetzte. Hilger hatte es an diesem Tag nicht leicht, weil ihn eine Grippe mit Nasenbluten plagte. Was er den Russen zu vermitteln hatte, klang weder überzeugend noch realistisch: Der Krieg mit England sei so gut wie gewonnen; es gehe nur noch darum, die britische Konkursmasse aufzuteilen. Angeblich wollten sich Deutschland in Mittel-, Italien in Nordafrika und Japan in Südostasien schadlos halten. Den Russen wurde ebenfalls der Weg nach Süden gezeigt, zu den "warmen Meeren".

Molotow jedoch verlegte sich auf das Näherliegende: Er begehrte Auskunft über die Abgrenzung der deutschen und sowjetischen Interessensphären in Europa. Der Außenkommissar nervte Ribbentrop mit seinen schulmeisterlichen Einwürfen: "Was ist großasiatischer Raum?" – "Was für ein Meer haben Sie denn eben gemeint?" Seine große Stunde kam erst beim zweiten Gespräch mit Hitler am Nachmittag des 13. November. Mit bohrenden Fragen und zuweilen groben Vorwürfen holte er den "Führer" aus seinem Wolkenkuckucksheim auf die Erde zurück. Hitlers Chefdolmetscher Paul Schmidt, der als Protokollant dabeisaß, staunte nur so: "Schlag auf Schlag folgten sich Fragen und Antworten. Der Ton war niemals heftig, aber die Debatte wurde ... mit seltener Verbissenheit geführt." Hartnäckig bestand Molotow auf seinen Forderungen: freie Hand in Finnland und Rumänien, Schutzherrschaft über Bulgarien, Stützpunkte am Bosporus.

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Hitler verhielt sich ablehnend oder ausweichend, drohte sogar unverblümt, er werde einen neuen Krieg gegen Finnland (auf dessen Nickelvorkommen die deutsche Rüstungsindustrie angewiesen war) nicht dulden. "Es war ein Gespräch zwischen zwei Imperialisten", urteilt der Historiker Michail Semirjaga. Tatsächlich legte Molotow ein Maximalprogramm vor, über das man in den kommenden Monaten ausgiebig hätte verhandeln können. Brechen wollte er mit Deutschland auf keinen Fall. Aber Hitler kam der Katalog seines Gastes gerade recht, um sich (so in seiner Proklamation vom 22. Juni 1941) "als verantwortungsbewußter Vertreter der europäischen Kultur und Zivilisation" darzustellen, der das Abendland vor dem Bolschewismus retten müsse.

Dem großen Bankett bei Krimsekt, Kaviar und Wodka in der alten zaristischen Botschaft Unter den Linden (wo sie heute noch steht) blieb der Diktator ostentativ fern. Im Laufe des Abends stellte sich noch ein ungebetener Gast ein: Die Royal Air Force näherte sich Berlin. Der Fliegeralarm ließ die Festgäste auseinanderstieben. Ribbentrop verzog sich mit Molotow in seinen Luftschutzkeller in der Wilhelmstraße. Sein Gast genoß die pikante Situation. Mit feiner Ironie variierte er das Thema vom schon gewonnenen Krieg: Wenn Deutschland gegen England einen Krieg auf Leben und Tod führe, so könne er das nur so auffassen, daß Deutschland "auf Leben" und England "auf Tod" kämpfe.

In dieser Schlußbesprechung präzisierte Molotow das weitgehende Interesse der Sowjetunion am Balkan – auch an Ungarn, Jugoslawien und Griechenland; er wollte wissen, was Deutschland mit Polen vorhabe, stellte die schwedische Neutralität in Frage und brachte die dänischen Ostseemeerengen ins Spiel. Diese letzte Forderung riß die Nazis fast vom Stuhl. Obschon der russische Drang nach dem offenen Meer seit den Zeiten Peters des Großen notorisch war, hörten sie nur heraus, Molotow habe Stützpunkte in dem seit April deutsch besetzten Dänemark verlangt.

