Daß den staubigen Stasi-Akten eher zu trauen ist als den Erinnerungen ihrer Autoren, diese Erkenntnis verdanken wir Professor Dr. Dr. Gerd Brunner. Der Hochschullehrer für "Sozialistisches Recht", allzeit ein Liberaler, reklamierte noch beim Anblick einer Kopie seiner Verpflichtungserklärung zu acht Jahren Spitzeldiensten ein "reines Gewissen". Betrug und Betrüger brachen erst zusammen, als der Sonderausschuß des Magdeburger Landtages in Mielkes Archiven detaillierte Zeugnisse der Denunziation einsah. All das will Brunner "verdrängt" haben – sprach’s und trat, ohne Entschuldigung gegenüber seinen Opfern oder seinen Wählern, endlich zurück. Seinem Beispiel folgte am vergangenen Dienstag der Ministerkollege Otto Mintus.

Brunner, dessen vorwendische Karriere zum Chefredakteur und Professor die Stasi befördert und die SED geduldet hatte, glaubte offenbar, er sei unverzichtbar. Schon vor der vermeintlichen 89er-Revolution recht weit oben, wollte er noch höher hinaus.

Solcher Karrierismus ist in der Politik nicht neu und schon gar kein ostdeutsches Phänomen: In Kiel ging bekanntlich ein Politiker im Kampf um die Macht über das Ehrenwort hinaus bis in den Tod. Nein, der Unterschied zwischen Ost und West liegt weniger in der Neigung zur Lüge als in der Möglichkeit, dennoch der Wahrheit zu ihrem Recht zu verhelfen: In den neuen Ländern kann krankhafter Ehrgeiz eben per Akteneinsicht gezügelt werden.

Zu dieser Selbstüberprüfung der neuen Führungsschicht gibt es keine Alternative – jedenfalls nicht, solange die Ostdeutschen an der Spitze der jungen Demokratie keine Büttel der alten Diktatur wollen. Ein unbeschriebenes Blatt aus der Gauck-Behörde ist zwar kein Persilschein, aber doch ein notwendiges Indiz politischer Legitimation. Moral und Effizienz widersprechen sich dabei nicht – sie ergänzen einander.

Denn auf Dauer werden belastete Mitmacher einen zentralen Wählerauftrag nicht erfüllen können: den Aufbau einer Verwaltung mit neuen Gesichtern. Hunderttausendfach müssen Politiker derzeit Schicksal spielen, wenn sie Richter, Polizisten und Bürokraten entlassen. In Berlin wurde jetzt gar 68 belasteten Straßenkehrern gekündigt, weil die Stadtwerke um ihren Ruf als "sauberes Unternehmen" fürchteten. Es ist ein besonderer Skandal, daß die Politiker erst über das Schicksal anderer befinden, bevor sie über ihre eigene Vergangenheit Rechenschaft ablegen.

Jegliches Großreinemachen beschwört die Gefahr herauf, auch alle Mitläufer auszugrenzen; bis dato traut sich kein Politiker zu definieren, welche Vergangenheit für welche Tätigkeit tragbar ist. So nährt auch der Fall Brunner den Eindruck: Manch kleiner Sündenbock wird nur geschlachtet, um von den Großen abzulenken. Hans Modrow, dessen Schwert und Schild die Stasi in Dresden war, sitzt ebenso im Bundestag wie Lothar de Maizière, der gemäß Stasi-Experten in der Ostberliner Verwaltung "nicht mal mehr als Hausmeister" eingestellt werden würde.

Diese Doppelmoral wächst sich zu einem Aufschwunghemmnis aus: Längst haben sensible Beobachter wie der sächsische Ministerpräsident Kurt Biedenkopf erkannt, daß die alten Kader in Behörden und Betrieben ihre Mitarbeiter kaum motivieren können. Sie verstehen Parteidisziplin und Planbefehl; Mitbestimmung und Marktkräfte aber kennen sie nicht. Auch die alten Seilschaften können nur gekappt werden, wenn zuvor die Politiker die richtigen Signale setzen. Der Ersatzmann muß nicht immer aus dem Westen kommen, wie das schlechte Beispiel aus Sachsen-Anhalt suggerieren mag. Aus den Nischen der DDR-Gesellschaft ist überraschend schnell eine wirkliche neue Gruppe von Politikern gewachsen. Die stünden bereit, die würdige Nachfolge der Diktatoren und ihrer Helfershelfer anzutreten. Glaubwürdiger und leistungsfähiger als der blasse Professor Dr. Dr. Brunner wären sie allemal.

Christian Wernicke