Von Eberhard Jäckel

Im November 1945 erklärte ein ehemaliger höherer Beamter des Reichssicherheitshauptamtes namens Hoettl einem amerikanischen Vernehmungsoffizier in Nürnberg, Eichmann habe ihm gesagt, in den verschiedenen Vernichtungslagern seien etwa vier Millionen Juden getötet worden, weitere zwei Millionen hätten auf andere Weise den Tod gefunden, der Großteil von ihnen sei durch die Einsatzkommandos der Sicherheitspolizei während des Feldzuges gegen Rußland erschossen worden. Zwar folgte ihm im Januar 1946 ein enger Mitarbeiter Eichmanns namens Wisliceny mit der Erklärung, Eichmann habe immer von mindestens vier, manchmal sogar von fünf Millionen gesprochen. Aber da war die Sechs-Millionen-Zahl schon in der Welt und blieb bis heute die Symbolchiffre des Mordes an den europäischen Juden.

Die historische Forschung war demgegenüber immer skeptisch. Als Gerald Reitlinger 1953 die erste große Gesamtdarstellung ("Die Endlösung") vorlegte, bezifferte er die Zahl der Opfer auf unter fünf Millionen, und Raul Hilberg, der gründlichste Forscher auf dem Gebiet, schätzte die Gesamtzahl in seinem 1961 erschienenen Standardwerk ("Die Vernichtung der europäischen Juden"), das nun endlich auch in einer deutschen Taschenbuchausgabe vorliegt, auf etwas über fünf Millionen. Er begann übrigens den betreffenden Abschnitt seines Buches ("Statistik der getöteten Juden") mit jener eidesstattlichen Erklärung Hoettls vom November 1945, und das tut auch der Herausgeber eines neuen Werkes, das vom Institut für Zeitgeschichte in München herausgegeben wird. Es errechnet als Gesamtbilanz "ein Minimum von 5,29 Millionen und ein Maximum von knapp über sechs Millionen" und kommt damit der symbolisch gewordenen Zahl wieder näher.

Aber, werden viele fragen, ist das so wichtig? Ist es nicht geradezu zynisch, so viel Forscherfleiß auf eine Ziffer zu verwenden, die für die Beurteilung des Verbrechens ohne jeden Belang ist? Es gehört zu den vielen Verdiensten dieses verdienstvollen Buches, diese Meinung zu widerlegen. Es beweist nämlich im Gegenteil, daß die Frage nach der Zahl geeignet ist, wie eine Sonde in das Geschehen einzudringen und es anschaulich zu machen. Noch immer wird es ja weithin, wie Martin Broszat einmal schrieb, als gleichsam metahistorisches Ereignis aufgefaßt, das vor allem moralisch bewältigt werden muß, im einzelnen aber nicht erforscht werden kann und wohl nicht einmal soll. Mit dieser Einstellung entledigt man sich zugleich der Mühe, dem einzigartigen Verbrechen offen ins Antlitz blicken zu müssen.

Natürlich steht die Zahl nicht irgendwo in den Akten, wo man sie nur zu finden brauchte. Man muß sie mühsam ermitteln, und indem man das tut, entfaltet man den ganzen Vorgang. Benz nennt noch einmal die beiden Wege, zu einem Ergebnis zu gelangen: die direkte Schätzungsmethode und die indirekte Methode eines statistischen Vergleichs und zwar der Zahlen der vorher vorhandenen und der überlebenden Juden. Er sagt auch, daß diese Methode weniger geeignet ist als die andere, und hebt hervor, daß es die Absicht des Buches vor allem sei, die Probleme aufzuzeigen, die der Bestimmung einer absoluten Zahl entgegenstehen.

Ein Problem ist die Definition. Die Nazis verfolgten nicht nur die Glaubensjuden oder diejenigen, die sich selbst für Juden hielten, sondern alle, die sie nach ihrem Rassebegriff zu Juden erklärten. Das erschwert natürlich den Vergleich mit den vorher üblichen Statistiken, die nur die Glaubensjuden verzeichneten. Das viel größere Problem liegt jedoch in den Wanderungs- und Fluchtbewegungen der Verfolgten und das größte in den zahlreichen Grenzveränderungen während des Krieges.

Der Mord erstreckte sich ja auf alle Länder im deutschen Herrschafts- und Einflußbereich, und am Ende waren die Opfer ganz überwiegend, nämlich zu etwa 98 Prozent, nichtdeutsche Juden. Man muß also Land für Land, Gebiet für Gebiet untersuchen, und dabei wird deutlich, daß der Vorgang überall anders verlief, obwohl er zentral von Berlin aus gesteuert wurde. So besteht der Band aus siebzehn Regionalstudien, die von ebenso vielen Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern erstellt wurden. Das bringt natürlich Ungleichartigkeiten mit sich; einige Beiträge sind besser als andere. Problematisch ist auch, daß als Regionen durchweg die Staaten in ihren Vorkriegsgrenzen ausgewählt wurden, die jedoch nur in den wenigsten Fällen wie etwa in den Niederlanden, in Dänemark und Norwegen unverändert blieben.