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Die Bankenaufsicht schlief, die Geheimdienste wußten alles, und die Regierungen sahen weg

Von Thomas Hanke und Birgit Schwarz

Im Morgengrauen des 21. Februar 1984 rast ein Personenwagen über das Rollfeld des New Yorker Flughafens John F. Kennedy. Am Steuer und im Fond sitzen bewaffnete Zollfahnder. In einer abgelegenen Ecke des Flughafens schleppen zur gleichen Zeit drei Männer schwere Holzkisten zu einem Privatjet. Vor der Convair 880 kommt der Wagen mit geöffneten Schlägen zum Stehen. Die Zollagenten richten ihre Pistolen auf die Ertappten und beschlagnahmen die Kisten. Was sie darin finden, beschreibt einer der Fahnder später als "echtes James-Bond-Zeugs": einen Aktenkoffer mit versteckt eingebautem Aufnahmegerät, eine kugelsichere Weste, Technik zur Abwehr von Abhörversuchen, Nachtsichtgeräte, elektrische Schlagstöcke, die gegen Demonstranten eingesetzt, aber auch als Folterinstrumente benutzt werden können, und – Waffen und Munition im Wert von einer Million Dollar.

In London sollten weitere tausend Gewehre Marke Heckler & Koch zugeladen werden – Präzision und Durchschlagskraft der kleinkalibrigen Waffen aus Oberndorf werden weltweit geschätzt. In Belgien standen weitere 33 Kisten mit Pistolen und 75 Kisten voller Munition abholbereit. Lieferant war eine amerikanische Firma mit Sitz in Manhattan. Die Ausfuhrpapiere waren auf einen Adressaten in Mexiko ausgestellt. Der Zielflughafen aber lag in Polen. Für wen die Ladung tatsächlich gedacht war, bleibt im dunkeln.

Im Juli 1987 macht sich ein schmaler, dunkelhäutiger Mann auf den Weg zu einer "äußerst dringlichen" Unterredung im Hotel "Flemings" im Londoner Stadtteil Mayfair. Dort erwarten ihn Vertreter des britischen Geheimdienstes MI5. Der Mann heißt Ghassam Ahmed Qassem und zählt zu den erfolgreichsten Kundenbetreuern der Londoner Niederlassung der arabischen Bank of Credit und Commerce International (BCCI). Einige Wochen zuvor war der Bankkaufmann im Auftrag eines Kunden, der mit einem hochrangigen syrischen Regierungsbeamten verwandt ist, telephonisch mit den Entführern eines in Beirut ansässigen Griechen in Kontakt getreten. Der Banker hatte diesen Anweisung gegeben, die Geisel erst nach Eingang des Lösegeldes auf dem Konto seines Kunden freizulassen. Das Telephonat wurde von MI5 abgehört und Qassem vom Geheimdienst zum Gespräch einbestellt.

Qassems unfreiwilliges Rendezvous mit dem Nachrichtendienst wird zum Glücksfall für das MI5: Zu den besten Kunden des erfolgreichen Bankkaufmanns zählt der einflußreiche irakische Geschäftsmann und Waffenschieber Samir Najmeddin. Najmeddin ist der Mittelsmann für einen der meistgesuchten Terroristenführer der Welt: den Palästinenser Abu Nidal. Die Agenten im Hotel "Flemings" machen Qassem ein Angebot: Sollte er als ihr Informant tätig werden, lasse man eine Anklage gegen ihn fallen. Der Jordanier willigt ein.

Drei Jahre lang wertet der britische Geheimdienst Qassems interne Einblicke in Waffenschiebereien und betrügerische Kreditvergaben bei der BCCI aus, bevor er seine Erkenntnisse an die englische Notenbank weiterleitet. Diese beauftragt im Januar 1990 ein Spezialteam mit der genauen Untersuchung der dubiosen Bankgeschäfte. Deren Abschlußbericht (siehe Kasten Seite 10) über das nach Qassem mit "Q" benannte Projekt sowie Hinweise der BCCI-Wirtschaftsprüfer Price Waterhouse zwingen die Bank von England schließlich zu handeln: Am 5. Juli 1991 werden die BCCI-Filialen weltweit geschlossen. Bis zu diesem Zeitpunkt sind 250 Menschen durch Attentate von Abu Nidals Killerkommandos umgekommen.

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Drei Wochen später fruchten endlich auch die mehrjährigen Bemühungen des New Yorker Staatsanwaltes Robert Morgenthau, den Machenschaften bei der BCCI ein Ende zu bereiten: die Bank und deren Gründer, der pakistanische Bankier Agha Hasan Abedi, sowie dessen rechte Hand, Swaleh Naqvi, werden in den USA wegen Betrugs, Bilanzfälschung, Geldwäscherei, Bestechung und Diebstahls unter Anklage gestellt. Die BCCI, heißt es in der Anklageschrift, stelle "eine der kompliziertesten und geheimsten Verbrechensorganisationen" dar, mit denen man es je zu tun gehabt habe.

