Ein dicker Stapel Leserpost war die Antwort auf den Denksport-Artikel "Eingebung nützt nichts" in der ZEIT Nummer 30 vom 19. Juli. Außergewöhnlich heftig hatten zuvor bereits die Leser der US-Zeitschrift Parade auf einen Artikel der Journalistin Marilyn vos Savant reagiert, weil sie mit der verblüffenden Lösung der Aufgabe nicht einverstanden waren. Allerdings wurde die amerikanische Kollegin mit weitaus mehr Häme überzogen als ich, der sie zustimmend zitierte.

Zur Erinnerung: Marilyn vos Savant, mit dem höchsten Intelligenzquotienten der Welt gesegnet, hatte die Denksportaufgabe eines Lesers zu lösen – und erntete für ihre Entscheidung vorwiegend Spott und Hohn, nicht zuletzt von vielen Akademikern. Frau Savant sollte die folgende Frage klären: Sie nehme an einer Show im Fernsehen teil, bei der sie eine von drei verschlossenen Türen auszuwählen habe. Hinter einer Tür warte der Preis, ein Auto, hinter den beiden anderen stünden Ziegen. Sie zeige nun auf eine Tür, beispielsweise Nummer eins.

Vorerst bleibt diese Tür geschlossen. Der Moderator der Show weiß jedoch, hinter welcher Tür sich das Auto befindet. Mit den Worten "ich zeige Ihnen mal was" öffnet er eine andere Tür, etwa Nummer drei – und eine meckernde Ziege schaut ins Publikum. Provozierend fragt er nun Frau Savant: "Bleiben Sie bei Tür Nummer eins, oder wählen Sie Nummer zwei?"

Die intelligente Dame bevorzugt den Wechsel auf Nummer zwei, denn die Gewinnchance liege hier jetzt doppelt so hoch wie bei der zuerst gewählten Tür. Die meisten Leser, die Parade und nunmehr auch der ZEIT schrieben, waren damit partout nicht einverstanden. Schließlich, so das Hauptargument, bestehe nach der Aktion des Moderators bei Tür eins und bei Tür zwei die gleiche Wahrscheinlichkeit, daß sich dahinter das Auto befinde. Viele ZEIT- Leser haben dieses Argument mit phantasievollen Abwandlungen der Spiel-Idee illustriert. Tausende von Ziegen, Autos, Freiwilligen aus dem Zuschauerraum sowie bizarre Zufälle machten mit; mir wurde spaßeshalber vorgeschlagen, mit Frau Savant zum russischen Roulette anzutreten. Die Zahl und das Engagement der Kritiker war beeindruckend, auch unsere Leserbrief-Redaktion schloß sich ihnen an und bezeichnete Frau Savants Lösung als "Verquere Logik" (ZEIT Nr. 33 vom 9. August).

Doch die Ablehnungsfront bröckelt nach einer gründlichen, einfach nachvollziehbaren Analyse des Problems. Mehrere solcher Lösungswege hat die Minderheit der Briefschreiber vorgeschlagen. Weil sie nicht mit Frau Savants Entscheidung, sondern mit ihrer knappen Erklärung unzufrieden waren, haben sie eigene Vorschläge unterbreitet – einleuchtendere, wie ich meine. So schlagen einige Denksportler vor, drei gleich wahrscheinliche Fälle zu betrachten:

  • Hinter der gewählten Tür eins steht das Auto.
  • Hinter Tür zwei steht das Auto, also öffnet der Moderator Tür drei.
  • Hinter Tür drei steht das Auto, also öffnet der Moderator Tür zwei.

Ergebnis: In zwei von drei Fällen ist es besser zu wechseln. Anders ausgedrückt: Die Chance, daß hinter der nicht zuerst gewählten, aber noch ungeöffneten Tür das Auto steht, beträgt 2 : 3.