DINESCU: Ich bin nicht der einzige Intellektuelle, der heute wieder telephonisch bedroht und öffentlich verunglimpft wird. Außerdem stehen draußen vor meinem Haus auch wieder die bekannten Typen mit ihren Walkie-Talkies. – Schon drei Monate nach Ceauşescus Sturz begannen die kleinen Goebbelse des alten Systems, die neue Pressefreiheit zur Abrechnung mit mir und einigen früheren Dissidenten, darunter auch Andrej Pleşu, zu nützen. Die Gelder, die sie zu Ceauşescus Zeiten angehäuft hatten, investierten sie in die Gründung eigener Zeitungen, die nun in großen Auflagen und mit nationalistischen Phrasen gegen die ungarische Minderheit, gegen Juden, Zigeuner, Schriftsteller und Künstler hetzen. Seit ich die Regierung und die neuerliche Korruptionswirtschaft kritisiert hatte, begann eine völlig zügellose Kampagne gegen mich, gegen meine Frau und meine Familie. Ich werde als „ungarischer Spion“, als Agent von Radio Free Europe oder wechselweise des israelischen Geheimdiensts Mossad oder des KGB beschimpft. Mata Hari muß, verglichen mit mir, eine unschuldige Jungfrau gewesen sein.

  • Das Gespräch mit Mircea Dinescu dolmetschten Helmut Britz und Herbert Gruenwald, Redakteure der in Bukarest erscheinenden deutschsprachigen Kulturzeitschrift „Neue Literatur“.