Auch als „Kokainbank“ konnte die BCCI freilich ihre Geschäfte weiterführen. Die Experten der britischen Revisionsgesellschaft Price Waterhouse waren seit 1987 die Wirtschaftsprüfer der ganzen Gruppe und testierten die Bilanzen einschließlich des 89er Abschlusses praktisch ohne Einschränkung. Sie wurden entweder hinters Licht geführt oder schauten nicht genau genug hin.

Nachdem Abu Dhabi Hauptaktionär wurde, drängten England und Luxemburg auf klarere Strukturen. Als die BCCI geschlossen wurde, war die Reorganisation bereits fortgeschritten, neue Leute waren engagiert und weiteres Kapital aus Abu Dhabi eingegangen. Warum also griff die Bank von England ausgerechnet jetzt ein?

Die Behörden haben eine Erklärung parat. Dank der Informationen eines ehemaligen Managers der BCCI haben Price Waterhouse auf Betreiben der Bank von England im Frühjahr 1991 neuerliche Nachforschungen angestellt. Der Ende Juni abgelieferte Bericht, der wie ein Geheimdokument behandelt wird, hätte Beweise für die „massiven“ Betrügereien geliefert. Man habe keine andere Wahl mehr gehabt, als die Bank zu schließen und zu liquidieren.

Der Scheich von Abu Dhabi hält die Schließung ohne Vorwarnung dagegen für ungerechtfertigt. Wieso, fragt das Scheichtum, sind Price Waterhouse die langjährigen Unregelmäßigkeiten entgangen? Auf andere Fragen sind die Aufseher die Antworten ebenfalls noch schuldig: Ob Gelder veruntreut wurden oder nur Kredite platzten, ist ebenso unklar wie der Umfang der Verluste. Auch die Personen, die für den Betrug verantwortlich sein sollen, und die davon Begünstigten werden nicht genannt.

Einstweilen blühen die Spekulationen. Die Schätzung der Verluste reicht von mehreren hundert Millionen bis zu phantastischen fünfzehn Millarden Dollar, die das Magazin The Economist nannte. Das würde drei Viertel der Vermögenswerte der Bank ausmachen. Die Behörden begründen ihr Schweigen damit, daß sie die Manipulationen erst im einzelnen aufspüren müßten. Steckt mehr als nur einfache Bilanzfälschung dahinter?

Das BCCI-Netz bot manchen Leuten auch Gelegenheit, Geld vor dem Finanzamt oder anderen unerwünschten Nachforschern zu verstecken. Aus Amerika wird berichtet, auch der Geheimdienst CIA habe sich für seine Transaktionen der BCCI bedient und sogar Ermittlungen behindert.

Vom Skandal nicht betroffen fühlen sich die Aufsichtsbehörden, die nun plötzlich von jahrelangem Betrug reden, vorher aber nichts gemerkt haben. Ob in der Bank von England, im Luxemburger Institut Monetaire oder bei der Europäischen Gemeinschaft, unisono wird die Ansicht vertreten, die Bankenaufsicht habe sich nichts vorzuwerfen. Pierre Jaans, Chef des Luxemburger Institut Monetaire: „Bankenaufsicht ist ein Geschäft unter ehrlichen Leuten, das läuft nicht unter der Annahme, daß man es mit Kriminellen zu tun hat.“