Von Roland Kirbach

Die Straße, in der Ilse Kibgis wohnt, heißt Industriestraße; und so sieht es hier auch aus: graue, schmucklose Mietshäuser, wenig Geschäfte, wenig Grün. Der Stadtteil ist eingekeilt zwischen der Abwasserkloake Emscher, der Veba Öl AG und dem Güterbahnhof Horst-Nord. Hier, in Gelsenkirchen-Horst, ist Ilse Kibgis geboren und aufgewachsen, hier hat sie geheiratet, gearbeitet, ihren Sohn großgezogen. Demnächst wird sie 63 Jahre alt, und nichts spricht dafür, daß sie in ihrem Leben noch mal hier rauskommt.

Im Geist ist Ilse Kibgis indes schon oft hier rausgekommen. Seit ihrem zehnten Lebensjahr verschlinge sie Bücher, erzählt sie. Von Goethe und Schiller bis Dostojewskij habe sie alle Klassiker gelesen, später auch immer häufiger Lyrik: Erich Kästner, Heinrich Heine, Ingeborg Bachmann. Die Literatur sei für sie die einzige Möglichkeit gewesen, der Enge in der Stadt und in der Zweizimmerwohnung, in der sie mit ihren Eltern und zwei jüngeren Brüdern lebte, zu entfliehen.

Irgendwann, so genau weiß sie es nicht mehr, fing sie selber an, Gedichte zu verfassen – für die Schublade zunächst nur, niemand bekam sie zu lesen. Erst spät, mit 48 Jahren, fand sie den Mut, sich mit ihren Arbeiten bei der Literarischen Werkstatt der Volkshochschule Gelsenkirchen vorzustellen. Deren Leiter Josef Büscher war begeistert von den Gedichten, vor allem von der Kraft der Sprache und den ungewöhnlichen Bildern. Ein Jahr später gab Büscher ein Buch mit einer Auswahl von Ilse Kibgis’ Gedichten heraus ("Wo Menschen wohnen", Wickenburg Verlag, Essen 1977). Seitdem gehört sie dem Deutschen Schriftstellerverband an. Mittlerweile erschien ein weiterer Gedichtband von ihr ("Meine Stadt ist kein Knüller in Reisekatalogen", Asso Verlag, Oberhausen 1984).

Ganz oben im vierten Stock wohnt Ilse Kibgis mit ihrem Mann in einer kleinen Mansardenwohnung. Sie hat sich für diesen Termin zurechtgemacht, die Wohnung ist blitzblank geputzt und aufgeräumt. Ihr Mann, Ofensetzer von Beruf und inzwischen Rentner, ist rausgegangen, an die Trinkhalle. Immer wenn seine Frau Besuch bekommt, um über ihre Gedichte zu sprechen, geht er weg. Er fühle sich dann deplaziert, sagt Ilse Kibgis. So ganz wohl in ihrer Haut fühlt sie sich aber offenbar auch nicht. Im Gegensatz zu ihren Gedichten, die so stark und zuweilen provozierend sind, wirkt sie selbst schüchtern, vorsichtig, als wollte sie es vermeiden, ein unbedachtes Wort zu sagen.

"In meinen Gedichten habe ich mich getraut, das zu sagen, was ich mich im Leben nie getraut hab’", sagt sie. Nie habe sie das tun dürfen, was sie wollte. "Keiner meiner Berufe ist mir recht geworden, ich hab’ die Arbeiten auch nicht gern gemacht." Ilse Kibgis war Fließbandarbeiterin, Serviererin, Putzfrau, Büglerin, Verkäuferin. Immer wieder mußte sie solche Beschäftigungen annehmen, um das kärgliche Familieneinkommen aufzubessern. Ihr "Handicap", wie sie es nennt, sei ihre geringe Schulbildung: "Nur Volksschule, mehr war nicht drin." Dabei war ihre Wißbegier groß. Immer wieder spricht sie davon, wie gern sie eine höhere Schule besucht und studiert hätte. Doch sie hat nicht einmal einen Beruf gelernt.

Ihre Eltern konnten sich eine bessere Ausbildung der Tochter nicht leisten. Der Vater war Bergmann, die Mutter Hausfrau und "in der Nächstenliebe tätig". Doch von ihrer Jugend erzählt Ilse Kibgis ohne Bitterkeit. Im Gegenteil: Ihre Eltern hätten sie "nie erzogen", sagt sie. "Antiautoritär" seien die Eltern gewesen, nie habe sie Angst vor Züchtigung haben müssen, deswegen habe sie auch nie gelernt zu lügen. Vor allem von ihrem Vater spricht sie sehr liebevoll. Ein Kunstliebhaber, vor allem ein Musikfreund, sei er gewesen. In ihrem Gedicht "Herkunft" beschreibt sie ihn: "Vaters Gesicht war eine Kohlezeichnung / Grubengeruch quoll aus den Tiefen seiner Poren".

Alle wichtigen Stationen ihres Lebens hat Ilse Kibgis in Gedichte gefaßt. Dabei gelingt es ihr, in knappen Worten alles Wesentliche auszudrücken, zum Beispiel in "Die betrogene Generation": "Als ich fünfzehn war, hätt ich gern Blumen gepflückt / aber man schickte mich in die Fabriken, die Posten der Männer zu besetzen / Als ich sechzehn war, hätt ich gern Lieder gesungen / Aber man schickte mich in die Fabriken, die Posten der Männer zu besetzen / Als ich zwanzig war, hätt ich gern Händchengehalten / Aber man schickte mich in die Trümmer, die Spuren des Krieges zu verwischen".

