Von Wolfgang Zank

Am Abend des 1. Juli 1911 lief das deutsche Kanonenboot SMS Panther in den Hafen von Agadir ein. Den Namen dieser südmarokkanischen Stadt kannte bis dahin in Europa kaum jemand. Kein einziger Europäer hielt sich dort auf, denn die marokkanischen Behörden hatten in der Hafenstadt jeden Handel untersagt, desgleichen den Ankauf oder Verkauf von Land in der Umgebung.

Die Panther war trotz ihres furchteinflößenden Namens ein eher unscheinbares Fahrzeug von 62 Meter Länge mit einer Besatzung von 125 Mann. Aber sie trug, und das war hier entscheidend, die Kriegsflagge des Deutschen Reiches. Marokko war formal selbständig, stand aber seit längerem unter französischem Einfluß. Unmißverständlich meldete das Reich nun seinen Anspruch an, bei der Gestaltung der marokkanischen Verhältnisse mitzureden. In den europäischen Hauptstädten, auch in denen deutschfreundlicher Länder, erbleichten Politiker und Diplomaten. Dabei hatte man für den deutschen Wunsch nach Mitsprache durchaus Verständnis. Was entsetzte, waren die Art des Auftretens und die kaum verhüllte Kriegsdrohung.

Der "Panthersprung nach Agadir", wie die Aktion bald genannt wurde, war vor allem das Werk eines Mannes: Alfred von Kiderlen-Waechters, seit 1910 Staatssekretär des Äußeren, also Außenminister. Obschon seit 1879 im diplomatischen Dienst, pflegte er selten ein Blatt vor den Mund zu nehmen. Das verschaffte ihm manches Mal beträchtlichen Ärger. Beispielsweise wurde er 1900 aus der engeren Umgebung des Kaisers, den er als Vertreter des Auswärtigen Amtes auf seinen Auslandsreisen begleitete, entfernt und als Botschafter nach Bukarest strafversetzt. Auf der anderen Seite gewann Kiderlen-Waechter auf diese Weise Profil. In Kreisen des nationalgesinnten Bürgertums galt er als "neuer Bismarck", plädierte er doch seit langem für eine "kraftvolle" Außenpolitik. In Marokko erhielt er bald Gelegenheit, seine Vorstellungen in die Tat umzusetzen.

Das Sultanat Marokko gehörte zu den wenigen Gegenden der Erde, welche die Kolonialmächte noch nicht völlig unter sich aufgeteilt hatten. Allerdings arbeitete vor allem Frankreich daran, diesen Zustand zu ändern. In Paris betrachtete man Marokko schon lange vor der Jahrhundertwende als eine Art natürliche Verlängerung des bereits französischen Algeriens. Das bankrotte Sultanat war finanziell von europäischen Krediten abhängig, und diesen Umstand benutzte die französische Diplomatie, nach Absprachen mit England, Spanien und Italien, die marokkanische Souveränität scheibchenweise auszuhöhlen. Schließlich gab es nur noch Kredite, wenn Marokko seine Zolleinnahmen verpfändete und den Franzosen die Aufsicht über Verwaltung und Polizei einräumte.

Im Jahre 1905 glaubte die deutsche Politik zum ersten Mal einschreiten zu müssen. Demonstrativ landete Kaiser Wilhelm II. in Tanger und schwang sich zum Schutzherrn marokkanischer Unabhängigkeit auf. Eine schwere diplomatische Krise mit Frankreich war die Folge. Sie wurde schließlich auf einer internationalen Konferenz im spanischen Algeciras scheinbar beigelegt. In der sogenannten Algeciras-Akte erhielt Frankreich präzis definierte politische Vorrechte in Marökko verbrieft; es sollte dafür ausländischen Interessenten in Marokko die wirtschaftliche Gleichbehandlung garantieren. Der deutsche Vorstoß war damit im wesentlichen gescheitert. Das Reich hatte eine empfindliche diplomatische Niederlage erlitten.

In Berlin schien man zunächst zu resignieren. Der Kaiser schrieb 1908: "Die elende Marokko-Affaire. muß nun aber zum Abschluß gebracht werden, schnell und endgültig... Es ist nichts zu machen, französisch wird es doch; also mit Anstand aus der Affaire hinaus, damit wir endlich aus den Friktionen mit Frankreich herauskommen ..." Aber, nicht alle Deutschen dachten so. Nationalistische Kreise, die sich im sogenannten Alldeutschen Verband zusammengeschlossen hatten, forderten seit langem eine aggressive Politik zur Erwerbung deutschen Kolonialbesitzes in Marokko. Sie wurden dabei aus Geschäftskreisen unterstützt, welche ein Auge auf die marokkanischen Erzvorkommen geworfen hatten.