Von Paul Werner

Apo pou ya ti Karthäa, despinis?“ Die ganz in Schwarz gekleidete Alte löst sich mit einem Ruck von der Mauer aus geschichtetem Schiefergestein, an der sie bei unserer lärmenden Ankunft gelehnt hatte. Mit dem Arm weist sie dorthin, wo sich der gewundene, holprige Weg im Nirgendwo zu verlieren scheint. Wir schalten unsere Mopeds ab. „Bei der Zisterne abbiegen, dann zu Fuß weiter“, so etwa lautet die gestenreiche Antwort. Die durchdrehenden Hinterreifen unserer Mopeds wirbeln eine Staubwolke auf. Unser Winken sieht die Frau mit dem sonnenverbrannten Gesicht unter dem tief heruntergezogenen schwarzen Kopftuch wohl nicht mehr.

Vier Städte gründeten ionische Siedler um das Jahr 1000 vor Christus auf Kea, einer nördlichen Kykladeninsel. Nur eine, Karthäa, lag an der Ostseite und blickte hinüber zu den anderen nahen Kykladen, nach Kithnos, Yura, Syros. Die Ruinen von Karthäa aufzuspüren, sind wir hierher nach Chavouna gekommen und haben dabei von Nord nach Süd den größten Teil der Insel überquert. Gestartet sind wir in Korissia, dem verschlafenen Fährhafen von Kea. Dort waren 1974 für kurze Zeit die Führer der gestürzten Obristenjunta interniert, bevor man ihnen in Athen den Prozeß machte. Die gegenüberliegende Insel Makronissos vor Augen, die sie selbst in den sechziger Jahren zu einem Konzentrationslager für Tausende Andersdenkender gemacht hatten, hatten sie Gelegenheit, über die erstaunlichen Wechselfälle des Lebens nachzudenken.

Nach Ioulis hinauf, das knapp unterhalb des Berggipfels vom „Propheten Elias“ liegt, führt die asphaltierte Straße in steilen Haarnadelkurven. Das prachtvolle Panorama, das sich von oben bietet, läßt uns immer wieder innehalten. Zu beiden Seiten der engen Straße von Ioulis nach Poiessa recken uns Ginstersträucher die blühenden Zweige entgegen. Ihr durchdringendes Aroma wirkt wie eine euphorisierende Droge. In schneller Fahrt sehen wir leuchtende Blumenteppiche in grellen Farben vorübergleiten: tiefroten Klatschmohn, zartblaue Iris, goldgelbe Butterblumen, dazu das Smaragdgrün und Lapisblau der See.

An dem unansehnlichen Strand von Poiessa endet die Asphaltstraße abrupt. Dann folgt das unübersichtliche Spinnennetz der steinübersäten staubigen Holperpiste, die unsere leidgeprüften Mopeds wie bockige Esel springen und tanzen läßt. Jenseits der Wegkante liegt nur noch der Abgrund. Manchmal kommt uns ein Bauer auf seinem Maulesel entgegen, den wir nach dem Weg fragen können. Fremde, die sich hierher verirren, müssen selbst sehen, wie sie zurechtkommen. Was wir über die Anreise nach Karthäa gelesen hatten, war abschreckend genug: Karthäa auf dem Landweg, um Gottes willen!

Dann sind wir an der Zisterne. Daneben ein Hinweisschild mit dem akkuraten Schriftzug Asylo thrimmaton, was frei übersetzt soviel wie „Maultierstall“ heißt. Gewiß, die nüchternen, Viehzucht treibenden Inselbewohner setzen andere Prioritäten als wir Touristen. Gleichwohl, die Ruinen des antiken Karthäa ein „Maultierstall“?

Hundert Meter weiter haben die Mopeds vorerst ausgedient. Über zerbrochene, zum Teil schief im Boden versunkene steinerne Stufen geht es, immer am Berghang entlang, hinab in eine abgrundtiefe Schlucht, die so eng ist, daß kaum noch Sonnenlicht hineinleuchtet. Wieder finden wir den Hinweis auf den Maultierstall, dann aber auch ein handgemaltes Schild mit einem zittrigen Pfeil, der zwischen Himmel und Erde scheinbar ins Leere deutet. Darunter, in lateinischer Schrift, „Poles, 4 km“. Poles – das ist die Bucht, in der die Ruinen von Karthäa liegen. Das ist die erste wirklich erfolgversprechende Spur. Die schmerzenden Füsse im viel zu leichten Schuhwerk, stolpern wir weiter, klatschen ab und zu in die Hände und machen auch sonst viel Lärm – um die Schlangen zu verscheuchen. So hat man es uns empfohlen.