Der MI5 V-Mann Qassem ist zur Schlüsselfigur bei der Enthüllung des "größten Finanzskandals aller Zeiten" geworden. Seine Detailkenntnisse über den Transfer von Abu Nidal-Geldern tragen auch zur Aufklärung des Geheimnisses um das auf dem New Yorker Flughafen beschlagnahmte "James-Bond-Zeugs" bei: Die Waffenladung, so geht aus einem Interview des britischen Fernsehsenders BBC mit dem Jordanier vom Montag vergangener Woche hervor, war für den palästinensischen Terroristenführer bestimmt. Der benutzte seit Anfang der achtziger Jahre Polen als Operationsbasis. Ein Brite hatte den Kontakt zu drei amerikanischen Firmen hergestellt. Die BCCI-London arrangierte die Finanzierung. Oft, erinnert sich Qassem vor den laufenden Kameras der BBC, habe Abu Nidals Mittelsmann Najmeddin einen ganzen Tag lang verschlüsselte Telexe verschickt. Der Handel ist den Geheimdiensten dennoch nicht entgangen.

Ende vergangener Woche bricht der stellvertretende Direktor des amerikanischen Geheimdienstes CIA, Richard Kerr, das Schweigen: Man habe von den Verbindungen der Bank zu Terrororganisationen und Drogenhändlern seit Beginn der achtziger Jahre gewußt und die verschiedensten Ministerien sowie das State Department wiederholt auf diese Aktivitäten aufmerksam gemacht. Auch habe die CIA selbst Konten bei der Bank unterhalten, räumt Kerr ein. Diese hätten allerdings "ausschließlich legalen Transaktionen" gedient. Sie seien trotz des Wissens um die Machenschaften der Bank nicht aufgelöst worden, da sie, so behauptet der CIA-Vize, "als Informationsquelle zu wertvoll" gewesen seien.

Die fragwürdigen Beziehungen der Bank reichten rund um den Globus: von Washington und Florida nach Karatschi und Panama, von den Cayman Islands in die gesamte arabische Welt, von Paris nach Teheran und Monte Carlo, von Pretoria nach Bagdad und Peking, von Syrien nach Nordkorea. Drehscheibe für die meisten ihrer schmutzigen Geschäfte aber war London.

Zu ihren Geschäftspartnern und Fürsprechern zählten neben Terroristen, Waffenschiebern und Drogenbaronen hochrangige Politiker in aller Welt, westliche wie östliche Geheimdienste, aber auch Rüstungsfirmen wie der britische Minen-, Munitions- und Bombenhersteller Royal Ordonance.

Royal Ordonance – seit Anfang des Jahres Eigner am Gewehrproduzenten Heckler & Koch – bemühte sich 1985 um ein Geschäft mit dem syrischen Terrorregime. Es ging um einen Auftrag im Wert von einer Million Pfund (damals 3,7 Millionen Mark) für Tränengasgranaten sowie das Royal Ordonance-Produkt Arwen, ein Waffensystem für Plastikgeschosse. Die Ausfuhrgenehmigung wurde verweigert. Daraufin, so Qassem in der BBC-Sendung Panorama vom vergangenen Montag, habe ein britischer Waffenhändler die Londoner Botschaften von Dritt-Welt-Ländern auf der Suche nach einem neuen Endverbleibs-Zertifikat abgeklappert. "Der Kunde hatte vereinbart, der Bank eine neue Endverbleibs-Urkunde zukommen zu lassen. Diese war, glaube ich, von einer Botschaft in Afrika ausgestellt worden. Wir erfuhren erst später, daß hierfür eine gewisse Kommission gezahlt worden war."

Das Dokument hatte der Militärattache von Sierra Leone unterzeichnet. Die Waffen gingen unterdessen in die DDR, wo sie, einem Bericht der Londoner Sunday Times zufolge, zwischen der Stasi und der Terrorgruppe Abu Nidals aufgeteilt worden sein sollen.

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Britische Firmen, so geht aus Qassems Aufzeichnungen und den Untersuchungen des "Projekts Q" hervor, lieferten Raketen, Panzer und Artellerie in den Tschad, verkauften Flugzeugteile an den Iran, Nachtsichtgeräte an eine von Abu Nidals Briefkastenfirmen. In allen Fällen besorgte die BCCI die Finanzierung. Und nicht nur das. "BCCI war eine perfekte Dienstleistungsbank", zitiert das Nachrichtenmagazin Time einen Waffenhändler, "sie finanzierte nicht nur Waffengeschäfte, die die eine oder andere Regierung geheimhalten wollte. Sie ließ die Waren in eigenen Schiffen transportieren, versicherte sie bei einer eigenen Versicherung und sorgte selbst für Handlanger und Abschirmung."

Vertreter der Bank waren am Verkauf von Scud-Raketen über Nordkorea nach Syrien ebenso beteiligt wie an der Lieferung chinesischer Silkworm-Raketen – ausgestattet mit israelischer Elektronik – an Saudi-Arabien oder am Export von Atomwaffen-Technologie an Pakistan, Libyen und Argentinien. Möglicherweise, so der Washingtoner Rechtsanwalt Jack Blum Ende vergangener Woche vor dem US-Senatsausschuß für Drogen und Terrorismus, zeichne die BCCI auch für den Verkauf angereicherten südafrikanischen Urans an Saddam Hussein verantwortlich.

Der Vorsitzende des Ausschusses, der demokratische Senator John Kerry, hatte der Bank bereits vor drei Jahren Geschäfte mit der Drogenmafia nachgewiesen: In einer öffentlichen Anhörung stellte Kerry 1988 fest, daß Panamas damals noch amtierender Diktator Manuel Noriega seit 1982 Konten bei der BCCI unterhielt. Kerry wußte, daß die BCCI in internationale Geldwäschereien aus dem Kokainhandel verwickelt war, und leitete seine Informationen an das Justizministerium weiter. Doch die Behörde reagierte sonderbar.