Trotz des unergiebigen Ausgangs der Berliner Gespräche blieb die Sowjetunion auf Verständigungskurs. Sie schickte den Vize-Außenkommissar Dekanossow, einen Vertrauten Stalins aus dessen georgischer Seilschaft, als Botschafter nach Berlin; sie ließ sich auf neue Wirtschaftsverhandlungen ein; und am 25. November 1940 erneuerte sie in einem Memorandum ihre inzwischen abgemilderten Bedingungen für einen Viermächtepakt: Rückzug der deutschen Truppen aus Finnland (bei friedlichem Verhalten der Russen), Zustimmung zur Entsendung sowjetischer Truppen nach Bulgarien, militärische Stützpunkte an den türkischen Meerengen. Notfalls sollte die Türkei gemeinsam von Rußland, Deutschland und Italien militärisch zur Abtretung gezwungen werden. Als neue Einflußsphäre beanspruchte die Sowjetunion den Raum südlich von Batum und Baku in der Richtung zum Persischen Golf. Genau betrachtet war dies das kaum noch verhüllte Angebot eines Offensivbündnisses. Stalin riskierte durch den Griff nach dem irakischen und persischen Öl einen Krieg mit den Weltmächten England und Amerika.

Reichsmarschall Hermann Göring, zweiter Mann im Nazistaat, hatte schon vorher Hitler nahegelegt, die Russen doch ruhig gegen Finnland und die Dardanellen vorstoßen zu lassen, weil man sie dann in einen offenen Konflikt mit England verwickele. Im Herbst 1939 hatte Hitler noch selber ähnliches probiert, als er auf der Basis 50 : 50 Polen mit Stalin teilen wollte. (Er konnte nicht wissen, daß sich die britische Garantie für Polen einzig gegen Deutschland richtete.) Doch Stalin war so schlau, sich mit einer Grenze weiter östlich zu begnügen, ungefähr entlang der Curzon-Linie, welche die Westmächte nach 1918 den Sowjets zugebilligt hatten.

Aber jetzt wollte der deutsche Diktator nichts mehr von einer neuen Waffenbrüderschaft mit den Russen wissen. Er hat, trotz wiederholter Anmahnungen, nie mehr auf das sowjetische Memorandum geantwortet. Dieses Verhalten entlarvte ihn: Sein Angebot eines Viermächtepaktes, mit dem er die Sowjetunion von Europa auf Britisch-Indien ablenken wollte, war bloß ein taktischer Zug gewesen. Er habe sich davon sowieso nichts mehr versprochen, sagte der Diktator gleich nach der Abreise Molotows. Er fühlte sich richtig erleichtert: Dieser Pakt werde "nicht einmal eine Vernunftehe bleiben". Das eben war der Irrtum Stalins und Molotows. Mit diesem Hitler ließ sich nicht mehr reden. Sie wollten ja nur innerhalb der Interessensphäre, die ihnen Hitler 1939 zugestanden, richtiger: aufgedrängt hatte, den Pakt mit Deutschland bis ins letzte ausschöpfen. Da Hitler sie zu einem Bündnis gegen das britische Empire verleiten wollte, glaubten sie jedoch, als Preis weitere territoriale Gewinne einstreichen zu dürfen. Hitlers Position schien ihnen schwächer, als es die deutsche Propaganda darstellte. Denn noch war England nicht besiegt, im Gegenteil, es hatte den Italienern, Deutschlands Verbündeten, in Afrika und zur See schwere Niederlagen zugefügt, und fast jede Nacht warfen britische Flugzeuge über deutschem Gebiet ihre Bomben ab.

Die nüchternen Rechner im Kreml unterstellten ihrem Kontrahenten kalkulierbares Handeln. Hatte Hitler doch mehrmals versichert, er werde den Fehler der Reichsleitung im Ersten Weltkrieg nicht wiederholen und sich auf keinen Zweifrontenkrieg einlassen. Hitler, in seinem nachtwandlerischen Größenwahn, sah das aber nun ganz anders. Durch den Überfall auf die Sowjetunion verhindere er geradezu den Zweifrontenkrieg, denn das Ganze sollte ja schon in zwei bis drei Monaten erledigt sein. Für ihn jedenfalls war es konsequent, als er am 18. Dezember 1940 die berühmte Weisung Nr. 21 "Fall Barbarossa" unterzeichnete: "Die deutsche Wehrmacht muß darauf vorbereitet sein, vor Beendigung des Krieges gegen England Sowjetrußland in einem schnellen Feldzug niederzuwerfen."

