Von Thomas Hanke und Wilfried Kratz

Die Einwohner der äußeren Hebriden vor der schottischen Westküste machen sich auf höhere Gemeindesteuern gefaßt: Die Dorfpolitiker hatten nämlich 23 Millionen Pfund bei der Bank of Credit and Commerce International (BCCI) angelegt. Am 5. Juli wurde die BCCI auf Geheiß der Bank von England geschlossen. Wenn die Inselbewohner Pech haben, ist ihr Geld auf Nimmerwiedersehen verschwunden.

Aufsichtsbehörden, Abwickler und Polizei sind in einen Fall vertieft, der bereits als der größte Betrugsskandal der Bankengeschichte bezeichnet wird. Jahrelange und umfangreiche Betrügereien in der Spitze der Bank wurden als Begründung für die koordinierte Schließung der Schalter in einer weltweiten Aktion angegeben.

Die Bewohner der Hebriden sind mit ihren Sorgen nicht allein. Rund um den Globus hatten gutgläubige Sparer und kleine Geschäftsleute ihr Geld der BCCI anvertraut, die in über sechzig Ländern operierte. Von London bis Hongkong protestieren jetzt die Anleger und Angestellten. Vorwürfe gegen die Handhabung der Affäre häufen sich. Manche meinen, die Aufseher hätten viel früher einschreiten müssen. Andere sind der Meinung, die Schließung habe eine schon begonnene Sanierung und Reorganisation der angeschlagenen Bankengruppe verhindert, in die im vergangenen Jahr Scheich Said ibn Sultan al-Nahyan von Abu Dhabi eine Milliarde Dollar gesteckt hatte. Das Ölscheichtum hatte damit seinen Kapitalanteil auf 77 Prozent gebracht.

Die BCCI ist eine Gründung des Pakistani Agha Hassan Abedi, der eine Art „Dritte-Welt-Bank“ konzipierte, die „anders“ sein wollte als die herrschenden Geldhäuser in den traditionellen Finanzzentren. Luxemburg wurde ausersehen als der Sitz einer Holding und einer Aktiengesellschaft, die am Kopf der Gruppe standen. Abedi expandierte in alle Richtungen, nach Europa – vor allem England –, in den Nahen Osten, auf den indischen Subkontinent, nach Afrika, in die Karibik, wo die Cayman-Inseln zu einer Gelddrehscheibe wurden, nach Südamerika und in die USA. Bekannte Politiker förderten ihn dabei. So zählt Abedi den ehemaligen amerikanischen Präsidenten Jimmy Carter und den früheren britischen Labour-Premierminister James (inzwischen Lord) Callaghan zu seinen Freunden. Der 69jährige Abedi lebt heute als kranker Mann in Pakistan und spielte in der BCCI zuletzt praktisch keine Rolle mehr.

Trotz der guten Verbindungen wurde die von Skandalen umwitterte Bank auf der internationalen Finanzbühne mit Vorsicht behandelt. Ekkehard Storck von der Deutschen Bank Luxemburg, direkter Hausnachbar der BCCI, sagt: „Sie hatte ein schlechtes Image, weil die Strukturen nicht durchsichtig waren.“ Dagegen meint ein Luxemburger Bankenaufseher, gegenüber der BCCI sei anfänglich eher „ein Schuß Rassismus im Spiel gewesen, den es in diesem nicht immer respektablen Gewerbe gibt“.

Der Argwohn steigerte sich, als 1988 die Verwicklung in das internationale Rauschgiftgeschäft offenbar wurde. Die BCCI bekannte sich schuldig, über die Filiale Tampa (Florida) vierzehn Millionen Dollar aus dem Kokainhandel zu unverdächtigem Geld gewaschen zu haben. Fünf Angestellte verschwanden hinter Gittern.

Auch als „Kokainbank“ konnte die BCCI freilich ihre Geschäfte weiterführen. Die Experten der britischen Revisionsgesellschaft Price Waterhouse waren seit 1987 die Wirtschaftsprüfer der ganzen Gruppe und testierten die Bilanzen einschließlich des 89er Abschlusses praktisch ohne Einschränkung. Sie wurden entweder hinters Licht geführt oder schauten nicht genau genug hin.

