Vor sechzig Jahren in Berlin: Todfeindschaft zwischen Arbeitern und Polizei – Auch Ulbricht war in die Tat verwickelt

Von Wolfgang Zank

Der Tag war bis zum Abend wider Erwarten ruhig verlaufen. Auf dem Bülowplatz in der nördlichen Innenstadt Berlins versammelten sich zwar trotz polizeilichen Verbotes immer wieder Menschen, aber die Beamten des Polizeireviers 7 konnten sie ohne größere Mühe wieder zerstreuen.

Die Polizisten haben eigentlich mit mehr gerechnet, denn an diesem Sonntag, dem 9. August 1931, wird der Volksentscheid gegen die sozialdemokratische preußische Regierung abgehalten; die politischen Gruppen haben sich in letzter Zeit zum Teil mit äußerster Erbitterung bekämpft. Zudem ist am Vortag hier auf dem Bülowplatz der Klempner Fritz Auge von einem Polizisten erschossen worden. Mehrere Leute hatten den Beamten tätlich angegriffen; darauf zog er seine Pistole und verletzte einen der Angreifer mit einem Schuß in den Arm. Außerdem gab er, wie er sagte, einen Warnschuß in die Luft ab. Dieser „Warnschuß“ traf den Klempner laut Obduktionsbericht aus einer Entfernung von einem bis zwei Metern in den Rücken. Auge war, wie die meisten in diesem Viertel, Sympathisant der Kommunistischen Partei. Unmittelbar am Bülowplatz steht auch das Karl-Liebknecht-Haus, die mehrstöckige Zentrale der KPD.

In dem heruntergekommenen Proletarierviertel um den Bülowplatz ist die Polizei verhaßt. Die Beamten spüren es täglich. Häufig bekommen sie Drohbriefe. Als sie vor einiger Zeit eine Frau wegen Widerstandes gegen die Staatsgewalt festnahmen, schrie sie: „Ihr Arbeitermörder, Ihr seid dran, die Nächsten seid Ihr, wir werden Euch schon zeigen, der RFB [Roter Frontkämpferbund, die illegale paramilitärische Organisation der KPD] wird sich schon rächen. Ihr habt den Hahnert umgebracht, aber die nächsten seid Ihr.“ Im Dezember 1930 war in der Linienstraße der Arbeiter Hahnert erschossen worden.

In der gestrigen Nacht hat jemand mit Kreide an den Hauseingang zum Polizeirevier geschrieben: „Für einen erschossenen Arbeiter fallen zwei Schupooffiziere!!! Rot Front. R.F.B. lebt, nimmt Rache!“ Und an der Ecke Fransecky-/Hagenauer Straße, etwa anderthalb Kilometer vom Bülowplatz entfernt, steht: „Für jeden Kommunisten 2 Polizeibeamte.“

Die Beamten der Revierwache 7 sind an diesem Sonntag vollzählig im Dienst; es ist große Alarmstufe angeordnet worden. Durch Polizisten der Inspektion Alexander und des Gewerbeaußendienstes werden sie zusätzlich verstärkt. Schupohauptmann Paul Anlauf, der Leiter der Revierwache, ist gegen Mittag zusammen mit Polizeioberwachtmeister August Willig im Streifenwagen durch das Revier zu den einzelnen Wahllokalen gefahren. Alles war ruhig. Hauptmann Anlauf wird in der Gegend allgemein nur als „Schweinebacke“ tituliert – wohl eine Anspielung auf sein übergewichtiges Äußeres. Sein ständiger Begleiter Willig trägt den Spitznamen „Husar“ oder „Husaren-Ede“. In Gegenden wie dieser gehen die Polizisten grundsätzlich nur zu zweit auf Streife.

Gegen acht Uhr abends entschließt sich Anlauf zu einem erneuten Rundgang. Polizeihauptmann Franz Lenck vom Gewerbeaußendienst bittet, an dem Kontrollgang teilzunehmen. Anlauf meint zunächst, das sei nicht nötig. Es werde schon nichts passieren, und wenn, dann genüge es, daß Willig und er erschossen würden. Lenck geht dennoch mit.