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Bis dahin waren die Vorbereitungen der Militärs unter dem Decknamen "Fritz" gelaufen (da mochte sich jemand an den Siebenjährigen Krieg Friedrichs des Großen, des Alten Fritz, erinnert haben, dem die Russen schwer zugesetzt hatten). Der Name Barbarossa paßte auf den Lebensraumkrieg eigentlich nicht, hatten die Nazi-Historiker es Kaiser Friedrich I. doch verübelt, daß er seine Kraft an Italien verschwende und nicht der Ostkonolisation gewidmet habe.

Es gibt aber eine mögliche Erklärung: Wenn Hitler auf dem Berghof weilte, schaute er auf den Untersberg, wo der Sage nach (ähnlich wie im Kyffhäuser) Kaiser Rotbart lobesam auf des Reiches Wiedergeburt wartete. Rudolf Augstein verdanken wir die kluge Fußnote, der Wagner-Fan Hitler könnte den Aufsatz "Die Wibelungen" von Richard Wagner gelesen haben ("Wann kommst du wieder, Friedrich, herrlicher Siegfried! und erschlägst den bösen nagenden Wurm der Menschheit?"). Tatsache ist: Hitler wollte auf seinem Feldzug gegen den "jüdischen Bolschewismus" nicht nur Rußland erobern, sondern zugleich auch die Juden ausrotten, besessen von dem Wahn, er erfülle damit einen göttlichen Auftrag.

Nie ist ein Krieg leichtfertiger und fahrlässiger vom Zaun gebrochen worden als der Rußlandfeldzug. Hitler und seine Generäle nahmen die Rote Armee als Gegner nicht ernst. Ihre Fehleinschätzung wurde übrigens auch von britischen und amerikanischen Militärs geteilt. Sie hatten einen guten Grund für diese Annahme, und die sowjetischen Historiker, die heute freier forschen und offener reden können als in den vorigen Jahrzehnten, geben ihnen recht. Das Schlüsselwort heißt: Affäre Tuchatschewskij.

Im Frühjahr 1937 hatte Stalin den Vize-Verteidigungskommissar Marschall Tuchatschewskij und sechs Generäle wegen Hoch- und Landesverrats erschießen lassen. Vor dem Zentralkomitee hat er seine Bluttat mit belastenden Dokumenten gerechtfertigt. Die Unterlagen aber hatte, angeregt von einem ehemaligen zaristischen Offizier und Doppelagenten, der SS-Sicherheitsdienst Heydrichs gefälscht und dem tschechoslowakischen Präsidenten Benesch zugespielt, der sie dann gutgläubig an Stalin weiterleitete. Die Hinrichtung Tuchatschewskijs war der Auftakt zu einer unbarmherzigen, radikalen "Säuberung" in den Streitkräften.

Das Ausmaß der Verfolgung, soweit bisher bekannt, übersteigt alle Vorstellungen. Der Moskauer Professor Kumanjow gab jüngst in München neueste Zahlen bekannt: Vom 27. Februar 1937 bis zum November 1938 wurden 38 679 Offiziere der Armee verhaftet und erschossen, außerdem 3000 der Roten Marine. Da die Säuberungen in den folgenden beiden Jahren weitergingen, schätzt Kumanjow die Gesamtzahl der Ermordeten auf über 50 000.

Mehr als 60 000 Offiziere wurden "repressiert", das heißt in den Kerker geworfen oder in den Gulag verbannt. Ein geringer Teil dieser Häftlinge wurde bei Kriegsbeginn reaktiviert. Noch lange nach dem Krieg durften sowjetische Marschälle in ihren Memoiren kein Wort über ihre eigene Verfolgung verlieren.

"Die Rote Armee wurde enthauptet", sagte Generalmajor Jurij Kirschin vom Militärhistorischen Institut. Sein Kollege Anfilow spricht von einer "porösen Armee": "Wir haben im Frieden mehr Kommandeure als im Krieg verloren." Im Juni 1941 hatten sich die Streitkräfte von diesem Verbrechen und dem psychologischen Schock noch längst nicht erholt. Denunziantentum, Mißtrauen und Verantwortungsscheu machten sich breit. Ähnlich sah es bei den Technikern, Konstrukteuren und Leitern der Rüstungsindustrie aus.

