Wird aus der Bonner Republik eine Berliner Republik – und was würde dies bedeuten?

Von Gunter Hofmann

Bonn, im Juni

Deutschland ist "nicht fertig, es ist uralt, aber immer noch in der Mache, das Doppelsinnige macht es faszinierend". So schrieb der Niederländer Cees Nooteboom in seinen "Berliner Notizen" über das geeinte Deutschland im Übergang. Das Land in der Mache, doppelsinnig – so kam es einem vor, als der Bundestag lang und heftig und leidenschaftlich über seine künftige Hauptstadt debattierte, um am Ende dann knapp und dennoch überraschend deutlich mit 338 zu 320 Stimmen für Berlin und gegen Bonn zu votieren.

Zu einem Nachdenken über Deutschland ist die Debatte nur gelegentlich geworden. Man ist ja schon dankbar, wenn das Parlament – wie oft kommt das vor? – als Forum dient. Im Parlament ging es, wie Wolfgang Schäuble gesagt hat, "in Wahrheit um die Zukunft Deutschlands" – und darum geht es noch immer.

Ob der Innenminister, an den Rollstuhl gefesselt, oder ob die "alten Männer" des Parlaments, mit der Mehrzahl der ostdeutschen Abgeordneten im Rücken, im Laufe dieses Debattentages vom 20. Juni einen Meinungsumschwung bewirkt haben, das kann keiner wirklich sagen. Das Votum für Berlin aber hat seinen symbolischen Ausdruck im Plenarsaal gefunden. Das war, als Willy Brandt nach der Rede Schäubles zu ihm hinüberging, um ihm zu danken, und dann später noch einmal, nach der Auszählung. Wolfgang Schäuble gilt nun erst recht als derjenige, der – nachdem er die Sache für Berlin perfekt gemacht habe – seine politische Karriere noch vor sich hat, auch die, über welche der Kanzler öffentlich nachdachte, wenn es denn möglich ist und der Minister das schafft.

Teilen heiße, die "Veränderungen miteinander zu tragen, die sich durch die deutsche Einheit ergeben", hat Schäuble formuliert. In vierzig Jahren habe niemand in Zweifel gezogen, daß Parlament und Regierung nach der Herstellung der Einheit ihren Sitz wieder in Berlin haben werden. Berlin sei "das Symbol für Einheit und Freiheit, für Demokratie und Rechtstaatlichkeit, für das ganze Deutschland" gewesen. Vor diesem Hintergrund geriete es fast zur unpatriotischen Tat, einem vereinten Deutschland, "das seine innere Einheit erst noch finden muß", seine Zukunft zu verwehren.