Die amerikanische Journalistin Marilyn vos Savant gilt als der Mensch mit dem höchsten Intelligenzquotienten der Welt, was immer das bedeuten mag. Ende letzten Jahres hat sie mit der Lösung einer Denksportaufgabe in ihrer Kolumne "Fragen Sie Marilyn" einen Sturm hämischer bis empörter Leserbriefe ausgelöst, der noch immer anhält. Was die Journalistin in der Zeitschrift Parade geschrieben hatte, widersprach nämlich der Intuition ihrer Leserschaft, darunter vieler Mathematiker.

Ein Leser hatte ihr folgende Frage gestellt: Sie nehmen an einer Spielshow im Fernsehen teil, bei der Sie eine von drei verschlossenen Türen auswählen sollen. Hinter einer Tür wartet der Preis, ein Auto, hinter den beiden anderen stehen Ziegen. Sie zeigen auf eine Tür, sagen wir Nummer eins. Sie bleibt vorerst geschlossen. Der Moderator weiß, hinter welcher Tür sich das Auto befindet; mit den Worten "Ich zeige Ihnen mal was" öffnet er eine andere Tür, zum Beispiel Nummer drei, und eine meckernde Ziege schaut ins Publikum. Er fragt: "Bleiben Sie bei Nummer eins, oder wählen Sie Nummer zwei?" – ja, was tun Sie jetzt?

Zwei Türen, hinter einer steckt der Gewinn, also ist es gleich, ob eins oder zwei gewählt wird, redet uns die Intuition ein, und so dachten wohl auch alle Leser. Falsch, sagt die IQ-Weltmeisterin, Nummer zwei habe bessere Chancen, und sie argumentiert so: Tür Nummer eins hat eine Ein-Drittel-Chance. Zeigt der Quizmaster nun, daß Tür drei als richtige Antwort ausfällt, verbleibt eine Zwei-Drittel-Chance bei Nummer zwei. Anders ausgedrückt: der kombinierte Fall, daß Tür zwei oder Tür drei das Auto verbergen, hat eine Wahrscheinlichkeit von zwei zu drei. Diesen Wert kann aber nur Tür zwei bekommen, weil Tür drei die Ziege zeigt. Der Witz ist, daß die Kandidatin bei ihrer zweiten Wahl über mehr Informationen verfügt als bei der ersten; denn der Spielleiter öffnet ja nicht die Tür, hinter der sich der Preis befindet.

"Es gibt schon genug mathematische Unwissenheit in diesem Land", schrieb ein Akademiker an Parade, "wir brauchen nicht den höchsten IQ der Welt, um diese Unwissenheit zu vertiefen. Schämen Sie sich!" Ein anderer Leser vermerkte höhnisch: "Vielleicht haben Frauen eine andere Sicht mathematischer Probleme als Männer." Die Kette der Leserbriefe riß nicht ab. Marilyn vos Savant versuchte in weiteren Kolumnen, ihren Gedankengang zu erläutern und schlug sogar eine Testreihe vor, um die Wahrscheinlichkeitswerte zu überprüfen. Aber es half nicht. 92 Prozent der Briefe, die sie erhielt, wollten beweisen, daß sie sich geirrt habe. Frank Anderson, Leiter des Instituts für Mathematik an der Universität von Oregon: "Auf Konsens kommt es nicht an, sie hat hundertprozentig recht."

Eine aufschlußreiche Geschichte, entnommen dem Skeptical Inquirer, der Zeitschrift einer amerikanischen Organisation, die sich ansonsten mit Behauptungen der Parawissenschaften auseinandersetzt. Selbst Wissenschaftler lassen sich gelegentlich von ihrer Intuition hinreißen; gelehrte Gewißheit beruht oft auf nichts anderem.

Gero von Randow