Die Obera buffa hat bereits begonnen, bevor der erste Ton erklungen ist: Drei ältere Herren sitzen in der Pressekonferenz zu Krzysztof Pendereckis neuer Oper "Ubu Rex" und freuen sich diebisch. Etwas ganz Respektloses sei ihnen da gelungen, ein Werk mit bösem Witz und drastischen Details. Man müsse sich wirklich auf einen unappetitlichen Abend gefaßt machen. August Everding ist so aufgekratzt, daß er schon vorab seine vermeintlichen Regie-Gags ausplaudert. Penderecki betont, beim Komponieren sei ihm weder Mozart noch Rossini heilig gewesen. Der Bühnenausstatter Roland Topor erzählt, man habe viel improvisieren müssen. Die letzten Partiturseiten seien erst drei Wochen vor der Premiere eingetroffen.

Nur an Geld für eine großspurige Eröffnung der Münchner Opernfestspiele hat es offenbar nicht gemangelt. "Das ist Musiktheater", verkündet Everding stolz. Einige Stunden später stehen die drei Herren auf der Bühne und werden heftig ausgebuht. Eine unflätig spektakelnde Groteske hatten sie aus Alfred Jarrys "Ubu Roi" machen wollen. Am Ende blieben nur ein paar verkrampfte Altherrenwitze, viel Kostüm- und Kulissenklamauk und eine Musik, die immerzu ranschmeißerisch auf Effekt aus ist, die sich eitel in Pose wirft, mit Stilzitaten schöntut und dabei geradezu erschreckend substanzlos bleibt.

Über zwanzig Jahre lang hatte Penderecki den Plan gehegt, das Königsdrama vom fetten, tyrannischen Spießer-Ungeheuer Ubu als Oper zu vertonen. Doch erst jetzt fühlte er sich – wie Verdi bei seinem "Falstaff" – reif für eine Komödie. Eine Summe seiner kompositorischen Arbeit (wie Verdi) zieht Penderecki in dem Stück allerdings nicht. Im Gegenteil, er fällt weiter zurück hinter alles, was er bisher geschrieben hat. Man erinnert sich der kühnen Musiksprache seiner frühen Jahre und kann es kaum fassen, wo Penderecki mit seinem "Ubu Rex" angekommen ist: routinierte große Oper, aufgeschäumt, geschwätzig.

Hier und da hat er den prallen Bildern der Textvorlage vordergründig hinterherillustriert. Immer wieder macht er Anleihen bei der Operngeschichte, ohne ihnen parodistische Schärfe zu verleihen. Das "Holla-he" der neun Rüpel etwa, mit dem die Oper beginnt, klingt wie Wagners "Holländer"-Chor; eine Pointe für das Stück jedoch ergibt sich daraus nicht. Bei Mussorgskij bedient er sich, um mit russischer Folklore zu kokettieren. Die Ensembles in brillanter Rossini-Manier wirken lediglich wie gekonnte satztechnische Fingerübungen.

Mutter Ubu (bravourös: Doris Soffel) muß sich bei jeder Gelegenheit durch kurios überzeichnete Koloraturen singen. Vater Ubu (Robert Tear) bleibt durchweg ein gefälliger Charaktertenor, bei dem man musikalisch von der monströs verzerrten Kleinbürgerfratze, die Jarry in seinem Theaterstück auch im Auge hatte, kaum etwas zu spüren bekommt. Alles in dieser Musik ist nach außen gerichtet, zielt wohlkalkuliert auf Wirkung. Aus den besten Passagen der Partitur, die Michael Boder mit dem Orchester präzise musiziert hat, spricht Pendereckis Gespür für kunstvolle Instrumentation; in den schlimmsten Passagen ist geistloses Musicalgeklingel nicht weit.

Der satirische Zeichner Topor hat dazu auf der Bühne eine wahre Pappmache-Orgie entfacht. Getrieben von der fixen Idee, man könne der wilden Farce mit überbordender Kulissenschieberei beikommen, sticht er eine Dekoration mit der anderen aus. Gleich in der ersten Szene fährt aus dem Bühnenboden ein riesiger, ordentlich gekringelter Kothaufen empor und dient Vater und Mutter Ubu als Ehebett. An fäkalen Witzeleien herrscht kein Mangel: Auf dem Torbogen zu König Wenzels Residenz hat ein überlebensgroßer Bürger die Hosen heruntergelassen und winkt mit der Klopapierrolle; vom Schnürboden hängen Gedärme herab, die sich von Hirnwindungen kaum unterscheiden lassen, denn Kopf und Verdauung, Macht und "Scheiße" sind in Ubus Reich ganz nahe beieinander.

Everding steht mit seiner Personenregie dem Bühnenbild kaum nach: Mutter Ubu darf Strapse tragen und mit den Brüsten wackeln. Ein Rülpser hier, ein Tritt in den Hintern da. So stellt man sich das vor, wenn Opernregisseure schweinigeln – ein bißchen nur, versteht sich.