Vor dem Karl-Liebknecht-Haus sehen sie eine größere Menschenansammlung und sprechen kurz mit Polizeioberwachtmeister Burkert, der dort seit neunzehn Uhr mit mehreren Beamten auf Posten steht. Burkert (Spitzname: „Totenkopf“ oder „Leichenheinrich“) ist deutlich nervös; irgend etwas sei nach dem ganzen Verhalten der Menge geplant, augenscheinlich wegen der gestrigen Vorfälle. Er rät dringend dazu, den ganzen Bülowplatz sofort radikal zu räumen. Anlauf hält die Sache für nicht so bedrohlich und will zunächst die Lage in den nahegelegenen Musikersälen in Augenschein nehmen. Dort soll um zwanzig Uhr eine KPD-Versammlung stattfinden.

Anlauf geht in der Mitte, Lenck links und Willig rechts von ihm. Willig hört plötzlich unmittelbar hinter sich eine Stimme: „Du – Husar, du – Schweinebacke, und du – den anderen.“ Willig weiß sofort, daß ein Anschlag auf sie verübt werden soll. Er greift zu seiner Pistole und will sich umdrehen. In diesem Augenblick fallen salvenartig mehrere Schüsse. Anlauf erhält einen Kopfschuß und fällt tot vornüber. Lenck wird in den Rücken getroffen, stürzt ebenfalls, erhebt sich aber wieder. Er zieht seine Pistole, wankt in den Vorraum des Kinos „Babylon“ und bricht dort zusammen. Er stirbt auf dem Weg zur Rettungsstelle. Willig sackt nach den Schüssen in die Knie, erhebt sich aber ebenfalls und verfeuert sein ganzes Magazin auf die umstehenden Personen. Erst beim Nachladen bemerkt er eine Verwundung an der Hand; das Magazin fällt zu Boden. Mit einem Bauchschuß kommt er ins Krankenhaus. Er wird überleben.

Der Bülowplatz und die ganze Umgebung sind nach den Schüssen sofort in hellen Aufruhr geraten. Die Beamten vor dem Karl-Liebknecht-Haus meinen, sie würden von allen Seiten beschossen, und beginnen ihrerseits zu schießen. „Es entstand ein Wirrwarr unter den Polizeileuten, und die angesammelten Menschen liefen davon“, sagte später ein parteiloses, in einer KPD-Broschüre zitiertes Ehepaar aus. „Es wurde dann aber von der Polizei ununterbrochen geschossen, so daß wir in das K. L.-Haus eintreten mußten, um nicht auch getroffen zu werden. Während dieser Zeit, wir waren etwa 10 Minuten im K. L.-Haus, wurde weiter geschossen. Wir und noch ungefähr 20 Leute gingen aus dem K. L.-Haus hinaus und liefen zur Hirtenstraße zu. Auch während wir liefen, wurde hinter uns hergeschossen, und nur durch ein Wunder blieben wir unverletzt.“

Ein Zeuge sagt vor der Polizei aus: „Auf dem Weg bis zur Ecke [Kleine Alexander-/Weydingerstraße] hörte ich eine große Anzahl von Schüssen fallen. An dieser Ecke lag eine Zivilperson, die einen Bauchschuß erhalten hatte. Der Mann war etwa 54 Jahre alt. Ich griff den stark blutenden Mann unter die Schulter und schleifte ihn in einen Hausflur eines Hauses in der Kleinen Alexanderstr., nach dem K.L.-Haus das zweite Haus... Ich blieb bei dem Verwundeten und wollte ihn mit Unterstützung von Hausbewohnern verbinden. Gleich darauf kamen 4 Schutzpolizeibeamte in das Haus, die auf mich mit ihrem Polizeiknüppel einschlugen. Mir blieb nichts anderes übrig, als das Haus zu verlassen und zu türmen.“