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Bereits im finnischen Winterkrieg wurde erschreckend offenbar, wie wenig die nachgerückten jüngeren Kommandeure ihren Aufgaben gewachsen waren. Für die Ausbildung der höheren Offiziere wurden normalerweise acht bis zehn Jahre veranschlagt. Von den zwanzig Armeeführern war im Juni 1941 die Hälfte noch nicht länger als drei Monate auf dem Posten. Ihnen allen mangelte es an operativer Erfahrung. Insgesamt fehlten am Vorabend des Krieges mehr denn 66 000 Kommandeure. So konnte es geschehen, daß Divisionen von Leutnants oder Hauptleuten geführt wurden. Marschall Wassilewskij vermutete: "Ohne 1937 hätte es vielleicht kein 1941 gegeben."

Mit solch einer führerlosen Armee, und sei sie noch so riesig, gedachten Hitlers siegreiche Generäle spielend "fertig zu werden". Dabei wußten sie so gut wie gar nichts über Qualität, Stärke und Ausrüstung ihres künftigen Gegners. Seit die Zusammenarbeit zwischen Reichswehr und Roter Armee nach dem Untergang der Weimarer Republik aufgehört hatte, stockte der Informationsfluß. Dafür zehrte man von dem Überlegenheitsgefühl im Ersten Weltkrieg, als Feldmarschall von Hindenburg mit einer an Zahl weit unterlegenen Armee über die schon kriegsmüden Russen triumphierte.

Die ganze Geringschätzung des Generalstabs zeigte sich am Niveau der Feindaufklärung. Die zuständige Abteilung, "Fremde Heere Ost", hatte außer Rußland auch noch China, Japan und Amerika im Auge zu behalten. Ihr Chef, Oberstleutnant Kinzel, sprach weder Russisch, noch kannte er das Land, und vom Nachrichtendienst verstand er auch nichts.

Gleichwohl gab seine Abteilung, gestützt auf spärliche Informationen und mehr noch auf Vorurteile, Beurteilungen ab. Die Allgemeinbildung der sowjetischen Offiziere würde in Deutschland noch nicht einmal zum Unteroffizier reichen. Die Schwäche der Roten Armee sei ihre Schwerfälligkeit, der Mangel an Organisation, das schematische Denken der Führung. Kinzel in seiner unschlagbaren Kompetenz wußte es ganz genau: "Ihre Vorschriften und ihr Größenwahn verlangen den Angriff, ihre Angst vor dem deutschen Heer lähmt jedoch ihre Entschlußkraft." Ihre Stärke – Masse und Material – werde die Rote Armee, da war man sich sicher, gegen eine moderne Armee wie die deutsche "nicht zur Geltung bringen können".

Geblieben war den preußischen Militärs noch aus friderizianischen Zeiten der Respekt vor dem einfachen russischen Soldaten, dem "Iwan", wie ihn die deutschen Landser bald nennen sollten. In den Worten General Blumentritts war der Russe "unempfindlich gegen Witterungsunbilden, sehr genügsam, wenig blut- und verlustscheu und standfest". Was man freilich außer acht ließ, waren die ausgezeichnete vormilitärische Ausbildung, das Improvisationstalent und die politische Indoktrinierung der Rotarmisten.

In ihrem grenzenlosen Optimismus war die deutsche Führung überzeugt, man werde nach zwei Wochen harter Kämpfe schon einen großen Teil des russischen Heeres zerschlagen haben. Da wirkte das alte Bild vom "tönernen Koloß" nach. Die Hybris der Kriegsplaner verrät sich in ihren abfälligen Urteilen: "Die Rote Armee ist nicht mehr als ein Witz" (Hitler); für Generaloberst Halder ist sie "wie Fensterglas", für General Jodl "eine Seifenblase". Dem Generalfeldmarschall von Brauchitsch wird das Wort von der "Hasenjagd" nachgesagt, und Goebbels freute sich auf das "Haberfeldtreiben".