Nachdem Abu Dhabi Hauptaktionär wurde, drängten England und Luxemburg auf klarere Strukturen. Als die BCCI geschlossen wurde, war die Reorganisation bereits fortgeschritten, neue Leute waren engagiert und weiteres Kapital aus Abu Dhabi eingegangen. Warum also griff die Bank von England ausgerechnet jetzt ein?

Die Behörden haben eine Erklärung parat. Dank der Informationen eines ehemaligen Managers der BCCI haben Price Waterhouse auf Betreiben der Bank von England im Frühjahr 1991 neuerliche Nachforschungen angestellt. Der Ende Juni abgelieferte Bericht, der wie ein Geheimdokument behandelt wird, hätte Beweise für die „massiven“ Betrügereien geliefert. Man habe keine andere Wahl mehr gehabt, als die Bank zu schließen und zu liquidieren.

Der Scheich von Abu Dhabi hält die Schließung ohne Vorwarnung dagegen für ungerechtfertigt. Wieso, fragt das Scheichtum, sind Price Waterhouse die langjährigen Unregelmäßigkeiten entgangen? Auf andere Fragen sind die Aufseher die Antworten ebenfalls noch schuldig: Ob Gelder veruntreut wurden oder nur Kredite platzten, ist ebenso unklar wie der Umfang der Verluste. Auch die Personen, die für den Betrug verantwortlich sein sollen, und die davon Begünstigten werden nicht genannt.

Einstweilen blühen die Spekulationen. Die Schätzung der Verluste reicht von mehreren hundert Millionen bis zu phantastischen fünfzehn Millarden Dollar, die das Magazin The Economist nannte. Das würde drei Viertel der Vermögenswerte der Bank ausmachen. Die Behörden begründen ihr Schweigen damit, daß sie die Manipulationen erst im einzelnen aufspüren müßten. Steckt mehr als nur einfache Bilanzfälschung dahinter?

Das BCCI-Netz bot manchen Leuten auch Gelegenheit, Geld vor dem Finanzamt oder anderen unerwünschten Nachforschern zu verstecken. Aus Amerika wird berichtet, auch der Geheimdienst CIA habe sich für seine Transaktionen der BCCI bedient und sogar Ermittlungen behindert.

Vom Skandal nicht betroffen fühlen sich die Aufsichtsbehörden, die nun plötzlich von jahrelangem Betrug reden, vorher aber nichts gemerkt haben. Ob in der Bank von England, im Luxemburger Institut Monetaire oder bei der Europäischen Gemeinschaft, unisono wird die Ansicht vertreten, die Bankenaufsicht habe sich nichts vorzuwerfen. Pierre Jaans, Chef des Luxemburger Institut Monetaire: „Bankenaufsicht ist ein Geschäft unter ehrlichen Leuten, das läuft nicht unter der Annahme, daß man es mit Kriminellen zu tun hat.“

Wie blanken Hohn müssen die um ihre Ersparnisse geprellten BCCI-Kunden den Kommentar eines EG-Beamten empfinden: Zwar habe die Bankenaufsicht nichts wissen können, doch hätten die Anleger sich ja selber denken können, daß etwas faul sein müsse bei einer Bank, die höhere Zinsen bezahle als ihre Konkurrenz.

Die Entschuldigung der Kontrolleure überzeugt nicht. Der Fall BCCI zeigt, daß die Praxis der Aufsicht nicht Schritt gehalten hat mit der Marktentwicklung. Die vielzitierte „Globalisierung der Finanzmärkte“ brachte auch eine Verlagerung des Geschäftes an sogenannte Offshore-Finanzpläne mit sich. Zwar findet eine Steuerung der Aktivitäten von der Konzernzentrale aus statt, die Aufsicht aber ist dezentralisiert.