Als die herbeigerufenen Polizeiverstärkungen eintreffen, ist der Platz bereits weitgehend leer. Die Polizisten geben noch mehrfach Schüsse auf vermeintliche Heckenschützen ab und durchkämmen die umliegenden Häuser. Die Besucher des Kinos „Babylon“ werden allesamt durchsucht. Die KPD-Versammlung in den Musikersälen wird „unter teilweisem Gebrauch des Pol.-Knüppels“ (Polizeibericht) aufgelöst. Der kommandierende Offizier bilanziert: „An Verletzten auf Seiten der Aufrührer“ – jeder Zivilist in der Gegend ist offenbar automatisch ein Aufrührer – „sind bisher festgestellt: 1 Toter, 14 Verletzte, teils leicht, teils schwer“. 66 Personen sind „zwangsgestellt“.

Das Rettungsamt der Stadt Berlin teilt am nächsten Tag die Namen von 23 weiteren Personen mit, die in Krankenhäusern liegen oder auf Rettungsstellen behandelt wurden. Unter anderem stehen auf der Liste: „4.) Groß, Richard, 11 Jahre, Bauchschuß ... 14.) Kießler, Marie, Aufwärterin, Bauch- und Beckenquetschung. 16.) Schnell, Frieda ..., Schußverletzung am linken Unterschenkel... 18.) Riger, 12 Jahre, Mädchen, ... Steckschuß rechter Unterarm.“

Im Hedwigskrankenhaus lag „8.) Stern, 54 Jahre, ... Bauchschuß“. Neben dem Namen ist handschriftlich vermerkt: „12.8.31 gestorben“.

Während die Schupobeamten Jagd auf die Polizistenmörder machen, arbeiten im Karl-Liebknecht-Haus die Redakteure der Roten Fahne mit Hochdruck an der Montagsausgabe. Chefredakteur Alexander Abusch berichtet später in seinen Memoiren: „Bei der gebotenen Eile blieb uns nichts anderes übrig, als direkt in die Setzmaschinen zu diktieren, gestützt auf wenige Notizen. Die Maschinen standen unmittelbar in der Nähe von großen Fenstern...; Vorhänge gab es nicht. Ich kniete mich, um im beleuchteten Saal nicht Schützen von draußen eine Zielscheibe zu bieten, neben dem Stuhl des Maschinensetzers nieder – und diktierte ihm die ‚Spitze‘. Albert Norden diktierte, ebenfalls knieend, die Bewertung des Volksentscheids an einer anderen Setzmaschine ... Da schlugen Schüsse gegen das Haus und zertrümmerten ein Fenster. Wir achteten während der Arbeit am Fenster nicht auf die Gefahr für uns. Damit es schneller ging, lasen Jürgen Kuczynski und andere Redakteure Korrektur.“

Die Redakteursmühe ist vergebens: Gegen 23 Uhr riegelt die Polizei das Karl-Liebknecht-Haus ab, und um fünf Uhr morgens dringen Polizisten ins Gebäude ein. Sie stellen die Personalien aller Anwesenden fest und beschlagnahmen unter anderem die vorliegende Nummer der Roten Fahne. Außerdem fällt der Polizei umfangreiches Karteimaterial in die Hände. Das soll im Frühjahr 1933 für die dann im Untergrund arbeitenden Kommunisten verheerende Folgen haben.

Politische Gewalt war im Deutschland des Jahres 1931 an der Tagesordnung, viele Menschen waren abgestumpft. Aber derartiges, das kaltblütige Abknallen zweier Polizeibeamten, der Repräsentanten von Recht und Ordnung schlechthin, war bis dahin unvorstellbar. Entsetzen machte sich breit. Anlauf und Lenck wurden „unter ungeheurer Beteiligung des Berliner Publikums zur letzten Ruhe geleitet“, wie die Vossische Zeitung schrieb. Bei der Trauerfeier – für die Polizisten, nicht für die Opfer der Polizeischüsse – sah man unter anderen Reichsinnenminister Joseph Wirth und den preußischen Innenminister Carl Severing. „Unser aller Herz stand still, als wir von diesem Verbrechen hörten, von diesem Verbrechen, das ein Brudermord war von Deutschen an Deutschen“, sagte der Geistliche.

