Das Bild hieß nicht deshalb "Medici", weil es etwas mit dem Florentiner Pillen-Fürsten zu tun hatte, sondern weil die rotweiß karierte Latte des Bauzauns, auf der die jungen Leute lehnten, der Firma Medici gehörte. Es war ein herrlich heiteres Gruppenbild mit Langhaarigen, zu sehen auf der documenta V in Kassel. Franz Gertsch hieß der Schweizer Maler, einen Hyperrealisten nannte man ihn damals, und in einem Katalog schrieb Gertsch etwas später, daß hier "Bilder von Bildern von Bildern von Bildern" zu sehen seien. Was so viel hieß wie: Die Katalogabbildungen stammten von einer Photovorlage, die ein gemaltes Bild zeigt, das von einer Dia-Vorlage entstanden war. Im verdunkelten Atelier saß Gertsch damals vor der Leinwand und hielt Punkt für Punkt das fest, was das Farbdia ihm vorprojizierte. Gertschs Bilder – junge Leute beim Picknick, beim Schminken, im Badezimmer oder am Strand – waren keine Stilleben, sondern Breitwand-Schnappschüsse, heitere Souvenirs der Freundschaft, der Jugend. Ihn interessiere, so schrieb Gertsch damals, "nicht die Kunst an der Malerei, sondern das Leben".

Seit 1986 sitzt Franz Gertsch nicht mehr vor einer großen Leinwand, sondern vor einer großen Holzplatte. Wiederum wird das Motiv mit einem Dia projiziert, aber das Holz ist nicht Bildträger, sondern Matrix. Franz Gertsch macht Holzschnitte. Mit einem winzigen Hohleisen holt er die Lichtstellen aus dem Holz hervor ("Lichtbilden" nennt Helmut Friedel diese Technik im Katalog), die nicht oder weniger bearbeiteten Partien bleiben als Schattenstellen stehen. Nur millimetergroß sind die Aushübe, so daß sich, anders als bei den Holzschnitten der deutschen Expressionisten, keine scharfen Hell-Dunkel-Kontraste, sondern nur zarte Übergänge von Licht und Schatten ergeben. Ein gutes halbes Jahr braucht Gertsch zur Bearbeitung einer Holzwand (die Formate, oft über zwei Meter hoch und fast zwei Meter breit, erinnern eher an Leinwanddimensionen), dann werden die Abzüge gemacht, keine Auflagendrucke, sondern eine Serie, in der eine Farbfolge durchgespielt wird: zum Beispiel blau von hell nach dunkel. Von fern gesehen, könnten die riesengroßen monochromen Blätter auch Pastellkreidezeichnungen sein.

Portrait und Landschaft sind Gertschs Themen: Dominique, Natascha, Doris, Cima del Mar, Rüschegg, Schwarzwasser. Die schönen jungen Gesichter und die schöne alte Natur sind ebenso realistisch wie unwirklich. Die "Medici" Boys waren, Gertsch sagte es selber, erstens Leben und zweitens Kunst. Natascha und Rüschegg sind Erinnerungen an das Leben. (Städtische Galerie im Lenbachhaus bis zum 25. 8.; Katalog 40,– DM) . Petra Kipphoff