"Das Justizministerium hat uns Steine in den Weg gelegt", beschreibt der Ausschuß Vorsitzende Kerry in einem Interview mit der New York Times das Verhalten des Ministeriums. Trotz mehrerer Anfragen habe es angeforderte Dokumente nicht zur Verfügung gestellt. Was Kerry nicht wußte: Wieder einmal waren die Geheimdienste den Geldwäschern längst auf der Spur.

Am 9. September 1988 war Amjad Awan, Chef der BCCI-Lateinamerika-Abteilung, in der Bar des "Grand Bay Hotels" in Miami mit einem potentiellen Kunden zusammengetroffen. Der Mann hatte sich als Gesandter südamerikanischer Drogenbarone avisiert und Interesse daran bekundet, Gelder aus dem Rauschgifthandel über BCCI-Konten reinzuwaschen. Tatsächlich aber war der vermeintliche Drogenhändler, der Awan in der Hotelbar gegenübersaß, ein Agent der amerikanischen Zollfahndungsbehörde. Jedes Wort des BCCI-Managers wurde mitgeschnitten. Kurze Zeit später saßen Awan und neun weitere BCCI-Angestellte in Untersuchungshaft.

US-Justizminister Dick Thornburgh weist denn auch alle Vorwürfe zurück, die Untersuchungen verschleppt oder behindert zu haben. Immerhin brachte seine Behörde 1990 in Tampa im Bundesstaat Florida fünf der verhafteten BCCI-Manager – darunter auch den persönlichen Bankier Noriegas – wegen Geldwäscherei hinter Gitter. "Eines ist jedoch klar", meint Michael Cherkasky, Chef der Ermittlungsabteilung bei der Staatsanwaltschaft im New Yorker Distrikt Manhattan, "selbst nachdem klare Beweise dafür auf dem Tisch lagen, daß die BCCI in Geldwäscherei verwickelt war, hat niemand einen scharfen Blick auf die übrigen Aktivitäten der Bank geworfen." Dabei hatte der verhaftete Bankier Awan ganz nebenbei auch den Inhalt eines vertraulichen CIA-Dossiers von 1986 bestätigt: "Wir besitzen eine Bank in Washington", hatte der Drogengeldwäscher seinem Gesprächspartner an der Bar des "Grand Bay Hotels" unumwunden erklärt. "Sie heißt First American Bank."

Über den Erwerb von Aktien durch Strohmänner hatte die BCCI 1981 heimlich die Kontrolle über die Holding-Gesellschaft der First American Bank, die First American Bankshares Inc., erworben. Chef dieser Bankengruppe, die acht Zweigstellen in sechs US-Bundesstaaten besitzt, ist der einflußreiche Washingtoner Rechtsanwalt und Spitzenberater der Demokratischen Partei, Clark M. Clifford.

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Clifford, der unter US-Präsident Johnson Verteidigungsminister war, bestritt damals und bestreitet noch heute, jemals etwas von der verdeckten Übernahme des von ihm geführten Unternehmens gewußt zu haben. Dagegen allerdings spricht vor allem eins: Clifford und sein Kompagnon, der First-American-Präsident Robert Altman, hatten selbst Aktien der First American Bank mit Hilfe eines von der BCCI zur Verfügung gestellten Achtzehn-Millionen-Dollar-Kredits erworben. Der Kredit wurde über zwei Jahre hinweg als zinsloses Darlehen gewährt und war beliebig verlängerbar. Drei Fünftel des Aktienpakets nahm die BCCI den Anwälten zudem bereits vor Ablauf der Zweijahresfrist zum dreifachen Kaufpreis ab.

Nach amerikanischem Recht war die Übernahme der First American Bank durch die BCCI illegal. Das Justizministerium in Washington aber schenkte den frühen Hinweisen nur wenig Aufmerksamkeit. Es dauerte bis zur vorigen Woche, bis das Federal Reserve Board als Bankenaufsichtsbehörde beantragte, der BCCI ein Bußgeld von 200 Millionen Dollar aufzuerlegen.

"Innerhalb der Bundesregierung gibt es Bestrebungen, die Untersuchungen zu blockieren", urteilt der Washingtoner Rechtsanwalt Jack Blum. "Offen ist dabei nur, ob hierfür Korruption auf höchster Ebene verantwortlich ist oder der Versuch dahinter steckt, illegale Aktivitäten der Regierung zu verschleiern."

Auf Betreiben Blums hatte sich der New Yorker Staatsanwalt Morgenthau der BCCI-Machenschaften angenommen. Doch auch Morgenthau und Ermittlungsleiter Cherasky benötigten über zwei Jahre, bis sie in der vergangenen Woche Anklage gegen die Bank erheben konnten.

Mord auf Bestellung

In beschlagnahmten Unterlagen fanden die Strafverfolger die Namen etlicher prominenter Politiker und Geschäftsleute. Über ihre Beziehungen zur BCCI befragt, haben die meisten bisher jegliche Verbindungen zu der in Verruf geratenen Bank kategorisch abgestritten.

