Von Dirk Kurbjuweit

Tirana, im Juni

Am Sonntagnachmittag herrschte gespannte Ruhe in Durres, dem größten Hafen Albaniens. Am Kai lagen die Dajti und die Durresi, zwei rostige Seelenverkäufer. Noch im März dieses Jahres waren sie Schiffe der Hoffnung gewesen. Tausende von Albanern hatten damals die Rampen gestürmt und die Kapitäne gezwungen, Kurs auf Italien zu nehmen, das Land ihrer Träume. Leer kehrten die Schiffe zurück.

Nun sind Soldaten an den Gangways postiert. In der Nacht zum Montag kamen dann tatsächlich noch einmal Flüchtlinge nach Durres, doch diesmal vom Meer her. Zwei italienische Fähren machten am Kai fest. An Bord befanden sich 413 Albaner, die von der Regierung in Rom zurückgeschickt worden waren; weitere sollen folgen. Langsam schlichen sie an Land, müde, erschöpft und enttäuscht. Als Journalisten die Heimkehrer nach ihren Gefühlen fragten, schickten sie laute Flüche übers Meer in Richtung Italien. Ihr erster Kontakt mit dem Westen endete mit einer Erniedrigung.

Während seine Bürger zurückgewiesen werden, ist der Staat Albanien willkommen in der europäischen Völkergemeinschaft. Mehr als vierzig Jahre lang war das kleine Land eine Enklave in Europa. Erst nach einer ersten Fluchtwelle Mitte vergangenen Jahres leitete der stalinistische Staatschef Ramiz Alia eine vorsichtige Öffnung ein, die das Land nun im Rahmen der Konferenz für Sicherheit und Zusammenarbeit in Europa (KSZE) in Europas Schoß zurückführen soll. Die Stalinisten in der Hauptstadt Tirana hatten bislang in ihrem Bedürfnis nach Isolation die Mitarbeit verweigert.

Doch viele Albaner sind nun enttäuscht. Die Einladung zur Rückkehr nach Europa war offenbar nicht für den einzelnen bestimmt, wie sie gehofft hatten. Als die Stalinisten noch schrankenlos herrschten, waren Staaten wie Italien oder Deutschland, wenn auch zähneknirschend, bereit, Flüchtlinge in großer Zahl aufzunehmen. Doch seit die Demokratie einzieht, sind die Grenzen verschlossen. Die Albaner besitzen neuerdings Pässe, haben aber kaum Aussichten auf ein Visum für ein westliches Land. Das ist bitter, weil die meisten Albaner ihre Hoffnungen auf die Auswanderung setzen. Sie haben endgültig abgeschlossen mit ihrem Staat. Mit besseren Lebensverhältnissen in Albanien rechnen sie nicht. Wer bleiben will, wartet auf Hilfe von außen. Ein Hafenarbeiter aus Durres erklärt fatalistisch: "Wenn die Amerikaner und Europäer schon keine Hilfe bringen, dann sollen sie wenigstens Bomben schicken, damit dieses Elend ein Ende hat." Die Regierung fürchtet, daß sie mit einem Volk, dessen Augen und Ohren verzweifelt nach außen gerichtet sind, den Aufbruch nicht schaffen kann.

Während wirtschaftliche Hilfe noch auf sich warten läßt, breiten sich europäische Sitten aus. Wie im Westen gelebt wird, wissen die Albaner. Sie können seit langem italienisches Fernsehen empfangen. Nun wagen sie, selber so zu sein wie ihre Fernsehbilder. Eine junge Universitätsassistentin freut sich auf ihren ersten Minirock. Bis vor kurzem galt er noch als grober Verstoß gegen den Moralkodex der Stalinisten. Das Museum für den ehemaligen Staatschef Enver Hodscha, dem die Albaner alle Schuld an ihrem Elend geben, ist geschlossen worden. Am Freitagabend tanzt die Jugend Tiranas hier zu Disco-Musik. Das Fernsehen überträgt die neue Lebensfreude aus dem Tempel der alten Macht ins ganze Land. Irritiert über den Wandel sind nur jene westlichen Besucher, die zum ersten Mal aggressiv bettelnde Kinder abwehren und auf ihre Geldbeutel achtgeben müssen.