Ilse Kibgis schrieb über Leben und Arbeiten im Ruhrgebiet, über ihre eigenen verschiedenen Tätigkeiten, über Frauen, über Krieg und Frieden. "Mich interessiert alles, was ich sehe", sagt sie. Am meisten interessieren sie die Menschen. "Wenn ich einen richtigen Beruf hätte, würde ich vielleicht im Beruf aufgehen und die Menschen gar nicht mehr sehen, aber so gehe ich in den Menschen auf", sinniert sie.

Und von den Menschen erfährt sie mittlerweile sehr viel Bestätigung. Immer wieder wird sie zu Lesungen eingeladen, etwa bei den Ruhrfestspielen Recklinghausen. Einige Gedichte wurden für eine Aufführung im Bochumer Schauspielhaus vertont. Der schwedische Rundfunk hat jetzt einige Werke von ihr übersetzt und ausgestrahlt. Ein Übersetzer in der Sowjetunion bekam zufällig einige ihrer Gedichte zu lesen und hat sie übersetzt; nun sucht er einen Verlag, um sie in der Sowjetunion herauszubringen. Der Bayerische Schulfunk sendete schon mehrfach ihr Gedicht "Meine Stadt":

meine Stadt ist kein Knüller in Reisekatalogen

kein Ferienparadies mit Sonnengarantie

sie ist ein kohlenstaub-getränkter Riese

der seine schwarze Vergangenheit

im Rhein-Herne-Kanal blankwäscht

die Wahrzeichen meiner Stadt

sind eingemottete Bergwerke

Fabriken mit rauchenden Schornsteinen

Straßen mit Geschäften, Kneipen und Imbißstuben

ergraute Wohngettos, wo an Klagemauern

der Aufstieg abprallt

Kulturzentren, die hochstapeln

Grünanlagen, die am Rand rebellieren ...

Eines ihrer schönsten Erlebnisse sei gewesen, als sie einmal zufällig eine Weihnachtssendung des Dritten WDR-Fernsehprogramms einschaltete und dort der Schauspieler Günter Lamprecht ein Weihnachtsgedicht von ihr rezitierte: "Der hat das schöner gelesen, als ich es geschrieben hab’."

"Schreiben war für mich ein Stück Emanzipation", sagt Ilse Kibgis. "Da konnte ich was loswerden. Und ich habe etwas geschaffen, etwas, das mir gehört." Leicht fällt ihr das Schreiben nicht. Um einzelne Formulierungen ringt sie oft tagelang. "Vieles, was ich schreibe, ist ja schon hundertmal gesagt worden", meint sie. Aber sie will es noch einmal sagen. "Und da muß ich neue Begriffe finden, damit es wieder packt, wieder unter die Haut geht."

In diesen Entstehungsphasen ihrer Werke würde sie gern mit anderen Leuten darüber reden, aber sie hat niemanden. Ihr Mann könne mit Gedichten nichts anfangen; der würde immer nur sagen: "Schön, schön." Auch ihr 35jähriger Sohn, Sachbearbeiter in einem Industriebetrieb, interessiere sich nicht dafür. Er hat nicht einmal ihre zwei Bücher gelesen. Kürzlich habe er sich für 15 000 Mark eine Stereoanlage gekauft. "Das kann ich nicht verstehen", sagt Ilse Kibgis. Und mit den Nachbarn in ihrer "kleinen Welt in Horst", wie sie sagt, könne sie auch nicht über ihre Gedichte sprechen. Die hielten sie insgeheim wohl für ein bißchen verrückt.

Bei Versammlungen des Schriftstellerverbandes wiederum fühlt sie sich auch fehl am Platze. Wenn die "Intellektuellen und Superstudierten" über Metaphern und Allegorien diskutieren, dann "hab’ ich oft mal Bammel". Nachdenklich fügt sie hinzu: "Manchmal denke ich, ich lebe in zwei Welten, aber in keiner richtig. Ich fühl’ mich allein gelassen."

Mittlerweile würde es sie enorm reizen, auch einmal Prosa zu verfassen. Aber das geht nicht: "Ich muß ja einkaufen, Preise vergleichen, putzen, Wäsche waschen, kochen." Ja, Max von der Grün, Josef Reding und all die anderen großen männlichen Ruhrgebiet-Autoren, "die können sich morgens um acht an die Schreibmaschine setzen; die haben ja Frauen, die sie versorgen". Ilse Kibgis hingegen muß sich die Zeit fürs Schreiben von der Hausarbeitszeit abknapsen. Ihre Manuskripte liegen auf einem Stapel neben dem Brotkasten in der Küche. Am Küchentisch entstehen auch ihre Gedichte. "Und dann denk’ ich oft: Was könntste in der Zeit alles putzen!" Wenigstens einen Schreibtisch hätte sie gern, aber für den ist in der kleinen Wohnung kein Platz.

So richtig glücklich, meint Ilse Kibgis, sei sie eigentlich nie gewesen: "Ich hätte gern ein paar mehr Chancen gehabt." Obwohl – wenn sie im Leben immer glücklich gewesen wäre, hätte sie vermutlich nie zu schreiben angefangen: "Keins meiner Gedichte ist aus Glück heraus entstanden." Aber sie will nicht larmoyant klingen. Ihren Frieden habe sie gefunden. "Glücklichsein kann man ja auch lernen", sagt sie und lächelt.