Fest steht jedoch, daß der ehemalige US-Präsident Jimmy Carter für seine Umweltstiftung Global 2000 BCCI-Spenden in Höhe von acht Millionen Dollar erhielt. Carters früherer Haushaltsdirektor Bert Lance war Chef der National Bank of Georgia, die ebenfalls von der BCCI über den saudi-arabischen Tycoon Ghaith Pharaon aufgekauft worden war. Enge Verbindungen zu der Bank unterhielt auch Thomas Boggs, einer der wichtigsten Spendensammler der demokratischen Partei: Seine Anwaltsfirma vertritt die BCCI.

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Fest steht auch, daß der Präsident der peruanischen Nationalbank, Lionel Figueroa, sowie der Vorstandsvorsitzende der Bank, Hector Veyra, drei Millionen Dollar von der BCCI kassierten und als Gegenleistung ein Viertel der Geldreserven des hochverschuldeten Landes auf einem geheimen Konto in Panama deponierten. Die BCCI soll dem Land dafür einen Kredit von 125 Millionen Dollar gewährt haben, zahlte für die Hälfte der nach Panama transferierten peruanischen Staatsgelder jedoch keinen Cent Zinsen. Ähnlich, so Blum vor dem Senatsausschuß am vergangenen Freitag, seien Vertreter der Zentralbanken von Jamaika, Trinidad und Nigeria bestochen worden. Das peruanische Parlament untersucht derzeit auch, ob der frühere Präsident des Landes, Alan García, die Staatskasse mit Hilfe der BCCI um fünfzig Millionen Dollar erleichtert hat.

In Guatemala war die Bank offenbar in Kaffeeschmuggel und Waffenhandel verwickelt. Ein britischer Journalist, der diese Zusammenhänge recherchierte, wurde am Montag vergangener Woche erschossen aufgefunden. In London starben am 10. Juli zwei Feuerwehrmänner bei der Bekämpfung eines Brandes in einem Lagerhaus, in dem Akten der BCCI gesammelt waren.

Auch der Mord an dem früheren belgischen Wirtschaftsminister André Cools Mitte Juli soll mit Geschäften der BCCI in Zusammenhang stehen. Cools soll Unterlagen besessen haben, aus denen hervorging, daß die BCCI belgische Beamte für den Export von Sprengstoff für Saddam Husseins Superkanone bestochen hatte.

Die Bank, so hatte Time Ende Juli in einem sensationsheischenden Artikel berichtet, verfüge über ein 1500 Mann starkes, von der pakistanischen Hauptstadt Karatschi aus gelenktes "schwarzes Netzwerk", das sich auf Bestechung, Kidnapping und in Einzelfällen auch Mord spezialisiert habe. Diese bankeigene Terrortruppe, so Time, habe mit westlichen und mittelöstlichen Geheimdiensten bei Waffen- und Drogengeschäften eng zusammengearbeitet. Das Netzwerk, so das Nachrichtenmagazin, sei nach wie vor intakt und habe sich derzeit die Einschüchterung von Ermittlungsbeamten zur Aufgabe gemacht.

Der New Yorker Chef-Ermittler Cherkasky bestätigt: Es gebe "ernstzunehmende Hinweise" darauf, daß die Telephone von einigen mit der BCCI befaßten Staatsanwälten abgehört wurden. Privatdetektive sollen auf die Strafverfolger angesetzt worden sein. "Wir glauben", so Cherkaksy, "daß sie von der BCCI oder ihren Repräsentanten angeheuert wurden."

In Washington wird vermutet, daß auch die CIA den Nachforschungseifer des Justizministeriums gebremst habe. Robert Muller, Chef der Kriminalabteilung des Ministeriums, erklärte zwar, die Behörde sei von niemandem beeinflußt worden. Doch scheint gewiß, daß die Geheimdienstorganisation ihre bei der BCCI deponierten Gelder keineswegs nur, wie CIA-Vize Kerr glauben machen möchte, für legale Transaktionen benutzte, sondern mit ihnen vielmehr geheime Operationen in Nicaragua und Afghanistan finanzierte. Bereits 1987 hatte der saudische Waffenhändler Adnan Kashoggi im Rahmen von Untersuchungen des als Iran-Contra-Affäre in die Annalen eingegangenen Waffendeals der Reagan-Regierung mit nicaraguanischen Contra-Rebellen und iranischen Geiselnehmern zu Protokoll gegeben, daß ein Großteil der Gelder für das Siebzehn-Millionen-Dollar-Geschäft über seine BCCI-Konten in Monte Carlo geflossen seien.

Eine vielleicht noch größere Rolle für die illegale Waffenschieberei spielte die BCCI in Pakistan. Die dortigen Zweigstellen soll die CIA benutzt haben, um auf unauffällige Weise afghanische Widerstandsgruppen zu unterstützen. Auch einen verdeckten Fonds, aus dem Rebellenführer und pakistanische Offiziere für ihre Dienste bezahlt wurden, richtete die CIA bei den pakistanischen Zweigstellen der BCCI ein. In einem Interview mit der Financial Times bestätigte der pakistanische Finanzminister Sartaj Asis diese Informationen mit der rhetorischen Frage: "War das gut oder schlecht? Banken sind dafür da, Geld weiterzuleiten, und es gab nicht viele Banken, die sie (CIA) hätten nutzen können."