Aber in der unmittelbaren Umgebung des Bülowplatzes schlug der Polizei „überall im Viertel ein höhnisches Grinsen entgegen“, beobachtete der Korrespondent des Kopenhagener Blattes Politiken. Viele kommunistische Aktivisten zeigten ihre Freude unverhohlen. Rache war offenbar süß. Außerdem registrierte man mit grimmiger Befriedigung einen einschüchternden und demoralisierenden Effekt bei den Polizisten. Nicht wenige Funktionäre der KPD verurteilten die Tat allerdings scharf.

Die Täter waren zunächst entkommen, aber kaum jemand zweifelte daran, daß es Kommunisten waren. Vor allem eine Partei zog daraus Nutzen: „Das Bürgertum und der Halbmarxismus haben auch heute weder den Willen noch die Kraft, dem Mordterror des Bolschewismus entgegenzutreten“, war im Angriff (Schriftleiter: Dr. Joseph Goebbels) zu lesen. „Wir Nationalsozialisten sind heute in Deutschland die einzigen, die in jeder Stunde, in jeder Minute auf dem Plan sind, wenn es um Deutschland geht. Wäre der Nationalsozialismus nicht, die bolschewistische Welle hätte Deutschland längst überflutet und das morsche und verrottete Bürgertum zertrümmert.“ Derlei Sätze fielen nun auf noch fruchtbareren Boden als vorher schon. Dies war die politische Hauptwirkung der Tat.

Am 30. Januar 1933 wurde der Führer der Nationalsozialisten zum Reichskanzler ernannt; wenige Wochen später begann eine gnadenlose Jagd auf die Kommunisten! Außerdem wurde die Polizei angewiesen, verstärkt unaufgeklärte „Rotmord-Fälle“ zu bearbeiten. Auch die „Mordsache Bülowplatz“ wurde wiederaufgenommen.

Spuren gab es kaum. Aber immerhin hatten Schupobeamte kurz nach der Tat den Kutscher Max Thunert aus einer Regentonne gezogen. Thunert hatte seinerzeit ausgesagt, er sei aus Angst vor der Schießerei in die Tonne geklettert. Von einem Zeugen erfuhren die Polizisten, Thunert sei ihm „bekannt als großer Schläger und Säufer, der gerne mit anderen Genossen Raufhändel anfängt“. Aber es war ihm damals nichts nachzuweisen.

Am 21. März 1933 wurde Thunert erneut festgenommen. Jetzt, nach der Machtübergabe an die Nazis und der weitgehenden Zerschlagung der KPD, klappte Thunert zusammen. Er gab zu, an der Tat beteiligt gewesen zu sein, habe allerdings nicht selber geschossen. Ein Max Matern habe ihm die Anweisungen erteilt. Auch Matern legte nach seiner Festnahme ein Geständnis ab und nannte Namen. Weitere Festnahmen folgten. Im September meldete die Kripo: „Das schwere Verbrechen ist restlos aufgeklärt.“

Der Kripo zufolge war der KPD-Reichstagsabgeordnete Hans Kippenberger der unmittelbare Organisator des Mordes; Heinz Neumann, seinerzeit nach Ernst Thälmann die Nummer zwei der KPD, war der politische Hauptverantwortliche. Dies wurde Jahrzehnte später in groben Zügen von keinem geringeren als von Honeckers Vorgänger Walter Ulbricht bestätigt. In der unter seiner Ägide herausgegebenen „Geschichte der deutschen Arbeiterbewegung“ (im Impressum erscheint Ulbricht sogar ausdrücklich als Leiter des Autorenkollektivs) heißt es:

