Warum eine Kommunistin ausgezeichnet wurde

Gladbeck / Bottrop

Dies ist ein großer und bewegender Augenblick im politischen Leben der Gladbecker Stadträtin Erika Köhn. Für „besondere Verdienste“ wird ihr die Plakette der Stadt Gladbeck verliehen, der höchste Orden, den die Ruhrgebietsstadt zu vergeben hat. Die Ratsmitglieder aller Fraktionen erheben sich von ihren Sitzen, Bürgermeister Wolfgang Röken hebt zur Laudatio an, und betont, der Beschluß, Frau Köhn zu ehren, sei „einstimmig und ohne Stimmenthaltung“ gefallen. Dies zeuge vom hohen „persönlichen Ansehen“, das sie sich erworben habe. Röken: „Für die alltäglichen Probleme haben Sie ein offenes Ohr, Sie sind Ansprechpartnerin für die kleineren und größeren Nöte Ihrer Mitmenschen.“

Erika Köhn ist sichtlich ergriffen. Noch vor einem Jahr, meint sie, seien solche Worte und eine solche Auszeichnung undenkbar gewesen. Vor einem Jahr noch hätten Kollegen aus den anderen Parteien im Rat ihr und ihren Fraktionsgenossen nahegelegt, das Parlament zu verlassen. „Sie haben doch jetzt Ihre Daseinsberechtigung verloren!“ habe es ihnen entgegengeschallt, wenn sie sich zu Wort meldeten. Erika Köhn ist Mitglied der vierköpfigen Fraktion der Deutschen Kommunistischen Partei (DKP) im Gladbecker Rat – und die erste Kommunistin, die mit der Stadtplakette geehrt wurde.

Seit Mitte der siebziger Jahre sitzen die Kommunisten im Parlament der 80 000 Einwohner zählenden Stadt – mit einem von Wahl zu Wahl steigenden Stimmenanteil. Anfang Oktober 1989 verbesserten sie ihr Ergebnis von 6,7 auf 8,0 Prozent. Bürgermeister Röken, ein Sozialdemokrat, meint freilich, wäre nur sechs Wochen später, nach dem Fall der Mauer am 9. November 1989, gewählt worden, hätten die Kommunisten den Einzug ins Rathaus nicht geschafft: „Die haben doch noch zu Krenz’ Zeiten die DDR als Arbeiter- und Bauernparadies hingestellt.“

Das Ende der Kinderferienlager

Die Gladbecker Kommunisten sehen es genau umgekehrt: Tausende von Flüchtlingen hatten zum Zeitpunkt der Kommunalwahl die DDR ja bereits verlassen, Honeckers Sturz und der Zusammenbruch der DDR war bereits zum Greifen nah gewesen – und dennoch seien die Kommunisten wiedergewählt worden, meint DKP-Ratsherr Franz-Josef Peine. Die Gladbecker hätten die DDR und ihr Ende eigentlich nie mit den Kommunisten im Rat in Verbindung gebracht. Sie wüßten vielmehr den Einsatz der DKP-Mandatsträger an Ort und Stelle zu schätzen. Dies treibe nun sogar mitunter groteske Blüten: Im DKP-Zentrum, wo die Partei nach wie vor eine „Bürgerberatungsstelle“ unterhält, häuften sich in jüngster Zeit die Anrufe von Eltern, die sich erkundigen wollten, bis wann sie denn ihre Kinder für die alljährliche Ferienfahrt an die Ostsee anmelden müßten. Daß es die DDR-Ferienlager gar nicht mehr gibt, berichtet Peine, verstünden die Leute nicht.