Bei solcher Einschätzung verwundert es nicht mehr, wenn der Feldzug in schlampiger, unverantwortlicher Weise vorbereitet wurde. Es waren weder schwere Rückschläge noch ein Winterkrieg eingeplant; Jodl verabschiedete die Männer seines Wehrmachtsführungsstabes mit dem Rat, sie sollten nur Sommergepäck mitnehmen. Man hielt es gar nicht für nötig, neben den drei Millionen an der Front noch ebenso viele Soldaten als Ersatz bereitzuhalten, was durchaus möglich gewesen wäre. Die Nationalsozialisten scheuten sich jedoch, alle Männer und Frauen rücksichtslos für den totalen Krieg einzuspannen; groß war die Angst, das Volk könne wie im Ersten Weltkrieg unzufrieden werden. Die westlichen Demokratien waren da weniger rücksichtsvoll, England beschäftigte mehr Frauen in der Rüstung als Deutschland.

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Siegestrunken vom Frankreichfeldzug, wollte das Militär jetzt zum erstenmal einen wirklichen "Blitzkrieg" führen, das heißt eine Operation, die von der Hand in den Mund lebte. Darauf wurde die Rüstungswirtschaft schon im Juli 1940 eingestellt. Hitler hatte mit Generaloberst Fromm, dem Chef des Heeresrüstung und Befehlshaber des Ersatzheeres, vereinbart, das Heer bis zum Mai 1941 auf 180 Divisionen zu vergrößern, man mußte 37 neue Infanteriedivisionen auf die Beine stellen. Waffen, Gerät und Munition dafür sollten in derselben Frist bereitliegen.

Aber schon im Spätsommer 1940 legte sich Feldmarschall Keitel vom Oberkommando der Wehrmacht quer: Es sei ein Verbrechen, die Kapazitäten der Rüstungsindustrie mehr als nötig auszuweiten, da doch der Blitzkrieg nur ein paar Monate dauern würde. So verfiel man auf den Trick, einen Teil der Ausstattung aus der Kriegsbeute des Westfeldzuges abzuzweigen oder einfach die Truppe mit weniger auszurüsten. Das Ostheer bekam also von Anfang an nicht das, was es wirklich brauchte.

Kaum hatte Hitler die Barbarossa-Weisung unterschrieben, da wurde in der Rüstung schon wieder umgesteuert: Jetzt hatten Luftwaffe und Kriegsmarine den Vorrang, für den Endkampf mit England. Das Ostheer erhielt Munition für ein Jahr, jedoch Waffen und Geräte nur für einen Zeitraum von drei Monaten.

An Verlusten (Gefallene, Verwundete, Kranke) hatte die Führung vorsorglich 475 000 Mann bis zum September einkalkuliert; dem standen aber nur 385 000 Mann Ersatz gegenüber. Aber das war so gewollt: Gleich nach dem Frankreichfeldzug wurden achtzehn Divisionen bis zum März 1941 in einen Urlaub geschickt, den die Soldaten allerdings in den Fabriken und Werkstätten verbringen mußten. So sollten die Soldaten ihre Waffen selber schmieden. Keitel wollte die Männer aber erst Anfang Mai zurück an die Front schicken, denn nun mußten ja mehr Flugzeuge und U-Boote für den Krieg gegen England gebaut werden.

Darunter litt die Verbandsausbildung, die schon Monate vor dem Angriffsbeginn einsetzen mußte. Generaloberst Fromm war um einen Ausweg nicht verlegen: Statt der zurückbehaltenen Urlauber schickte er Ersatzsoldaten an die Front, also noch kriegsunerfahrene Männer. Darunter litt nun wieder die Kampfmoral. So kam, was kommen mußte: Am 22. Juni 1941 waren 40 Prozent der Infanterie- und 25 Prozent der Panzerdivisionen nicht voll einsatzbereit. In bester Form standen lediglich die drei Divisionen der Waffen-SS, sie wurden vom Regime bevorzugt.

