Von Ernst Klee

Psychiatrische Krankenhäuser in der DDR waren für Westbesucher tabu. Forschungsarbeiten, sofern überhaupt genehmigt, wurden als Geheimpapiere weggeschlossen. Auch die Zahl der Suizidtoten galt als Staatsgeheimnis. Nun haben im Auftrag des Bundesministeriums für Gesundheit Psychiatrie-Experten eine erste Bestandsaufnahme "Zur Lage der Psychiatrie in der ehemaligen DDR" vorgelegt.

Rund neunzig psychiatrische Krankenhäuser oder Abteilungen an Allgemeinkrankenhäusern wurden durch Fragebogen oder Besuche erfaßt. Nur drei Viertel der stationären Einrichtungen haben die vorgelegten Fragebogen ausgefüllt, und die Besichtigungen müssen im Schnelldurchlauf erfolgt sein – die Termine in den Anstalten in Mecklenburg-Vorpommern und in Sachsen zum Beispiel wurden in nur fünf Tagen absolviert. Manchmal kamen die Besucher über das Direktorenzimmer nicht hinaus.

Das Ergebnis: Psychiatrische Versorgung in der ehemaligen DDR bedeutet in der Regel Verwahrung in baufälligen Großkliniken. In den sächsichen Anstalten Arnsdorf und Altscherbitz/Schkeuditz zum Beispiel nächtigen zehn bis zwanzig Patienten in einem Raum, im Ausnahmefall sogar mehr. Auch in Uchtspringe, mit 1370 Betten die größte Klinik in Sachsen-Anhalt, schlafen in mehr als vierzig Sälen zehn bis zwanzig Patienten auf engstem Raum. Im brandenburgischen Neuruppin stehen bis zu 28 Betten so dicht beieinander, daß nicht einmal ein Nachttisch dazwischen paßt.

Im Bezirkskrankenhaus Stralsund (Mecklenburg-Vorpommern) sind bis zu siebzehn Patienten zusammengepfercht. Viele sind schon zwanzig bis dreißig Jahre dort. Auch sie besitzen nicht einmal einen eigenen Nachttisch. Die einzige Fürsorgerin bangt um ihren Arbeitsplatz. Eine pädagogische Fachkraft gibt es überhaupt nicht und damit auch keine Förderung der Patienten.

In den Kliniken Teupitz und Eberswalde-Finow (Brandenburg) sowie im Krankenhaus Jerichow (Sachsen-Anhalt) sind große Teile des Geländes für Militärhospitäler der Roten Armee abgezäunt. In Jerichow muß jedes einzelne Haus noch mit Kohlen geheizt werden. Die sanitären Einrichtungen sind überall in einem desolaten Zustand. In der Bezirksnervenklinik Brandenburg (1640 Plätze) stammen die Badewannen aus dem letzten Jahrhundert.

In Mecklenburg-Vorpommern ist die nächste Psychiatrie im schlimmsten Falle 160 Kilometer entfernt. Die Psychiatrie in Ueckermünde soll ein Gebiet mit 530 000 Einwohnern versorgen, hat aber nur 65 Betten für akute Fälle. In Thüringen verfügen Stadt und Landkreis Erfurt mit mehr als einer viertel Million Menschen über 51 Behandlungsplätze. Kranke müssen deshalb ins siebzig Kilometer entfernte Großklinikum Mühlhausen transportiert werden; dort gibt es sogar noch Doppelstockbetten. Wohin man auch schaut: Überall herrscht Notstand in den Kliniken; es mangelt an Ärzten, Pflegern, Arbeitstherapeuten, einfach an allem.