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Pakistan hat sich geweigert, seine BCCI-Niederlassungen zu schließen und will BCCI-Gründer Agha Hasan Abedi nicht ausliefern. In seinem Heimatland genießt der Finanzier nach wie vor hohes Ansehen als erfolgreicher Bankier aus einem Entwicklungsland, der in die Domäne der Industrieländer eingebrochen ist, um den wirtschaftlichen Aufstieg der Dritten Welt zu fördern. Solch geschicktem Marketing verdankt die 1972 gegründete BCCI ihren Aufstieg.

Die Bank gewann so zum einen das Vertrauen der Sparer in Entwicklungsländern sowie Tausender asiatischer Einwanderer in Großbritannien, deren Einlagen ihr rapides Wachstum finanzierten. Zum andern nutzte Abedi seinen scheinbar selbstlosen Einsatz für den Süden, um profitable politische Kontakte zu knüpfen. So stellte die BCCI dem Uno-Botschafter der Carter Regierung Andrew Young jährlich 50 000 Dollar zur Verfügung. Young zeigte sich erkenntlich, indem er Verbindungen zu politischen Führern in der ganzen Welt herstellte. Der Uno-Botschafter begründet seinen Einsatz für Abedi heute damit, er habe in der BCCI eine Entwicklungsbank gesehen.

Auch in Europa wucherte Abedi mit seinem Dritte-Welt-Image. Carter stellte ihn dem früheren britischen Premier Lord Callaghan vor. Der ist noch heute beeindruckt und verteidigt Abedi: "Ich fühlte, daß dieser Mann ein tiefes moralisches Verantwortungsgefühl hatte." Abedi finanzierte zeitweilig einen von Callaghans Mitarbeitern und stiftete Geldbeträge für britische Forschungsprojekte über die Dritte Welt, für karitative Organisationen und Universitäten.

Für ihre entwicklungspolitisch verbrämte Kontaktpflege benutzte die BCCI neben Spenden an Politiker auch andere Vehikel. Über eine Stiftung auf den Cayman Inseln kontrollierte sie das in Großbritannien herausgegebene Magazin South. Schon 1978 gründeten Abedi und Naqvi die Third World Foundation for Social and Economic Studies. Sie verlieh jährlich einen mit 100 000 Dollar dotierten Dritte-Welt-Preis. Die Liste der Preisträger weist große Namen auf: 1984 wurde Willy Brandt bedacht, ein Jahr später erhielten Nelson und Winnie Mandela die Auszeichnung, 1986 wurde der Rock-Star Bob Geldof geehrt, und Erzbischof Desmond Tutu nahm den Preis noch 1989 entgegen.

In eingeweihten Kreisen wurde das Bankkürzel BCCI zwar schon eine geraume Weile als "Bank of Crooks and Criminals International" (Bank der Scharlatane und Kriminellen) übersetzt. Dennoch traf die um 13 Uhr Greenwich Mean Time von der englischen Notenbank verfügte weltweite Schließung von BCCI-Filialen die 1200 Angestellten der 24 britischen Zweigstellen ebenso unerwartet wie Hunderttausende kleiner und großer Kunden in 62 Ländern. Saleem Anwer kann die gegen die Bank erhobenen Vorwürfe immer noch nicht fassen. "Wir waren doch alle eine Familie." Der 41jährige britische Staatsbürger indischer Abstammung, verdankt der "Familie" alles. Vor fünfzehn Jahren begann er seine Ausbildung als Banckaufmann bei der BCCI. Soeben war er zum Leiter der Londoner Wembley Filiale ernannt worden.

Hemmungslose Spekulationslust

"Ich war in der Filiale in der City", erinnert sich Amir Naguib, der die Reisescheck-Abteilung der BCCI betreute, an die düstere Stunde. "Die Leute von Touche Ross (die mit der Abwicklung der Bank betreuten britischen Rechnungsprüfer) kamen rein und sagten, wir müßten sofort gehen und dürften nichts mitnehmen."

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Für Naguib und Saleem ist nicht der Bankengründer Abedi der Schurke im Stück, auch nicht dessen Hauptmanager Swaleh Naqvi. Die Feinde sind die Bank von England und die "Kräfte", wie sie sagen, die sich gegen die BCCI "verschworen" hätten.

Die beiden sind entschlossen, der Bank "trotz aller Schwierigkeiten" die Treue zu halten, "im Glauben an die BCCI-Weltanschauung und in der Hoffnung, daß die BCCI-Familie durchhält, ihre Stärke wieder entfacht wird und sich die segensreiche Brücke zwischen den Nationen neu spannt, an die wir alle mit soviel Stolz geglaubt haben".

In dem ethnisch-kulturellen Umfeld, in dem die BCCI arbeitete, konnte sie auf die Loyalität ihrer Angestellten und Kunden bauen. Aus der Sicht des Buchhalters in Indien, des Händlers aus dem Sudan, des Restaurateurs aus Bangladesch oder des Importeurs aus Pakistan war die BCCI so etwas wie "ihre" Bank. Eine Bank, die "ihre" Sprache sprach – ob Gujaratj, Urdu oder Arabisch.

