Von Manfred Sack

Julius Posener ist... Aber das läßt sich nicht in einem Wort sagen. Er ist ein diplomierter Architekt; doch war es seine Leidenschaft nicht, Gebäude zu entwerfen und zu errichten, sondern, sie zu betrachten, zu ergründen, zu rezensieren, sich in sie zu verlieben, schließlich in die Geschichte der neueren Baukunst einzudringen und sie einem Publikum nahezubringen. Er ist ein pädagogischer, ein mitteilsamer Mensch – ob als Dozent in England, in Malaysia, ob endlich als Professor für Baugeschichte an der Hochschule der Künste in Berlin, wohin er, der ausgewanderte Jude, doch eigentlich nicht mehr hatte zurückkehren wollen.

Julius Posener, mit 87 Jahren unterdessen "fast so alt wie das Jahrhundert", hat nun, unter eben diesem Titel, seine Autobiographie, ein ganz wunderbares Buch geschrieben. Es ist von einer fontaneschen Gelassenheit, von unaufdringlichem Ernst und trockenem Humor. Sein Vokabular ist griffig, reich an Ausdruck, bildkräftig. Die Sätze machen gerne lange, leichte Schwünge, schlagen Bögen, wenn Nachdenken es verlangt; manchmal zittern sie belustigt, manchmal verwundert, so als wundere der Autobiograph sich über sein Leben und wie es so passiert ist. Er war, wie man rasch merkt, neugierig auf sich.

Er ist kein vom Himmel gefallenes Talent. "Die Poseners", erfahren wir, "waren alle irgendwie künstlerisch begabt; aber sie haben es zu nichts gebracht; bis auf Moritz; und Moritz hat eine reiche Frau geheiratet." Und bis auf Julius, seinen Sohn, ist nun hinzuzufügen, der diesen kommalosen Satz geschrieben hat: jedes Semikolon eine so und nicht anders kalkulierte Pause, die jedesmal mit einer kleinen Überraschung überwunden wird.

Also: Onkel Julius spielte virtuos (aber undiszipliniert) Klavier, Mutter Gertrude Henriette aus dem Hause Oppenheim, mit dem absoluten Gehör begabt, desgleichen, ja, "sie hätte weit kommen können". Und Bruder Julius spielte Geige. Onkel Paul, der Paläontologe, "wußte etwas über Fossilien", aber schon Onkel George wieder "zeichnete nicht schlecht", wurde aber Zahnarzt. Als einziger hatte Vater Moritz die Kunst zum Beruf gemacht: Er war ein Maler. Doch es war ihm noch "etwas geglückt...: die Familie als Kunstwerk". Wir lesen von allen, die zur Familie gehören, auch von den Tieren, die man sich hielt, und also auch von der seltsamen Bewunderung, die der Biograph für Reptilien aufbringt; und so wissen wir nun, was es mit seinen (stubenreinen) Zimmergenossen auf sich hat, den Leguanen und den Strumpfbandnattern.

Doch natürlich lesen wir vor allem von Julius Posener, dem dritten Sohn, dem Vorortkind aus besseren Kreisen, der "vom Riesen ... nichts an sich" hatte, von einem ängstlichen, langsamen, schmalschultrigen, in sich gekehrten Knaben, der prompt alle Kinderkrankheiten kriegte und den eines Tages, während er, gelbsüchtig, Basteibögen ausschnitt, kniff und klebte, zum erstenmal der Gedanke streifte, ein Architekt zu werden. Auch wenn der Vater ihm die Augen für Gewachsenes und Gebautes, für Landschaften und Gebäude öffnete, auch wenn so erstaunlich früh so erstaunlich erbauliche Bücher wie die "Blauen" und auch ein Band der Schultze-Naumburgschen "Kulturarbeiten" sein Interesse dafür stärkten, hatte es damit noch Weile – noch im Reifezeugnis steht der Vorsatz, Kaufmann zu werden. "Wer wurde schon Kaufmann? Jemand ohne ausgesprochene Begabung; also einer wie ich." Die Mutter dachte, es könnte immerhin ein Verleger, so einer wie Samuel Fischer, aus ihm werden.

Natürlich kennt der Autor noch alle seine Premieren: das allererste Buch (über die Schildbürger), das "schönste Kind", das ihm (im kleinen Bruder seines Freundes) begegnete, das erste Taschengeld, das erste Gefühl der "vollen Hosen", der ersten Liebe (zu Kittie, der Irin, mit der seine Englandschwärmerei begann), weiß, wann er zum erstenmal den Namen Poelzig zur Kenntnis nahm und von welcher "Stund an ... Mozart mein Gott" wurde: neben der Mutter in der Oper. "Wer den Figaro gehört hat", notiert er, "kann niemals ganz unglücklich werden." Er war, sagt er, "kein schlechter Schüler", aber er bemerkte, daß, was einen nicht interessiert, man nicht lerne. Und daß die Schule eigentlich nichts tauge. "Ivan Mich hat recht."