„Eine schwerwiegende parteifeindliche Handlung hatte Heinz Neumann begangen, als er ... gemeinsam mit Hans Kippenberger die Erschießung von zwei Polizeioffizieren organisierte... Heinz Neumann hatte hinter dem Rücken der Parteiführung und der Berliner Bezirksleitung unter Berufung auf seine Eigenschaft als Mitglied des Sekretariats des Zentralkomitees die Anweisung gegeben, zur Abschreckung der Polizei die beiden Polizeioffiziere ... niederzuschießen ... Die Mitarbeiter der Parteiführung, die anderen Mitglieder des Sekretariats und die Berliner Bezirksleitung wurden völlig überrascht.“

Ob die Berliner Bezirksleitung wirklich so überrascht wurde, ist umstritten. Doch der Reihe nach: Die KPD-Führung hatte sich seit Ausbruch der Weltwirtschaftskrise im Herbst 1929 eingeredet, Deutschland stehe unmittelbar am Vorabend einer kommunistischen Revolution; zielstrebig müsse sich die Partei auf den Bürgerkrieg vorbereiten. Die Planung, das Sammeln von Nachrichten und die Zersetzung gegnerischer Organisationen oblag dem geheimen militärpolitischen Apparat unter Hans Kippenberger. Er war im Ersten Weltkrieg Leutnant gewesen und hatte sich 1918 der USPD und 1920 der KPD angeschlossen. Seit 1922 im geheimen Apparat der KPD tätig, leitete Kippenberger im Oktober 1923 den Hamburger Aufstand. Er floh danach in die Sowjetunion, absolvierte eine militärpolitische Schulung und kehrte 1924 illegal zurück. Seit 1928 saß er im Reichstag und genoß damit Immunität.

Der illegale Rote Frontkämpferbund sollte das Gerippe für eine künftige deutsche Rote Armee bilden. Polizeiunterlagen zufolge beschloß das KPD-Zentralkomitee im September 1930, den RFB binnen sechs Monaten zu einer schlagkräftigen Bürgerkriegsarmee auszubauen. Auch der RFB arbeitete unter Leitung von Kippenbergers militärpolitischem Apparat. Daneben organisierte die KPD eine Reihe anderer Kampforganisationen, unter anderem einen bewaffneten Ordnerdienst.

Es konnte der Parteiführung nicht verborgen bleiben, daß die KPD trotz steigender Mitgliederzahlen und Wählerstimmen im Grunde eine schwache Organisation war. Ihre bewaffneten Gruppen hatten im Ernstfall nicht den Hauch einer Chance gegen Polizei oder gar Reichswehr. Außerdem hätten sie noch die kampfstarken rechtsradikalen Verbände wie SA oder Stahlhelm gegen sich gehabt. In den Großbetrieben war die KPD kaum verankert. Die Partei war nicht in der Lage, größere Streikbewegungen zu führen, und angesichts des Millionenheeres an Arbeitslosen wurde die Streikwaffe ohnehin bald völlig stumpf. Die KPD entwickelte sich mehr und mehr zu einer Erwerbslosenpartei mit hoher Mitgliederfluktuation.

Die KPD-Führung übertönte die Schwäche der Partei mit einem kontinuierlichen Schwall pseudorevolutionärer Phrasen. Hier tat sich insbesondere Heinz Neumann hervor. Neumann, ehemaliger Philologiestudent, war seit 1922 hauptamtlicher Funktionär. Einen Gefängnisaufenthalt nutzte er, um Russisch zu lernen, und als er 1922 mit einer Delegation in die Sowjetunion reiste, konnte er direkten Kontakt zu führenden sowjetischen Kommunisten aufnehmen, darunter wahrscheinlich schon Stalin.