Auch Briten waren treue Kunden. Um 12.45 Uhr am 5. Juli hatte Mairie MacMillan noch eine Million Pfund Sterling auf das BCCI-Konto der schottischen Regionalverwaltung auf den Äußeren Hebriden, Comhairle nan Eileans, überwiesen. Die Million vor der Mittagspause erscheint ihr im nachhinein fast als Lappalie. Einzahlungen auf das BCCI-Konto waren für die Buchhalterin der Regionalverwaltung, die für Schulen, Straßen, Müllabfuhr, Wasserversorgung und den sozialen Wohnungsbau zuständig ist, Routinesache. Comhairle man Eilean verlor in dem großen Crash 23 Millionen Pfund (rund 69 Millionen Mark). Das sind gut 3100 Mark weniger für jeden der 22 000 steuerpflichtigen Bewohner der kargen Inselkette im Nordwesten Schottlands. Die benachbarte Bezirksverwaltung auf dem Festland, Ross and Cromarty, kam mit 1,3 Millionen vergleichsweise glimpflich davon. Insgesamt müssen britische Stadt- und Landkämmerer vermutlich 70 Millionen Pfund abschreiben.

Wer soll für den Verlust geradestehen, fragen sich die Leute in Stornoway, der "Hauptstadt" der Hebriden? Die Ängste wichen bald einer anderen Frage: Woher in aller Welt nahm die angeblich unter permanenter Geldnot leidende Lokalbehörde 23 Millionen Pfund zur Investition in die hochverzinsten Einlagekonten der verrufenen Bank?

Ein Erbe der Thatcher-Ära hatte die Inselverwaltung in die Arme der Drogenbank getrieben: die hemmungslose Spekulationslust einer von Casinomentalität getriebenen Geldwirtschaft. Comhairle nan Eilean borgte sich die Mittel auf dem Geldmarkt zu günstigen Konditionen drei oder vier Monate, bevor sie benötigt wurden. In der Zwischenzeit erzielte sie bei der BCCI einen Extra-Zinsgewinn. Als die Drogenaktivitäten der Bank Ende der achtziger Jahre ruchbar wurden, verunsicherte das auch die Finanzkünstler von der streng calvinistischen Inselkette. Ein Besuch vom BCCI-Filialleiter in Edinburgh und dem Investitionsberater der Lokalbehörde aber stellte die Eintracht umgehend wieder her.

Seit einem guten Monat ist auch David Carse nurmehr in defensiver Stimmung und mit hilflosem Ausdruck hinter den runden Brillengläsern anzutreffen. Der Leiter der Hong Kong Banking Commission (HKBC), der Bankenaufsichtsbehörde der britischen Kronkolonie, hatte den rund 40 000 Sparern der Bank of Credit and Commerce Hong Kong (BCCHK) noch am D-Day, dem 5. Juli versichert, ihre Guthaben seien nicht gefährdet.

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Tatsächlich waren die 26 Zweigstellen der BCCHK im Territorium am Samstagvormittag (in Hongkong ein halber Arbeitstag) geöffnet. Ein Ansturm auf die Bank blieb aus – trotz der Nachrichten aus dem Mutterland; man vertraute Carse und seinen Beschwichtigungen. Am Montag darauf standen BCCHK-Kunden dann doch vor geschlossenen Rolläden. Auch die Hongkonger BCCI-Zweigstellen hatten Anweisung erhalten zu schließen. 1,4 Milliarden US-Dollar Einlagen waren eingefroren.

Als zehn Tage später, am 17. Juli, der Finanzsekretär von Hongkong die Liquidierung von BCCHK bekanntgab, setzte Panik ein. Wütende Bankkunden legten den Verkehr lahm und lieferten sich Straßenschlachten mit der Polizei.

Der Zorn düpierter Bankkunden in der ganzen Welt richtet sich vor allem auch gegen die Bankenaufsicht, die sie nicht auf die Risiken einer Einlage bei der BCCI aufmerksam gemacht hat. Das 1987 bei der BCCI eingesetzte Rechnungsprüfungsunternehmen Price Waterhouse attestierte der Bank immer einen korrekten Jahresabschluß. Dabei erlitt die BCCI 1988 und 1989 beträchtliche Verluste, weil notleidende Kredite abgeschrieben werden mußten. 1990 folgte die Verurteilung wegen Geldwäsche.

All dies veranlaßte weder die britische noch die Luxemburger Bankenaufsicht, gegen ruchbar gewordenes unlauteres Geschäftsgebaren der BCCI einzuschreiten. Heute begründet die aufsichtführende Bank von England ihre Passivität damit, daß es an gerichtsverwertbaren Beweisen gemangelt habe. Die seien erst Ende Juni 1991 im letzten Bericht von Price Waterhouse enthalten gewesen.

Wenn Anhaltspunkte verlorengingen, ist das nicht zuletzt auch die Schuld der britischen Regierung: Im Juni 1990 traf ein Brief eines Angestellten der BCCI im Finanzministerium ein, das damals noch vom heutigen Premier John Major geleitet wurde. Korruption und Vetternwirtschaft in der Bank, schrieb der Verfasser des Warnschreibens, machten eine Untersuchung dringend erforderlich. Doch die Regierung reagierte nicht, der Brief ging aus ungeklärten Gründen in einer Unterabteilung des Arbeitsministeriums verloren. Das Verhalten der Bankenaufsicht in London und Luxemburg bleibt auch deshalb rätselhaft, weil sie bis zum letzten Moment mit den Hauptaktionären über eine Umstrukturierung verhandelte.