Ebenso haarsträubend war die Lage in der Logistik. Das Ostheer sah wie ein Flickenteppich aus. Nur 26 von 152 Divisionen hatten deutsche Kraftfahrzeuge im Fuhrpark; die andern mußten sich mit Beutefahrzeugen begnügen: mit 2000 unterschiedlichen Typen. Eine Heeresgruppe allein brauchte dafür eine Million Ersatzteile.

Generalquartiermeister Wagner hatte vorgesehen, die Heeresgruppe Mitte, die mächtigste und entscheidende der drei Angriffssäulen, in der ersten Operationsphase nur mit Lkw zu versorgen. Seine Mitarbeiter hatten einfach die westeuropäischen Straßenverhältnisse auf den Osten übertragen, obwohl die Wehrmacht noch nicht einmal über genaue Straßen- und Wegekarten verfügte. Die Wirklichkeit: Mehr als die Hälfte des Nachschubs mußte auf Panjewagen von Pferden durch Staub und Schlamm transportiert werden. Ein großes Problem blieb die Ölversorgung. Flugbenzin hatte man bis zum Herbst 1941 genug; der Sprit für Panzer und Lkw reichte nur für den Aufmarsch und knapp zwei Kampfmonate. Schon im Blick auf die Zeit danach bestand der Chef des Wehrwirtschafts- und Rüstungsamtes, General Thomas, darauf, unbedingt auch die Ölfelder von Baku in die Liste der Operationsziele aufzunehmen ...

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Wohlgemerkt: Die Verantwortlichen nahmen alle diese Mängel bewußt in Kauf. Der Nimbus der Unbesiegbarkeit und der fanatische Wille würden auch diesmal der Wehrmacht über alle Hindernisse hinweghelfen. Hitler beruhigte Goebbels und sich selber: "Unsere Aktion ist so vorbereitet, wie es überhaupt menschenmöglich ist. So viele Reserven sind eingebaut, daß ein Mißerfolg glatt ausgeschlossen ist."

Seit Jahresbeginn 1941 übernahm auch die Presse ihren Teil der Kriegsvorbereitung, um das deutsche Volk unmerklich auf den kommenden Krieg einzustimmen. Mitte Januar instruierte das Auswärtige Amt die Presse, daß die Verträge mit der Sowjetunion von 1939 "jetzt kritischer angesehen werden". Einen Monat später trat Goebbels’ Abteilungsleiter Hans Fritsche selber vor die Journalisten, um ihnen eine Rüge Hitlers zu verpassen: In den nachrichtenarmen Zeiten sei zuviel Gutes über die Sowjetunion geschrieben worden. Hitler verbot alle Zeitungsberichte über Rußland außer den freigegebenen DNB-Nachrichten; auch die Korrespondenten in Moskau bekamen einen Maulkorb. Ein begriffsstutziger Reporter wollte wissen, ob nicht wenigstens Sportmeldungen gebracht werden dürften. Die Antwort: "Gerade die nicht."

Dabei hätte es am Jahresanfang 1941 allerlei Erfreuliches über die deutsch-sowjetischen Beziehungen zu berichten gegeben. Nach aufregenden Verhandlungen in Moskau war ein neues Wirtschaftsabkommen unterzeichnet worden, mit einem Rahmen von weit über 600 Millionen Reichsmark. Die Russen verpflichteten sich, für die nächsten anderthalb Jahre die gewaltige Menge von 2,5 Millionen Tonnen Getreide zu liefern, außerdem Hülsenfrüchte, Ölsamen, Baumwolle, Mineralöl, Erze. Die Russen sollten dafür hochwertige Ausrüstungen für die Rüstungsindustrie und feinmechanische Apparaturen für die Öl- und Textilindustrie erhalten. Allerdings hatten die Verantwortlichen in Deutschland nicht die Absicht, ihren Verpflichtungen bis zum Feldzugsbeginn noch nachzukommen.

Molotow versuchte, den politischen Wert des Wirtschaftsabkommens zu erhöhen, indem er es mit fünf anderen Abkommen kombinierte (so über die Umsiedlung von Volksdeutschen, Vermögenswerte, Grenzziehungen). Das wichtigste war die Abtretung eines seit langem umstrittenen Grenzzipfels in Südwestlitauen, den ursprünglich Deutschland beansprucht hatte. Die Sowjetunion mußte einen Kaufpreis von mehr als dreißig Millionen Mark entrichten, davon zehn Prozent in Buntmetallen.

