Staub? Natürlich liegt eine dicke Staubschicht auf den drei Akten von Hofmannsthals Lustspiel "Der Schwierige". Der Puder der Vergänglichkeit hatte sich abgelagert schon während der mehr als zehn Jahre, die Hugo von Hofmannsthal sich mit diesem Requiem auf Alt-Österreich und eine lieb vertrottelte Adels-Gesellschaft herumgequält hat. Wie schrieb Alfred Kerr nach der Uraufführung 1921 in München: "Ein Verlobungslustspiel aus der Komtessenschicht ... Das ‚feine‘ Lustspiel älterer Ordnung. Beinahe lauschig-plauschig; oder soll man schreiben: vornehm-behaglich? oder soll man schreiben: langwei..."

Aus Kerrs drei Pünktchen müßte eine Inszenierung, wenn man sie denn will, siebzig Jahre später entstehen, zumal in österreichischen Landen, in Salzburg, wo Hofmannsthal, zusammen mit Max Reinhardt und Richard Strauss, 1917 die Festspiele gegründet hat. Jürgen Flimm scheint an die tragisch verschattete Komödie nicht zu glauben: Wie sonst wäre der polternde Ausrutscher dieses Regisseurs mit vorzüglichem Ensemble zu verstehen? Als ob Flimm die Klage des Grafen Altenwyl wahr machen wollte, der im zweiten Akt seufzt: "Die jungen Leut wissen ja gar nicht mehr, daß die Sauce mehr wert ist als der Braten – da herrscht ja eine Direktheit!"

Staub also. Aber eher der schimmelduftende Flaum auf einer abgelagerten Flasche, die liebevoll entkorkt werden muß. An solch andächtiger Vorsicht fehlt es in Salzburg fast vier Stunden lang...

*

Asche? Natürlich ist Mozarts "Requiem", wie jede Totenmesse, vom ersten bis zum letzten Wort und Ton ein Bittgesang für die Seele über der Asche, zu der wir alle werden – wie viel mehr gerade Mozarts Bruchstück gebliebene Seelenmesse, vor deren Vollendung der Komponist vor zweihundert Jahren gestorben ist. Wie heißt eine Textvariante in Ferdinand Raimunds "romantischem Original-Zaubermärchen" vom "Bauer als Millionär"? Der vom Waldbauer zum Millionär und wieder zum Bettler gewordene Fortunatus Wurzel singt als "Aschenmann" sein berühmtes "Aschenlied": "Es ist halt so bestimmt, / Wie es der Mensch auch nimmt / Die Welt könnt nicht bestehn, / Wer kommt, muß wieder gehn. / Drum schleich ich langsam vor,/Ich trag zwar keinen Flor, / Doch schwarz ist mein Gemüt, / Ich sing mein Abschiedslied. / Ein Aschen!"

Das müßte wagen – die Aschen, den Bruch, die Brüche, das Unfertige, das aus Schicksalsgründen fragmentarisch gebliebene Werk, wer so vermessen ist, aus Mozarts "Requiem" ein "Ballett" zu machen. Doch gerade dies will John Neumeier nicht. Vollmundig redet er vom Tod – und flieht vor ihm in seinem künstlerischen Werk: "Ich empfinde das Stück so, als wohnte ich einer Totenmesse für einen Freund bei, gleichzeitig bete ich für mich selbst... Es ist eine Serie von Meditationen – sozusagen zwischen Leben und Tod; in der Zeit von Aids wissen auch junge Menschen unglaublich viel darüber."

Die private Trauer des Choreographen ist eines; ein anderes ist Neumeiers Werk. Dem Tod, der Trauer will er Mozarts "Requiem" als "Werk im Ganzen" entgegenstemmen. Und so kommt er dazu, "Texte der gregorianischen Totenmesse zwischen die entsprechenden Texte des ‚Requiems‘ von Mozart zu setzen und fehlende Teile in der Komposition Mozarts durch gregorianische Gesänge zu ersetzen".