Im Jahre 1925 wurde Neumann Vertreter der KPD bei der Kommunistischen Internationale (Komintern) in Moskau und konnte somit der sowjetischen Führung noch näher kommen. 1927 schickte Stalin ihn zusammen mit einem KPdSU-Funktionär nach China, wo sie den sogenannten Kantoner Aufstand organisierten. Der Aufstand wurde blutig niedergeworfen. 1928 ging Neumann als Stalins Vertrauter wieder nach Deutschland. Im Alter von 26 Jahren gelangte er in das Politsekretariat, den innersten Machtzirkel der KPD. Neumann galt als „Theoretiker“ der Partei. Unablässig propagierte er die „Sozialfaschismus-Theorie“, derzufolge die SPD den linken Flügel des Faschismus bildete und „schwerpunktmäßig“ zu bekämpfen sei. Vor allem Neumann („Schlagt die Faschisten, wo Ihr sie trefft!“) wurde zum Exponenten eines unerbittlichen Konfrontationskurses.

Auch die Polizei wurde Objekt zahlloser Attacken aus dem kommunistischen Milieu. Die Angriffe waren allerdings lange Zeit spontane Einzelaktionen. Aus den Berliner Polizeiakten: „Am 22.1.31 wurde ein Polizeibeamter von einem K.P.D.-Mann in die rechte Hand gebissen ... – ... wurde gelegentlich einer KPD-Demonstration ein Polizeibeamter durch einen Messerstich verletzt ... – ... (wurden) einschreitende Polizeibeamte von K.P.D.-Leuten angegriffen und geschlagen... – ... wurden Polizei-Beamte, die K.P.D.-Leute festnehmen wollten, bei der Verfolgung von diesen beschossen ...“

Diese Aggressivität kam nicht von ungefähr. Spätestens seit dem „Blutmai“ 1929 waren die Polizisten bei vielen Berliner Proletariern zutiefst verhaßt. Damals hatten die Schupobeamten nach nicht genehmigten Maikundgebungen 33 Menschen erschossen und 198 Personen verletzt. Nicht ein Beamter war in den angeblichen „Kämpfen“ getroffen worden (abgesehen von einem, der mit der eigenen Waffe unsachgemäß hantierte).

Es blieb nicht beim „Blutmai“. Nach einer Statistik der „Roten Hilfe“ wurden vom 1. Januar bis zum 13. August 1931 zweiundvierzig Arbeiter von der Polizei getötet, die meisten durch gezielte Schüsse. Ein Beispiel: Der am Vortage noch kerngesunde junge Arbeiter Herbert Kukies starb im Krankenhaus, in welches er nach einem zwangsweisen Aufenthalt auf dem Polizeirevier 61 eingeliefert wurde. Der Obduktionsbefund lautete unter anderem auf gebrochenen Unterkiefer. Ein Zeuge sagte aus, er habe gesehen, wie Kukies auf der Wache versuchte, sich das völlig blutverschmierte Gesicht zu waschen. Einem anderen Zeugen zufolge sagte Kukies, die Beamten hätten ihm einen Tritt in die Geschlechtsteile versetzt.

Soweit ersichtlich, wurde in keinem einzigen Todesfall eine gründliche Untersuchung der Umstände in Gang gesetzt, geschweige denn ein Beamter belangt. Im Gegenteil, die Polizeiführung sah ihre Aufgabe vor allem darin, den Polizisten nach Kräften den Rücken zu stärken. In Gegenden wie der um den Bülowplatz mußte der letzte Rest von Vertrauen in staatliche Gerechtigkeit vergehen.

Die Polizei demonstrierte täglich und oft auf brutale Weise, wer der Stärkere war. Den kommunistischen Basisaktivisten mußte daher die eigene Organisation als Papiertiger erscheinen, allen militanten Sprüchen zum Trotz. Männer wie Heinz Neumann waren nicht gewillt, dies länger mit anzusehen.

Am 29. Mai 1931 wurde der Polizeihauptwachtmeister Zänkert durch einen Bauchschuß tödlich verletzt – das erste Todesopfer auf Seiten der Polizei. Am selben Tag wurde ein anderer Beamter durch Messerstiche verletzt, ein dritter erhielt einen Schuß in den Arm. Die Beamten hatten verschiedene Gruppen des Stahlhelms beschützt. Auch ein Stahlhelmer wurde erschossen. Dies war keine spontane „Zusammenstoß“-Gewalt mehr. Die Stahlhelmer und die Polizisten wurden Opfer eines systematisch organisierten Feuerüberfalls.