Die Behörden der Länder, in denen ausländische Niederlassungen aktiv sind, können nur deren Geschäft prüfen. Sie verhalten sich so, als sei die Zweigstelle oder Tochtergesellschaft eine unabhängige Bank und nicht Teil eines internationalen Netzes. Kontakte zu den aufsichtführenden Stellen des Mutterlandes sind „möglicherweise nicht so eng oder häufig“, formuliert die Bank für Internationalen Zahlungsausgleich (BIZ), die Bank der Zentralbanken, diplomatisch. Außerdem gebe es „deutliche Unterschiede in Methodik und Umfang der Bankenaufsicht der einzelnen Länder“. Nicht alle ausländischen Bankniederlassungen sind einer externen Rechnungsprüfung unterworfen, „und selbst wo sie es sind, wird diese Rechnungsprüfung vielleicht nicht immer gründlich genug durchgeführt“, schreibt die BIZ.

Das führt dazu, daß die für den Gesamtverbund zuständige Behörde des Mutterlandes hinters Licht geführt werden kann. Sie erhält unvollständige Informationen, sitzt zu weit vom Schuß und ist möglicherweise auch personell viel zu schwach, um ihrer Aufgabe gerecht zu werden. Erst recht gilt das für Institute wie die BCCI, die weder ihr Hauptgeschäft noch den größten Teil ihres Personals am Sitz der Muttergesellschaft in Luxemburg hat. Die Bankenaufsicht war deshalb überfordert. Ein Mitarbeiter des Luxemburger Institut Monetaire gibt unumwunden zu, daß eine weltweit arbeitende Bank wie die BCCI für Luxemburg ein zu großer Brocken ist.

Auch die EG kann oder will nicht helfen. Zwar erläßt sie gemeinsame Vorschriften für Finanzinstitute, doch ist die Anwendung nicht ihre Sache. Die EG-Gesetzgebung in Sachen Finanzdienstleistungen steht außerdem ganz im Zeichen der Liberalisierung des EG-Marktes. Nur das absolute Minimum an neuen, gemeinsamen Regeln soll geschaffen werden.

In Zukunft könnten sich die Probleme sogar noch mehren. Von 1993 an können nämlich die nationalen Behörden die in ihren Ländern bestehenden Zweigstellen einer ausländischen Bank nicht mehr oder nur noch sehr eingeschränkt überprüfen – es gilt das Prinzip der Heimatlandkontrolle: Das Land der Muttergesellschaft ist für die gesamte Aufsicht zuständig, auch über Auslandsniederlassungen. Gleichzeitig gibt es einen einzigen „EG-Paß“ für Kreditinstitute: Wer eine Banklizenz in einem Mitgliedstaat erhalten hat, braucht in den anderen Ländern der Gemeinschaft keine mehr zu beantragen, um dort tätig werden zu können. Gerade die Lizenzvergabe aber ist der Moment, in dem die Aufsicht noch Einfluß nehmen kann.

Trotz der aufgetragenen Selbstzufriedenheit ist den Verantwortlichen durchaus klar, daß sie in manchen Fällen auf verlorenem Posten stehen – das zeigt der Fall BCCI – Luxemburg: Eigenen Aussagen zufolge bemühte Jaans sich seit Jahren, die Zuständigkeit für die schwer kontrollierbare BCCI loszuwerden. „Aber keine andere Behörde hat sich darum gerissen, die Aufsicht über eine Bank zu übernehmen, die in so vielen Ländern aktiv ist.“

Trotz dieser eingestandenen Schwächen wird der BCCI-Zusammenbruch mit seinen Milliarden-Verlusten so dargestellt, als handele es sich um einen Hagelschauer, gegen den man machtlos ist. Der Hintergrund für diese Großzügigkeit: Schon jetzt laufen die Banken weltweit Sturm gegen die vor einiger Zeit verschärften Auflagen für das Verhältnis von Krediten und Eigenkapital. Sie sollen dafür sorgen, daß ein Institut kapitalmäßig auf größere Forderungsausfälle vorbereitet ist. Die Kreditinstitute bekämpfen diese hemmenden Auflagen mit dem Argument, ihre Kreditvergabe werde unnötig beschränkt und bremse dadurch die Konjunktur. In diese Landschaft passen verschärfte Aufsichtsregeln überhaupt nicht. Doch ein Mitarbeiter der Bundesbank hat zumindest eine vage Hoffnung: „Vielleicht wird der Trend zur Lockerung durch den Fall BCCI gebremst.“