Nur ein Steinwurf entfernt von den makellosen Fassaden der Bayerischen Staatsoper steht, etwas zurückgesetzt, ein einfaches, langgestrecktes Gebäude: die ehemalige Hofreitschule der Münchner Residenz. Vor vielen Jahren hat man hier das „Theater im Marstall“ eingerichtet, eine „Experimentierbühne“ für neues Musiktheater. Der freie Platz vor dem Bau ist vollgestopft mit parkenden Autos und Touristenbussen. Der hohe, kahle Innenraum besitzt den bescheidenen Charme einer ausgedienten Fabrikhalle. Eine ungemein praktische Einrichtung, denn in diesem Hinterhof der Staatsoper kann man die ungeliebten Stiefkinder des (Musik-)Theaterbetriebs ein wenig toben und Unfug treiben lassen, ohne daß der gediegene Glanz im großen Haus gestört wird. Vor allem aber: Der Opernintendant (man sieht ihn natürlich nie im Hinterhof) hat ein Alibi. Keiner kann behaupten, an der Staatsoper werde nichts für die zeitgenössische Musik getan.

Helmut Lehberger, der das Theater im Marstall seit knapp vier Jahren leitet, muß mit dem Mangel leben. Es fehlen ihm Geld, technische Möglichkeiten, offenbar auch begabte Regisseure und nicht selten Publikum. Dafür rächt er sich manchmal mit besonders radikalen Produktionen, wie beispielsweise im vergangenen Jahr, als er der Musiktheater-Biennale von Hans Werner Henze kontrastierend Volker Heyns unsäglichen Opernrülpser „Geisterbahn“ als Marstall-Uraufführung entgegensetzte. Eine Alternative zur Biennale wird daraus jedoch noch lange nicht, trotz zweier neuer Stücke – der uraufgeführten Auftragsoper „Dunkles Haus“ von Robert HP Platz und „Tannhäuser, Requiem“ des jungen (Ost-)Berliner Komponisten Robert Linke, das eine Woche zuvor in Dresden uraufgeführt worden war.

Mit herkömmlicher Oper haben beide Werke nichts im Sinn. Es gibt keine festgefügten Rollen und erst recht keine lineare Handlung. Robert HP Platz hat von einem Gesamtkunstwerk geträumt, in dem sich die Zeitdimensionen Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft mischen, in dem sich Musik, Text und Szene durchdringen und überlagern. Robert Linke wiederum hat von einem großen Knall geträumt, mit dem uns die Fetzen einer ganzen Gattung um die Ohren fliegen sollen. Aus beiden Träumen wurde nichts – das Gesamtkunstwerk blieb eine Kopfgeburt und der Urknall verpuffte als harmloser Knallfrosch.

Die Bühne sieht ungefähr so aus, wie sich besorgte Eltern in einer schlaflosen Nacht die Wohngemeinschaft ihrer Tochter ausmalen: ein selbstgezimmertes Hochbett, eine Wohnküche aus zusammengeschobenen Sperrmüll-Möbeln und ein alter Tresen, hinter dem Sich die Klamotten stapeln. Überall Schwarzweißphotos an den Wänden, überall auch Wäschestücke auf dem Boden. Ganz vorne am Bühnenrand blickt man auf einen Berg mit blutigen Fleischbrocken.

Die Oper ist nur wenige Minuten alt, da tönt eine stramme FDJ-Hymne aus Lautsprechern, die im Rücken der Zuschauer stehen, ein Chor schmettert: „Einem neuen Tag entgegen geht jetzt unser Land ...“ Aha, denkt man, ein Stück über die Jugend im Osten, über die heimlichen Freiheiten und die unheimlichen Zwänge. Eine gute Stunde später denkt man nichts mehr.

In der Zwischenzeit hat eine Frau gedankenverloren Styroporschnipsel in einem Aquarium schwimmen lassen, zwei weitere Frauen sind angestrengt absichtslos wie Billardkugeln auf der Bühne umhergeirrt und haben sich wenig später in Ekstase gezappelt. Wir haben einen Walzertanz mit Leichenteilen erlebt und einen drittklassigen Tenor, der bei seinen verwegenen Gesangsversuchen von einem kleinen Ensemble begleitet wurde. Aus den Lautsprechern lärmte zudem eine grobschlächtig zusammengeflickte Collage aus Opern-, Jazz- und Popversatzstücken. Das ganze Stück ein einziger wüster Schutthaufen aus grellen Tönen und banalen Bildern. Die Musik klingt unfertig. Die Akteure bewegen sich dilettantisch. Beides gehört offenbar zum Konzept. Am linken Bühenrand lehnt ein Pappschild, auf dem steht „Rechts“. Am rechten Bühnenrand lehnt ein Pappschild, auf dem steht „Links“. Nichts stimmt mehr. Alles ist aus den Fugen, wirkt verwegen und brav zugleich. Sehen sie so aus, die neuen Stücke aus dem wilden Osten?

Der 32jährige Robert Linke gilt als schräger Vogel unter den jungen Komponisten der ehemaligen DDR. Seine Oper komme ganz ohne Regisseur aus, sagt er. Es gebe keine szenischen Entwürfe. Die Kostüme habe sich das Laienensemble bei einem Rundgang im Fundus der Dresdner Semperoper ausgesucht. Selbst das Libretto des Berliner Dramatikers Lothar Trolle gibt nicht mehr ab als eine unscheinbare Episode am Rande, die schnell wieder weggespült wird vom Strudel der Anarchie: Ein Tenor arbeitet zu Hause an der Partie des Tannhäuser, wird zu einer Nachbarin gerufen und seht einen Menschen sterben. Nichts weiter. Das Fragment einer Geschichte ohne Folgen. Natürlich ist eine solche Antioper, die nichts will und nichts zeigt, eine Zumutung für die Zuhörer. Man fühlt sich erinnert an die Happening- und Fluxusscherze der sechziger und siebziger Jahre. Man ahnt, daß wohl auch John Cage mit seiner Philosophie einer von allen Zwängen befreiten Kunst hier Pate gestanden hat. Aber selbst er hat hin und nieder erfahren müssen, daß zuviel Freiheit auf der Bühne langweilig wird.