Zehn Wochen vor dem deutschen Angriffstermin spitzte sich die Lage zwischen den beiden Großmächten plötzlich zu, so daß Halders so fein abgestimmter Aufmarschplan arg gefährdet schien. Schuld daran war eigentlich der italienische Duce Mussolini. Er hatte es im Herbst 1940 seinem Achsenpartner Hitler als Eroberer gleichtun wollen und war, ohne diesen zu fragen, über Griechenland hergefallen. Doch die armen italienischen Soldaten hatten sich in den eisigen Bergen Albaniens eine blutige Niederlage geholt. Nun mußten, wie zuvor schon in Afrika, deutsche Truppen die Schlappe wieder ausbügeln. Inzwischen hatte sich nämlich die Engländer in Griechenland festgesetzt. Mit einem Male war das rumänische Er ölgebiet bei Ploesti nicht nur von den Russen b droht, sondern auch durch britische Flugzeuge.

Am 1. März 1941 schlugen deutsche Pioniere in Südrumänien drei Brücken über die Donau, und die 12. Armee rückte in Bulgarien ein, nachdem es dem Dreimächtepakt beigetreten war. Das war die Vorstufe zum Unternehmen "Marita", dem deutschen Angriff gegen Griechenland.

Die Sowjetunion reagierte auf den Einmarsch in ihre "Sicherheitszone" Bulgarien mit scharfen Protesten. Aber sie fand sich mit den Tatsachen ab, signalisierte sogar gut Wetter, indem sie, trotz der deutschen Säumigkeit, ihre Warenlieferungen enorm verstärkte.

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Dramatisch wurde es dann noch einmal Anfang April. Jugoslawien war, unter starkem deutschen Druck, ebenfalls dem Dreimächtepakt beigetreten. Ein paar Tage später wurde die Regierung vom Militär gestürzt. Auf den Straßen Belgrads demonstrierten die Massen gegen Deutschland. Am 5. April schloß die Sowjetunion mit den neuen Machthabern einen Neutralitäts- und Freundschaftsvertrag (also kein Bündnis); Molotow verbrämte diesen Schritt mit dem Argument, der Vertrag solle zusammen mit dem formal noch bestehenden deutsch-jugoslawischen Bündnis dem Frieden auf dem Balkan dienen.

Dies war, schrieb Hermann Poerzgen, der Moskauer Korrespondent der Frankfurter Zeitung, in einem Informationsbrief, "die nachdrücklichste Demonstration der sowjetrussischen Interessen am Balkan". Staatssekretär von Weizsäcker im Auswärtigen Amt sprach von einer regelrechten Herausforderung, einem "Windstoß, der uns von dem Grat [zwischen Feindschaft und Freundschaft] hinunterzustoßen geeignet wäre, wenn in Rußland nicht noch Schnee läge".

Wenige Stunden nach der Unterzeichnung des Vertrages zwischen Russen und Serben war er schon überholt: Die deutsche Luftwaffe eröffnete mit einem brutalen Angriff auf Belgrad die Invasion Jugoslawiens. Stalin scheint noch auf einen langwierigen Krieg in den serbischen Bergen gehofft zu haben. Der Kreml setzte seine offensive Politik fort und protestierte in Budapest gegen die ungarische Teilnahme am Eroberungs- und Vernichtungsfeldzug gegen Jugoslawien. Aber am 12. April wehte schon die Hakenkreuzflagge über Belgrad und bald auch über der Akropolis in Athen. In einem atemberaubenden neuen Blitzfeldzug hatte die deutsche Wehrmacht den Balkan überrannt und die Briten vom Kontinent vertrieben.

Dieser Sieg über Serben und Griechen beflügelte die deutsche Generalität noch in ihrer Hybris. Stolz verkündete Hitler vor dem Reichstag, mit deutlichem Wink an die Russen: "Dem deutschen Soldaten ist nichts unmöglich!" Stalins Selbstvertrauen war schwer erschüttert, weil er sich in der Einschätzung der deutschen Wehrmacht abermals getäuscht und vor seinen Mitarbeitern blamiert hatte. Diesmal jedoch reagierte er auf die neue Lage mit "beispielloser Geschmeidigkeit" (Poerzgen).