Am 1. August 1931 organisierte die Berliner KPD eine Demonstration zum Antikriegstag (die wie üblich verboten wurde). Als einige Beamte einen der Organisatoren verhaften wollten, wurden sie mit Steinen beworfen. Sie zogen (wie üblich) ihre Pistolen und schossen in die Menge. Ein Arbeiter wurde tödlich getroffen, ein zweiter verletzt. Als die Beamten eine aufhetzende Person verhaften wollten, fielen plötzlich mehrere Schüsse. Polizeihauptwachtmeister Fiebig wurde in die rechte Rückenseite getroffen. Obwohl die Kugel beide Lungenflügel traf, überlebte Fiebig. „Die Art der Durchführung des Feuerüberfalls selbst beweist ... eine beachtenswerte Fertigkeit, die zweifellos das Produkt einer besonderen Schulung ist, besonders da es sich größtenteils um jüngere Personen handelt, die nicht am Kriege teilgenommen haben. Demgemäß konnten auch die Täter zunächst entweichen“, heißt es in einem Polizeibericht.

Sieben Tage später, am 8. August, wurde der Klempner Auge auf dem Bülowplatz erschossen. Einige Stunden später erhielt Michael Klause, Verbindungsmann zwischen Parteiführung und Ordnerdienst der KPD, den Auftrag, sich bei Kippenberger zu melden. Kippenberger eröffnete ihm, daß der Polizeihauptmann Anlauf als Rache für den Tod Auges am heutigen Tage zu erschießen sei. Eine illegale Demonstration sollte den Hauptmann aus seiner Revierwache locken; zwei Gruppen des Ordnerdienstes hätten mit Pistolen bereitzustehen. Aus nicht ganz geklärten Gründen wurde der Plan nicht ausgeführt.

Freiwillige Schützen

Kippenberger entwickelte noch am selben Tag einen neuen Plan: Zwei Mitglieder des Ordnerdienstes, nach Möglichkeit unverheiratet, sollten sich freiwillig als Schützen melden. Fünf bewaffnete Männer hatten die Flucht der Schützen zu decken, und acht Mann ohne Waffen sollten im Bedarfsfalle die Polizisten durch Festhalten, Beinstellen und ähnliches behindern. Klause besprach noch am selben Abend die geplante Aktion mit Friedrich Broede, dem Leiter des Unterbezirkes Nord des Ordnerdienstes. Broede listete auf einem Zettel die Namen der vorgesehenen Teilnehmer und ihre jeweiligen Aufgaben auf. Als Schützen bestimmte er den Techniker Erich Ziemer, 24 Jahre, und den kaufmännischen Angestellten Erich Mielke, 23 Jahre.

Erich Mielke wurde am 28. Dezember 1907 in einer Mietskaserne des Berliner Nordens als Sohn eines Stellmachers als ältestes von vier Geschwistern geboren. Dank einer erfolgreich bestandenen Begabtenauswahl erhielt er eine Freistelle auf einem Gymnasium. „Sein Betragen war sehr gut“, steht auf dem Abgangszeugnis. 1924 verließ er das Gymnasium laut Schulbescheinigung „auf eigenen Wunsch..., da er den hohen Anforderungen der Schule nicht in allen Fächern genügte“. Er wurde Lehrling bei einer Speditionsfirma. Dort bescheinigte man ihm leichte Auffassung, Fleiß, Interesse an der Arbeit und eine einwandfreie Führung.

Seit 1925 gehörte er der KPD an. Im Arbeitersportverein Fichte ertüchtigte er sich körperlich. Spätestens seit dem April 1930 stand „Wehrsport“ auf dem Programm des Vereins. Gerade unter den der KPD nahen Sportvereinen wurden die Mitglieder der diversen Kampforganisationen rekrutiert. Mielke, seit November 1930 arbeitslos, schrieb außerdem als Reporter für die Rote Fahne. „Ich lernte in ihm einen Arbeiterjungen vom Wedding mit echt Berliner Witz und erstaunlicher Bildung kennen“, schrieb Chefredakteur Abusch in seinen Memoiren. „(Ich) erfuhr ... im Gespräch mit ihm, wie sehr er Musik liebte und daß er ungefähr alle für ihn erreichbaren Opern kannte.“ Nun ja.

