Honecker verschärfte die Teilung Berlins von Tag zu Tag

Von Peter Möbius und Helmut Trotnow

Das Wort von der Berliner „Mauer“ tauchte erstmals am 15. Juni 1961 auf. Ausgesprochen wurde es von Walter Ulbricht, dem Generalsekretär der SED und mächtigsten Mann in der damaligen DDR. Für die Zeitgenossen ziemlich unvermittelt, nutzte der Staatsratsvorsitzende bei einer internationalen Pressekonferenz in Ost-Berlin die Frage einer Frankfurter Journalistin zu einer recht grundsätzlichen Erklärung: „Ich verstehe Ihre Frage so, daß es Menschen in Westdeutschland gibt, die wünschen, daß wir die Bauarbeiter der Hauptstadt der DDR mobilisieren, um eine Mauer aufzurichten, ja? Mir ist nicht bekannt, daß eine solche Absicht besteht...“

Fast auf den Tag genau zwei Monate später, am 13. August 1961, geschah eben das, was der DDR-Chef so vehement ausgeschlossen hatte. Quer durch Berlin und mitten durch Deutschland wurde eine Grenze aus Beton und Stacheldraht gezogen. Der „Eiserne Vorhang“, von dem der britische Premierminister Winston Churchill bereits 1946 gesprochen hatte, war nun wirklich niedergegangen. Aber erst jetzt, dreißig Jahre später, da die Archive der ehemaligen DDR nach und nach ihre Schätze hergeben, läßt sich ein Bild nachzeichnen, wie die Aktion des 13. August, von der die westliche Welt mitsamt ihren Geheimdiensten überrascht wurde, von der SED-Führung vorbereitet und in die Tat umgesetzt worden ist und welche politischen Absichten damit verbunden waren.

Die entscheidende außerordentliche Sitzung des Politbüros, bei der formell beschlossen wurde, die Grenzen nach West-Berlin und zur Bundesrepublik hin zu schließen, fand am 7. August 1961 statt. Unter Punkt drei der Tagesordnung berichtete Walter Ulbricht über ein Treffen der kommunistischen Parteichefs aus den Ländern des Warschauer Paktes vom 3. bis zum 5. August 1961 in Moskau, wo der Generalsekretär der deutschen Partei ein entsprechendes Konzept vorgelegt haben muß. Im später veröffentlichten Beschluß der DDR-Regierung wird die Zustimmung der „Teilnehmer-Staaten des Warschauer Vertrages“ hervorgehoben.

Das Protokoll war so abgefaßt, daß es nur von jenen verstanden, wurde, die ohnehin Bescheid wußten. „Der Beginn der Maßnahmen“, ist da zu lesen, „erfolgt in der Nacht von Sonnabend auf Sonntag.“ Der 7. August war ein Montag, also konnte nur das Wochenende vom 12. auf den 13. August gemeint sein. Genau in dieser Nacht, kurz nach null Uhr, begannen denn auch Polizei, Militär und Betriebskampfgruppen, die Sektorengrenze in Berlin abzuriegeln.

Das Interesse der SED-Führung an möglichst großer Geheimhaltung wird auch durch einen anderen Beschluß des Politbüros bestätigt. Gleichsam nebenbei wird dort erklärt: „Genosse Ulbricht wird den Ministerrat am Wochenende zu einem Beisammensein einladen.“ Eine gesellschaftliche Veranstaltung hatte er gewiß nicht im Sinn: Der Ministerrat war die offizielle Regierung der DDR; zwar trafen die Partei und ihre Gremien die politischen Entscheidungen, diese mußten jedoch durch die staatlichen Instanzen umgesetzt werden. Man muß also annehmen, daß die Mitglieder der Regierung, soweit sie nicht auch im Politbüro saßen, erst wenige Stunden vor Beginn der Grenzsperre genauere Informationen erhalten haben. So blieb der Kreis der Wissenden überschaubar und damit kontrollierbar.