Ein für englische Verhältnisse wahrhaft ungewöhnliches Getöse hatte es um dieses Haus gegeben, bevor es geplant wurde, als es gebaut wurde und auch jetzt noch, als es eröffnet wurde. Von dem neuen Flügel der Londoner National Gallery ist hier die Rede, der den Namen der Mäzene trägt, die ihn der Nation schenkten: Sainsbury.

„Die Geburt“, so schreibt der Direktor des Hauses im Katalogvorwort, wieder ganz und gar englisch, „war nicht ohne Schmerzen.“ Aber die schmerzhafte Geburt, bei der sich auch Prinz Charles insofern verdient gemacht hat, als er den ersten Entwurf für dieses Haus mit einer großen Schimpfkanonade auf die britische Architektur abschoß, hat sich gelohnt. Denn hier ist ein Museum entstanden, allein zum Ruhm der Kunst – und wann oder wo hat man das zum letzten Mal gesehen?

Daß Robert Venturi, einer der Stars der postmodernen Architektur, zusammen mit seiner Frau Denise Scott Brown den Auftrag erhielt, kann fast als ein Glücksfall gelten, denn das Spiel mit den Zitaten der Umgebung und Vergangenheit ist für ihn nicht Zugeständnis, sondern Konzept. Und in diesem Fall, wo auf einem kleinen, schlechtgeschnittenen Eckgrundstück am Trafalgar Square der direkte Anschluß und Übergang zum alten Museumsgebäude auf der einen Seite und auf der anderen der Anschluß an neutrale Geschäftshäuser funktionieren mußte, war wirklich nicht das neue Erfinden, sondern das alte Anempfinden gefragt. Also hat Venturi einen neoklassizistischen Bau entworfen, auf dessen Sandstein-Fassade korinthische Pilaster und tote Fensterrahmen den 1838 von William Wilkins entworfenen Altbau zitieren.

Im Sainsbury-Flügel, speziell konzipiert für die grandiose Renaissancesammlung des Hauses, wird nur eins von vier Stockwerken als Galerieraum genutzt. Das Haus hat einen eigenen Eingang und einen 35 Meter langen, prächtig weiten Treppenaufgang, an dessen linker Seitenmauer die Namen der Heroen der Renaissancekunst in den Kalkstein geritzt sind. Aber wer an diesem Punkt des Aufstiegs zur Kunst gerade anfängt, seine prämoderne Stirn zu krausen, dem lösen sich bereits wenig später Spott und Zweifel in einem staunenden Glücksgefühl: In sechzehn Sälen, in einem Museum neben dem Museum, entfaltet sich hier die Kunst der frühen Renaissance so, wie man es nie zuvor gesehen hat.

Was das bedeutet, sagt einem nicht nur die Erinnerung an vollgestopfte Bildersäle oder verschossene Wandbespannungen, die von Florenz bis London und Berlin die Regel sind, sondern im Falle der National Gallery auch ein Blick in den Altbau, wo im Saal, der an den Neubau anschließt, die Bilder des venezianischen 16. Jahrhunderts weiterhin in ihren edlen Wettstreit mit Tapezierung und Umwelt verstrickt sind.

Im Neubau hingegen, dessen Ambiente die Kunst kühl und kongenial zugleich aufnimmt, erwachen die Bilder zu strahlendem Leben. In drei Raumfluchten ist das Stockwerk eingeteilt, durch Quergänge ergeben sich Durchblicke, die Räume sind, den Bildern und ihren Formaten entsprechend, von unterschiedlichem Zuschnitt, durch Obergaden fällt ein gleichmäßiges Licht. Einzelne Bilder, wie Piero della Francescas „Taufe Christi“, stehen wie inszeniert auf einem dunkelgrauen Sockel vor der hellgrauen Wand, umschlossen von einem zart angedeuteten Bogen. Andere Bilder, zum Beispiel Raffaels fast heitere „Kreuzigung Christi“, werden durch die Bögen der Durchgänge doppelt und dreifach gerahmt. Die blaßgraue Wandfarbe wirkt wie stumpfe Atlasseide, und sie bringt die Edelsteine zum Funkeln und die Halbedelsteine auch.

Der Sainsbury-Flügel ist aber nicht nur ein Fest für die Augen, sondern auch ein Angebot an den Kopf. Zum ersten Mal hat man die alte Trennung nach Kunstgeographien aufgegeben, Nord und Süd nicht mehr getrennt, sondern zum Beispiel Hans Memlings wunderbares Donne-Triptychon in eine italienische Nachbarschaft versetzt. Der Gewinn der Anschauung, der von der Differenz des Formats und der Farben bis hin zur Artikulation religiöser Empfindungen geht, ist überzeugender als manche Lektüre.

Daß man gehabte Schmerzen gern hat, wird seit und mit Wilhelm Busch immer wieder festgestellt. Daß es jetzt gerade im Zusammenhang der Kunst geschieht, hätte den verkannten Maler Wilhelm Busch aber doch verwundert. Petra Kipphoff