Von Sigrid Löffler

Als gelernter Prinz weiß Rudolf Nurejew sich edel zu gebärden. Aus "Schwanensee", "Giselle", "Raymonda" und "Dornröschen" eilen ihm die verkörperten Erinnerungen an prinzliches Gebaren zur Hilfe, alle jemals getanzten Romeos, Armands, Hamlets und Tancredis stellen sich als leibhaftige Gedächtnisbilder ein, um dem hageren Mann im Designer-Frack zu soufflieren, wie man den Blicken der Menge anmutig standhält.

Auch auf einem winzigen Orchesterpodium steht er wie auf einer Riesenbühne, die Füße finden wie von selbst die klassischen Ballettpositionen. Die Hüften drehen geschmeidig, die Schultern wissen, wie man sich scheinbar mühelos, aber höchst bewußt strafft und wendet.

Die Arme aber sind der Clou. In vollendeten runden Bögen, kontrolliert bis in die Fingerspitzen, mit seidig, aber doch kraftvoll drehenden Handgelenken zeichnen sie allerlei Arabesken in die Luft, kreisen in ruhiger Selbstherrlichkeit um die Schultergelenke, gewittern, wo es angebracht erscheint, auch mal nervös, immer aber delikat.

Rudolf Nurejew dirigiert Haydns Symphonie Nr. 73 ("Die Jagd").

Der Dirigent ist die neueste Prinzenrolle des russischen Tänzers. Ein schöner Part: Er gestattet Nurejew, den souveränen Körperausdruck eines Ballettstars von Geblüt vor Publikum darzubieten, dispensiert ihn aber von den Beschwerlichkeiten großer Sprünge.

In genau ausgesuchter Halböffentlichkeit – nämlich im Rahmen sommerlicher Touristenkonzerte im Palais Auersperg – und mit trefflich kalkulierter Auftrittsstrategie hat der weltberühmte Tänzer Anfang Juli in Wien seinen lange geplanten Karrierewechsel lanciert, der vielleicht ein neuer Karriereanfang werden könnte: "Jedenfalls würde ich mir das wünschen", sagt er.