Millionen in die schwarze Kasse

Am 5. Juli holte die Bank von England bisher Versäumtes um so massiver nach. Sie schloß nicht nur die Schalter, sondern beauftragte auch die sofortige Auflösung der Skandal-Bank und ging damit auf Konfrontationskurs zu den Aktionären. Ihren Antrag begründet die Bankenaufsicht damit, die BCCI sei "unehrlich und betrügerisch" geleitet worden, habe ihre wirkliche finanzielle Lage verschleiert, dem Management fehle die nötige Integrität, die Bank sei schlicht insolvent.

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Schon in den frühen achtziger Jahren, so die Bank von England in ihrem Antrag auf Auflösung, habe die BCCI begonnen, die Bücher zu fälschen, um Einnahmen vorzutäuschen, die sie niemals hatte. Durch Fehlspekulationen seien zwischen 1977 und 1985 Verluste von 850 Millionen Dollar entstanden.. Hinzu kamen Kredite, die entweder platzten oder auf illegale Weise an Freunde vergeben wurden. Die pakistanische Gokal-Familie, Eigentümer der Reederei Gulf Group, soll Kredite von 450 Millionen Dollar aufgenommen haben, die sie nicht bediente. Auch der kuwaitische Finanzier Saud al-Fulaj und die saudische Mahfouz-Familie sollen mit ungesicherten Millionenkrediten fürstlich versorgt worden sein.

Verluste, die der BCCI durch solche Geschäftspraktiken entstanden, wurden nicht ausgewiesen, sondern durch eine erfinderische Buchhaltung vertuscht: Ein Teil der roten Zahlen wurde im Jahresabschluß einfach zu Lasten der Konten von Kunden gebucht, die mit den Spekulationen der Bank überhaupt nichts zu tun hatten. Nie erhaltene Raten zur Tilgung von Krediten wurden als Einnahme in die Bücher geschrieben. Neue Kundeneinlagen unterschlug die BCCI und ließ sie in einer schwarzen Kasse verschwinden, um damit Löcher an anderer Stelle zu stopfen.

Die Bank von England schätzt, daß noch immer verschleierte Kundenguthaben von 600 Millionen Dollar bestehen. Profite aus dem verbotenen Handel mit eigenen Aktien verbuchte die BCCI als korrekte Einnahmen. Kunden wurden dafür bezahlt, den Rechnungsprüfern gegenüber falsche Angaben über Vermögenswerte der Bank zu bestätigen.

Die Bankenaufsicht spricht von einer Spirale des Betrugs: Wie bei einem Kettenbrief, bei dem immer neue Teilnehmer gewonnen werden müssen, um alte auszuzahlen, mußte die BCCI immer neue Guthaben anziehen, um unvermeidliche Zahlungen leisten und die zunehmenden Verluste vertuschen zu können. Diese systematischen Betrügereien ließen eine "Bank in der Bank" entstehen. Die heile Scheinwelt der BCCI von der kriminellen Wirklichkeit zu trennen, ohne den Überblick zu verlieren, wurde zu einer anspruchsvollen Aufgabe, die der ausgefeilten Computertechnologie bedurfte. Schon 1981 bat die BCCI nach einem Bericht der Financial Times das Londoner Software-Haus Comshare, ein spezielles Schummelprogramm zu entwickeln. Es sollte die für die-Aufsicht bestimmte, aber gefälschte Buchhaltung mit einer realistischen Buchhaltung kombinieren. Letztere sollte alle Daten über die unterschlagenen Konten und illegalen Operationen zugänglich machen – aber nur für den innersten Führungskreis. Comshare lehnte den Auftrag ab. Bei einer anderen Adresse muß die BCCI mehr Erfolg gehabt haben, denn die Rechnungsprüfer ließen sich jahrelang täuschen. Trotz aller Mühe, die Abedi und Mitarbeiter sich bei der Vertuschung ihrer Schiebereien gaben, hätten sie ohne die laxe Aufsicht wohl kaum Erfolg haben können.

Von der Gründung an zielte das BCCI-Konzept darauf ab, weltweite Präsenz mit minimaler Kontrolle zu kombinieren. Luxemburg bildete den Ausgangspunkt. Das Großherzogtum läßt Holdings an der Spitze eines Bankimperiums zu, ohne sie wie eine Bank zu prüfen. Konsequenterweise siedelte Abedi seine BCCI-Holding in Luxemburg an. Sie steuerte zwei Bank-Tochtergesellschaften: eine in Luxemburg, die andere auf den Cayman Islands, einem britischen Steuerparadies in der Karibik. Durch die Aufspaltung wurde erreicht, daß keine Aufsichtsbehörde sich ein komplettes Bild von der BCCI machen konnte. Erst 1988 gründeten die Behörden mehrerer Länder ein Kollegium, um Informationen über die BCCI auszutauschen.

Welche Risiken die Struktur einer Bank wie der BCCI mit sich brachte, wurde 1982 für jedermann sichtbar. In diesem Jahr brach die eng mit dem Vatikan kooperierende Banco Ambrosiano zusammen, an deren Spitze ebenfalls eine Luxemburger Holding stand. Kredite von mehreren hundert Millionen Dollar, die der Vatikan garantiert hatte, waren unauffindbar. Die Luxemburger Behörden stritten sich mit den italienischen darüber, wer für den Bankrott verantwortlich war. Der Vatikan entschädigte auf Anraten des angesehenen britischen Rechnungsprüfers Brian Smouha die Gläubiger urbi et orbi. Bankchef Roberto Calvi konnte nicht mehr mit sachdienlichen Hinweisen aufwarten, er wurde erhängt unter einer Londoner Brücke aufgefunden.

