Von Luc Rosenzweig

Bonn, im Juli

Im Grunde habe ich viel Glück gehabt. Die gute Fee, die über das Schicksal der Journalisten wacht, wenn diese es verstehen, ihr den Hof zu machen, hat mir während meines Deutschlandaufenthalts das schönste Geschenk gemacht, das man in diesem Beruf bekommen kann: das Schauspiel einer Welt im Wandel. Vor vier Jahren kam ich in ein Land, das wohlhabend und grämlich, geteilt und ängstlich war; ich verlasse nun eine Nation, die sich wiedergefunden hat, in der die Hoffnung auf die Zukunft der Angst vor der ökologischen Katastrophe den Rang abgelaufen hat. Die Schwierigkeiten, die überwunden werden müssen, lassen weniger Zeit für die Pflege der gemeinsamen, lebensbedrohenden Depression – der Luxus eines satten Landes.

Seit der Einheit scheint es, als stürben weniger Bäume als zuvor, als seien die Atomkraftwerke weniger bedrohlich, die Männer ein bißchen weniger chauvinistisch. Die unausweichliche Dominanz der Wirklichkeit, das heißt all die täglichen Probleme, die ein Land bewältigen muß, um seine politische Einheit zu vollenden, indem es die soziale Einheit vollbringt, haben die Ängste relativiert. Deren hysterische Behandlung auf einem Hintergrund kollektiver Langeweile hat mich immer wieder irritiert.

Es gab natürlich einige Rückfälle: Der Golfkrieg hat an den Fenstern wohlmeinender Pazifisten weiße Bettücher mit zweifelhaften Aufschriften erscheinen lassen. Während Saddam Hussein Scud-Raketen auf Tel Aviv hageln ließ, hielt es ein tapferer Bürger der ehemaligen Bundeshauptstadt für angebracht, folgenden Leitspruch an seinem Balkon anzubringen: "Israel keep cool!" (Nebenbei bemerkt sei der erstaunliche Wohlstand eines Landes, in dem es sich eine ganze Anzahl von Bürgern leisten kann, ein Bettuch zu opfern, um darauf die eigene Meinung kundzutun.)

Wenn mich mein Aufenthalt in Deutschland eines gelehrt hat, dann dieses: jeder moralisierenden Rede zu mißtrauen und wie vor der Pest vor jener Betroffenheit zurückzuschrecken, die einen zwingt, sich für alles Unglück der Welt verantwortlich zu fühlen. Es macht sich nicht gut, männlich, weiß, wohlhabend und auch ein wenig genußfreudig zu sein in einer Gesellschaft, die ebendiese Eigenschaften regelmäßig an den Pranger stellt. Das ist schade, denn ausgerechnet jene Leute, die am vehementesten eine solche Moralordnung verfechten, stehen mir ideologisch am nächsten, haben ein Stück Jahrhundert durchlaufen, das meinem ähnelt.

Nein, Hans-Christian Ströbele, Alice Schwarzer und Konsorten haben mich trotz all ihrer Anstrengungen nicht aus dem Lager der Linken und der Aufklärung in das Lager der Yuppies, Schickimickis und anderer Spießer getrieben. Aber es braucht Mut und Widerstandskraft, um ihre unablässigen Predigten zu ertragen, die sie bis an die Grenze des Antisemitismus bringen. Fast verzweifelte ich an einer Generation, die ich 1967 in Berlin beeindruckt kennengelernt hatte.