Von Marlies Menge

Fürstenberg, im Juli

Schon Kilometer vor der Stadt geht nichts mehr. Autoschlangen stauen sich, weil in Fürstenberg demonstriert wird, nicht gegen den Supermarkt auf dem KZ-Gelände, sondern für ihn: Fürstenberg gegen den Rest der Welt. Die Menschen stehen vor ihren Häusern und diskutieren. Sie kennen die neueste Meldung: Der Kaiser’s Supermarkt auf dem KZ-Gelände wird nicht eröffnet, er soll an anderer Stelle neu gebaut werden. Die meisten sind wütend. Sie schimpfen auf die, die gegen den Supermarkt demonstrieren, gegen die ehemaligen Häftlinge, die jüdischen Organisationen, die Sinti und Roma.

„Gestern hat eine gesagt, ganz Fürstenberg ist faschistisch“, schimpft ein Mann, leicht lallend, und nimmt einen Schluck vom Lübz-Bier. „Das muß man sich doch nicht gefallen lassen!“ Sie sind böse auf die Journalisten: „Das sind alles Banditen! Haben keine Ahnung.“ Sie fühlen sich in die Enge getrieben. Einige reagieren aggressiv wie trotzige Kinder, andere verteidigen sich. „Warum sollen denn Fürstenberger mehr schuld sein als Berliner oder Hamburger?“ fragt eine Frau. „Immer diese deutsche Besserwisserei, immer dieses selbstgerechte Einteilen in Gut und Böse.“

Dort, wo es rechts abgeht zur Mahn- und Gedenkstätte im Ortsteil Ravensbrück, stehen die Fürstenberger und lassen kein Auto weiter. Eine junge Frau mit eislutschendem Kind an der Hand empört sich: „Was wollen wir denn schon? Wir wollen einen Supermarkt am Rande der Stadt, wo wir bequem und billig einkaufen können. Er ist doch weit genug von der Gedenkstätte entfernt. Man kann ja dazwischen eine Mauer ziehen.“

Aber steht der Supermarkt nicht auf dem ehemaligen KZ-Gelände, einem Lager, in dem zwischen 1939 und 1945 über 90 000 Frauen und Kinder ermordet wurden? „Ja gut“, gibt sie zu, „an der Stelle soll ein Kartoffellager gewesen sein.“ Sie hätten eben gedacht, mit der Wende würde sich alles ändern: „Schluß mit dem Parteichinesich, mit der Stasi-Bespitzelung und eben auch mit diesem verlogenen Antifaschismus-Getue: Zwei Großveranstaltungen im Jahr hier, und das war’s.“ Dann folgt, was in Fürstenberg häufigstes Argument für den umstrittenen Supermarkt ist: „Wenn die Russen da gefeiert haben, hat keiner sich aufgeregt. Wenn die ihr ‚Valencia‘ gespielt haben, das hat man bis nach Drögen, ins nächste Dorf, gehört.“ Genau da, wo jetzt der Supermarkt steht, hätten die Russen Schießen geübt, sei verseuchte Erde hingekippt worden, hätten Zirkuszelte gestanden. „Ist das etwa besser als ein sauberer, schöner Supermarkt, der Arbeitsplätze bietet?“ Und überhaupt hätte man sich das alles früher überlegen sollen. Immerhin hat der Wuppertaler Bauunternehmer Bock im Herbst 90 der Stadt das Gelände für 24 000 Mark abgekauft und darauf den Supermarkt bauen lassen, von einer ortsansässigen Baufirma.

Erst im Sommer, als der Bau schon abgenommen war, setzten die Proteste ein. Bürgermeister Wolfgang Engler verteidigte die Errichtung des Supermarktes: Die Stadt wolle sich nicht länger vom KZ erdrücken lassen, der Supermarkt normalisiere das Leben. Die Fürstenberger klatschten ihm Beifall. Heute, sagt er, würde er sensibler entscheiden. Die Proteste weiteten sich aus. Die märkische Kleinstadt mit ihren 6000 Einwohnern, rund hundert Kilometer nördlich von Berlin, erfuhr internationale Beachtung. Die brandenburgische Landesregierung konnte sich nicht entscheiden. Als Mittwoch letzter Woche Kulturminister Hinrich Enderlein von einem Baustopp sprach, dementierte sofort das Wohnungsministerium Mittwochabend beschloß eine Arbeitsgruppe in Potsdam, daß der Supermarkt stehenbleibe, um Schadensersatzforderungen in Millionenhöhe zu vermeiden. Es hagelte Proteste. Am Freitag verlautete aus dem Potsdamer Kulturministerium, das Einkaufsgebäude könne auf andere Weise genutzt werden, als Bibliothek oder kulturelle Begegnungsstätte. Der Tengelmann-Konzern, zu dem Kaiser’s gehört, zeigte sich bereit, auf die Eröffnung des Supermarktes zu verzichten.