Alle seine außenpolitischen Schritte zielten jetzt nur noch darauf, Deutschland von einem Krieg abzuhalten und zu besänftigen: Der Pakt mit Jugoslawien wurde widerrufen, der Botschafter, mit dem Stalin eben noch auf die Freundschaft angestoßen hatte, vor die Tür gesetzt; die Gesandten der Exilregierungen von Norwegen, Belgien und (nachdem Kreta als letzte freie griechische Insel durch deutsche Fallschirmjäger erobert worden war) auch Griechenland mußten ebenfalls ausreisen, weil ihre Länder die Souveränität verloren hätten. Die Putschregierung im Irak, die mit deutscher Hilfe gegen die Engländer einen Aufstand ins Werk gesetzt hatte, wurde hingegen anerkannt. Auch zur französischen Kollaborationsregierung in Vichy entsandte Stalin einen Botschafter.

Bei der Parade am 1. Mai auf dem Roten Platz postierte Stalin den Berliner Botschafter Dekanossow neben sich, eine sichtbare Geste der Freundschaft zu Deutschland. Und damit alle Welt die Kursänderung auch für autorisiert hielt, übernahm der Partei-Generalsekretär Stalin am 6. Mai selber den Vorsitz im Rat der Volkskommissare.

Als ihn die Nachricht vom Fall Belgrads erreichte, steckte Stalin gerade in schwierigen Verhandlungen mit den Japanern. Außenminister Matsuoka war zuvor in Berlin gewesen, wo ihm Hitler und Ribbentrop ihre Schwierigkeiten mit Rußland angedeutet und ihm zu verstehen gegeben hatten, er möge nun nicht mehr mit den Russen abschließen. Aber er hatte nicht verstanden. Da Stalin plötzlich einlenkte, unterzeichnete der Japaner einen Neutralitätsvertrag, der objektiv die militärische Lage der Sowjetunion stärkte, die Deutschlands aber schwächte. Als ein paar Wochen später das Unternehmen "Barbarossa" startete, soll Matsuoka verwundert ausgerufen haben, warum ihm in Berlin keiner etwas gesagt habe ...

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Nun folgte die berühmte Bahnhofsszene am Ostersonntag, dem 13. April 1941: Noch leicht beschwipst von der Abschiedsparty mit den Japanern, erschien Stalin mit Molotow auf dem Jaroslawler Bahnhof, um Matsuoka zu verabschieden. Dergleichen war noch nie geschehen. Stalin wollte auch etwas ganz anderes demonstrieren. Nachdem er alle Japaner, selbst die Soldaten, herzlich umarmt hatte, steuerte er durch die Menge der Diplomaten auf den alle überragenden deutschen Botschafter zu. Er legte Graf Schulenburg die Hand auf die Schulter: "Wir müssen Freunde bleiben, und dafür müssen Sie jetzt alles tun!"

Damit nicht genug, blieb er auch noch vor dem Vertreter des Militärattachés, Oberst Hans Krebs, stehen: "Ein Deutscher?" Der Oberst bejahte kurz (vermutlich in strammer Haltung). Stalin, dem hin und wieder das linke Auge zufiel, der aber dabei nichts von seiner düsteren Würde einbüßte, faßte mit beiden Händen die Rechte des Offiziers, drückte sie und sagte: "Wir werden mit euch Freunde sein – was auch kommen mag!" Damit alle es hörten, schrie Krebs zurück: "Ich bin überzeugt davon!"

Vier Jahre später wird sich Krebs, inzwischen des "Dritten Reiches" letzter Generalstabschef, an die Szene erinnern, als er in den Trümmern Berlins als Parlamentär der Regierung Goebbels mit den Russen verhandelt. Danach kehrt er in den Führerbunker zurück und zerbeißt die Giftkapsel ...

Nächste Folge

Stalin und Hitler ignorieren alle Warnungen – Wollte die Rote Armee vorher losschlagen? – Salz, Brot und Blumen für die Invasoren – Der ganz andere Krieg