Von Gerhard Paul

Am Spätnachmittag des 17. Oktober 1940 fanden Jäger in der Nähe des französischen Städtchens St. Marcellin die stark verweste Leiche eines Mannes. Die Papiere wiesen den Toten als den 51jährigen Wilhelm (Willi) Mümenberg aus Erfurt aus. Für die ermittelnde Gendarmerie bestand kein Zweifel, daß der Mann einige Monate zuvor Selbstmord begangen hatte. Bald jedoch schon geriet Münzenbergs Ende in den Strudel der ideologischen Auseinandersetzung, handelte es sich bei dem Toten doch um eine der schillerndsten Persönlichkeiten der deutschen Arbeiterbewegung: den einstigen Kampfgefährten Lenins und Mitbegründer der Kommunistischen Jugendinternationale, den roten Medienzaren und Reichstagsabgeordneten der Weimarer Republik, den Initiator der Pariser Lutetia-Volksfront – des einzigen bedeutenden Versuchs der Bildung einer deutschen Exilregierung – und den zuletzt erbitterten Widersacher Stalins. Das Intrigenspiel Walter Ulbrichts während der Lutetia-Verhandlungen, der deutsch-sowjetische Nichtangriffspakt von 1939 und die imperialistische Politik der Sowjetunion seit Kriegsbeginn hatten Münzenberg zum Bruch mit dem Kommunismus veranlaßt und ihn 1939 gar öffentlich den Sturz Stalins fordern lassen.

Innerhalb weniger Monate brach das Stützkorsett zusammen, das Kommunisten wie Miltenberg bislang bei der Stange gehalten hatte. Der siegesgewisse Fortschrittsoptimismus wich düsteren Zukunftszweifeln, das glühende Vertrauen. in den sowjetischen Modellstaat einem abgrundtiefen Haß; Skepsis bezüglich der Resistenz der deutschen Arbeiterschaft gegenüber dem Nationalsozialismus löste die Hoffnung auf proletarische Solidarität ab. Während die eine Seite Münzenbergs Tod aus durchsichtigen Motiven der Gestapc in die Schuhe zu schieben versuchte, stand für die Gegenseite von vornherein fest: Stalins Häscher hatten Münzenberg auf dem Gewissen. Ein Selbstmord des rast- und ruhelosen Organisationstalents paßte weder ins heroische Bild seiner Freunde noch in die publizistischen Klischees des Katen Krieges. Zu Münzenbergs 50. Todestag lebte die Diskussion um dessen Tod in den Leserbriefspalten der Frankfurter Rundschau noch einmal auf, ohne aber neues Beweismaterial zu liefern.

Um so verdienstvoller erscheint bei erstem Hinsehen der Versuch von Harald Wessel – lange Zeit stellvertretender Chefredakteur des Neuen Deutschland und hobbymäßiger Münzenberg-Forscher –, durch neue Fakten die Hintergründe des Todes jenes Mannes aufhellen zu wollen, der in der ehemaligen DDR jahrzehntelang als "trotzkistischer Verräter" und "angloamerikanischer Spion" diffamiert und erst 1990 von Gregor Gysis PDS rehabilitiert wurde. Wessel konzentriert sich auf die letzten Jahre Münzenbergs von 1933 bis 1940. Er folgt seiner überstürzten Flucht aus Deutschland zunächst ins rettende Saarland, dann nach Frankreich, schildert seine vielfältigen Aktivitäten im französischen Exil und seine Reisen nach Moskau, beleuchtet die Auseinandersetzungen mit Ulbricht im Lutetia-Ausschuß, versteht Licht in das parteiinterne Intrigenspiel zu bringen, das schließlich zum Ausschluß Münzenbergs aus der KPD führte, widmet sich dessen Abrechnung mit Stalin und setzt sich abschließend mit den verschiedenen, in der Literatur kolportierten Todesversionen auseinander. Überzeugend schließt Wessel dabei die Ermordung Münzenbergs durch Stalins Geheimdienst und Hitlers Gestapo aus, die Münzenberg noch nach dessen Tod in ihren Fahndungslisten führten, und kehrt zur Selbstmordversion zurück, die in der Zwischenzeit auch durch das wiederentdeckte, lange Zeit verschwundene Protokoll der Gendarmerie von St. Marcellin Bestätigung fand.