Der Ambrosiano-Skandal brachte das Bankwesen des Großherzugtums in Verruf. Auch jetzt zeigte die Luxemburger Bankenaufsicht keinen erkennbaren Eifer bei dem Versuch, die BCCI unter Kontrolle zu bringen. Anders als andere Banken räumten die Staatsbank und die Sparkasse des Großherzogtums der BCCI bis April dieses Jahres noch großzügige Spielräume bei der Kreditvergabe

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Scheich deckt Drahtzieher

Nun in Not geraten, bat Luxemburgs Bankenaufseher Pierre Jaans abermals den Rechnungsprüfer Smouha, der bereits das Ansehen des Vatikans gerettet hatte, um Hilfe. Smouha wurde Zwangsverwalter in Luxemburg, Kollegen seines Rechnungsprüfungsunternehmens Touche Ross haben bereits im Auftrag des Londoner High Court die britischen Führungsetagen der BCCI besetzt. Die Prüfer suchen nicht nur nach den verlorenen Milliarden der BCCI. Sie stehen auch in Kontakt mit den Aktionären in Abu Dhabi und suchen nach Möglichkeiten, die völlige Auflösung der BCCI zu vermeiden. Durch ein Entschädigungsangebot konnte der heutige Eigentümer der BCCI, Scheich Sajid Bin Sultan el-Nahajan, Emir von Abu Dhabi, das britische Finanzgericht dazu bewegen, die von der Bank von England beantragte sofortige Liquidation bis zum Dezember auszusetzen. Dann wird neu entschieden.

Auch Luxemburg hat der BCCI erst einmal Gläubigerschutz gewährt, unterstützt also den Versuch einer Reorganisation durch den Hauptaktionär aus Abu Dhabi.

Doch es ist mehr als fraglich, ob eine allein aus Abu Dhabi gestützte BCCI-Nachfolgerin international zugelassen würde. Denn Price Waterhouse zufolge wußten die Bankexperten des Ölscheichs schon im April 1990 von Betrügereien in der Bank, gaben diese Informationen aber nicht an die Bankenaufsicht weiter. Im Gegenteil: Scheich Sajid verstärkte noch sein Engagement bei der BCCI. Nachdem er Anfang 1990 für fast eine Milliarde Mark ein Fünftel der BCCI-Akten von der saudischen Mahfouz-Familie gekauft hatte, kontrollierte Sajid 77 Prozent des Kapitals. Gleichzeitig stärkte er das Eigenkapital der angeschlagenen Bank um rund 700 Millionen Mark. Kurze Zeit später, so erklärt die Bank von England, übernahmen verschiedene Unternehmen des Emirats faule Kredite der BCCI im Buchwert von fast vier Milliarden Dollar und gaben der Bank dafür eigene Schuldscheine über drei Milliarden Dollar. Gegenwärtig bemüht sich die zum BCCI gehörende, aber nicht geschlossene Abu-Dhabi-Bank BCC Emirates darum, drei BCCI-Zweigstellen in Pakistan aufzukaufen.

Warum, so fragen sich Beobachter, setzt Scheich Sajid von Abu Dhabi sich heute noch dafür ein, die BCCI wieder flottzumachen, und hält an Managern fest, die von der Bank von England als Hauptverantwortliche des Riesenbetrugs angesehen werden? "Sie müssen die islamische Mentalität verstehen", erklärt Faisal Basheer, einer der Geschäftsführer der Frankfurter BCCI-Zweigstelle. "Der Name von Scheich Sajid und seine Reputation sind in Frage gestellt worden. Das ist in der arabischen Welt sehr, sehr wichtig."

Warum aber schirmt der Emir den Hauptverdächtigen Swaleh Naqvi in einem Luxushotel in Abu Dhabi vor dem Zugriff der britischen Behörden ab? Offensichtlich schätzen die Finanzberater des Scheichs die Möglichkeit, doch noch an die verschwundenen BCCI-Gelder heranzukommen, recht optimistisch ein, vermutet die Public-Relations-Agentur Lowe Bell, Abu Dhabis Vertreter in London.

Niemand weiß, ob ein getäuschter Scheich den Gesichtsverlust fürchtet oder ein wissender Scheich täuscht. Wer sollte auch ein Interesse daran haben, den Skandal vollständig aufzuklären

Eine Weltbank des Verbrechens – Seite 11

Dem britischen Premier und Ex-Finanzminister John Major könnten Versäumnisse bei der Wahrnehmung seiner Aufsichtspflicht nachgewiesen werden. Die CIA will sich wohl kaum in die Gehaltslisten ihrer freien Mitarbeiter in aller Welt sehen lassen. Führende Politiker werden sich nicht der Vorteilsnahme durch die kriminelle Bank überführen lassen wollen.

Für die Regierung Bush aber steht noch mehr auf dem Spiel. Neben pakistanischen Bankiers handelt es sich bei den Drahtziehern des Finanzbetrugs um Politiker, Finanziers und Geheimdienstoffiziere aus Saudi-Arabien, Kuwait und den Golf-Emiraten. Allesamt waren wichtige Verbündete während des Golfkriegs und sollen Garanten einer neuen Weltordnung werden. Schöne neue Welt. •

Mitarbeit: Wilfried Kratz, Reiner Luyken, Lukas Schwarzacher, Christian Tenbrock