Gleichwohl bleibt das voluminöse Werk unbefriedigend, da es zwar die wichtigsten Etappen von Münzenbergs Lebensweg seit Hitlers Machtantritt und die äußeren Todesumstände schildert, nicht aber das komplizierte Hintergrundgeflecht aufhellt, das Münzenberg zu seinem Freitod motivierte. Vielmehr entfaltet Wessel die neuen Strickmuster einer Wendegeschichtsschreibung der ehemaligen SED-Parteigänger, die da heißen: Ignorieren, Ausklammern und Umdeuten. Während er dem Leser seitenweise Nebensächliches – so über die Berliner Freundin von Münzenbergs Chauffeur – mitteilt, bleiben der schmerzhafte Wandlungs- und Lernprozeß Münzenbergs, die Trauer über den Verlust seiner identitätsstiftenden Vorbilder und die depressiven Schübe, die er seit 1938 durchlebte, im dunkeln. Aber gerade die Enttäuschung über die Politik der KPD, das Scheitern des antifaschistischen Widerstandes in Deutschland und die Kulissenpolitik Ulbrichts, über Stalins Teufelspakt mit Hitler und den Überfall der Roten Armee auf das benachbarte Finnland war es, die Münzenberg den Boden unter den Füßen wegzog und ihn seit 1939 in eine tiefe lebensgeschichtliche Krise geraten ließ.

Von alledem erfährt der Leser nur wenig. Unverständlich ist es, daß der Bruch mit Stalin, dem Münzenberg noch 1937 sein "absolutes und unbegrenztes Vertrauen" aussprach, ebenso wie die Enttäuschung über die sowjetische Aggressionspolitik nur nebenbei Erwähnung findet. Unbegreiflich bleibt auch, warum Wessel nicht die vielen Schriften Münzenbergs einer Analyse unterzog, die er nach dem Bruch mit der KPD verfaßte und die Auskunft über seinen Gemütszustand geben. Der Versuch, den Lernprozeß Münzenbergs von einem stromlinienförmigen Stalinisten zu einem zweifelnden, in seinen politischen Grundüberzeugungen tief erschütterten demokratischen Sozialisten zu begreifen, muß daher mißlingen. Nichts erfährt der Leser auch über Münzenbergs Zukunftsvorstellung eines freien, demokratischen und sozialistischen Deutschlands in einem föderativ strukturierten Europa. Gerade dieses Zukunftsmodell ist das politische Lernergebnis des gescheiterten Kommunisten und kontrastiert deutlich zu seinen stalinistischen Ergüssen vor 1937.

Nach wie vor bleiben Fragen offen: Wann setzte Münzenbergs Ablösungsprozeß von der KPD ein? Warum verteidigte er so lange, zu lange Stalins tödliche Schauprozesse, denen auch eigene Freunde zum Opfer fielen? Warum schonte er in seiner Abrechnung mit dem Kommunismus so übermäßig lange den sowjetischen Führer? Was ging in dem Mann vor, dem seine Partei und die Sowjetunion politisch und mental Heimat geworden waren, nachdem er den Bruch mit seiner Vergangenheit vollzogen hatte? Alles das sind auch höchst aktuelle Fragen, deren Beantwortung unser Verständnis der schwierigen Ablösungsprozesse erweitert hätte, die ehemalige Kommunisten derzeit durchmachen. Gerne hätte man auch mehr erfahren über die kleinen sozialistischen Gruppen wie die "Freunde der sozialistischen Einheit", denen sich Münzenberg nach seiner Trennung von der KPD zugewandt hat. Völlig unerwähnt bleibt schließlich Dieter Schillers Zweifel, ob Münzenberg wirklich der Verfasser der von Wessel zum "Jahrhundertwerk" hochgelobten Studie "Propaganda als Waffe" war oder ob nicht Kurt Kersten als Autor anzusehen ist.