Am Sonntag, dem 9. August, instruierte Klause die Leiter der vorgesehenen Einsatzgruppen im Hinterraum einer Kneipe. Er fragte Ziemer und Mielke, ob sie auch wirklich bereit seien, die Tat auszuführen. Beide bejahten.

Die Gruppen hielten sich den ganzen Tag bereit. Aber Wilhelm Peschky, der unmittelbare Leiter der Aktion auf dem Bülowplatz, sah lange Zeit keine Gelegenheit. Gegen halb sechs erhielt Peschky den Auftrag, sich im Karl-Liebknecht-Haus zu melden. Als er zusammen mit Klause den Raum betrat, fuhr Heinz Neumann ihn an: „Was ist das für eine Schweinerei! Schweinebacke läuft dauernd auf dem Platz herum und nichts passiert! Wenn ich das den Verein (RFB) hätte machen lassen, wäre die Sache längst erledigt!“ Wie Klause später aussagte, waren noch drei andere Personen im Raum: Hans Kippenberger, Albert Kuntz, der Organisationssekretär des Bezirks Berlin-Brandenburg, und der Politische Leiter ebendieses Bezirks: Walter Ulbricht. Etwa zwei Stunden später krachten die tödlichen Schüsse.

Die Richter am Schwurgericht I beim Landgericht Berlin, die 1934 über den Fall verhandelten, waren sich in einem Punkte völlig sicher: „Daß Ziemer und Mielke geschossen haben, steht fest.“ Allerdings ließ sich nicht rekonstruieren, ob nur sie allein schossen. Wahrscheinich waren es drei Mann. Auf jeden Fall wurden Ziemer und Mielke unmittelbar nach der Tat von der KPD in die Sowjetunion geschleust.

Dreimal Todesstrafe

Nicht weit vom damaligen Bülowplatz, dem heutigen Rosa-Luxemburg-Platz, liegen im Zentralen Parteiarchiv der PDS einige Teilnehmerlisten der internationalen Militärschule in der Sowjetunion. Im Verzeichnis der „VI. deutschen Schule“ (Lehrgang von Januar bis Juli 1932) finden sich als letzte, unter den Nummern 41 und 42, die Namen Mielke, Erich, und Ziemer, Erich. Als Decknamen zum Gebrauch in der Schule waren eingetragen: Eckener, Paul, und Schmidt, Georg. „Ohne Paß u. ohne Grenzvermerk“ ist bei beiden angegeben; bei den anderen Teilnehmern wurde in dieser Spalte der falsche Paßname eingetragen.

Auf einer zweiten derartigen Liste findet sich neben den Namen Mielke und Ziemer zur Angabe des gegenwärtigen Aufenthaltes die Eintragung: „In SU – Aspirant der Lenin-Schule“. Einem russischen Begleittext zufolge stammt diese Liste vom Dezember 1935. Das ist bislang die letzte Spur von Erich Ziemer. Er ist wahrscheinlich bei den bald einsetzenden Säuberungen ums Leben gekommen. Sein Kursuskamerad Mielke machte dagegen eine steile Karriere.

Hans Kippenberger wurde in der Sowjetunion am 3. Oktober 1937 nach einem Geheimprozeß erschossen. Sieben Wochen später wurde dort auch Heinz Neumann zum Tode verurteilt. Kippenbergers Frau Thea, welche vermutlich nach der Tat Mielke und Ziemer mit Geld ausgerüstet hatte, wurde im Februar 1938 verhaftet und starb dann in einem sibirischen Lager.

In Berlin fielen am 19. Juni 1934 die Urteile gegen fünfzehn Angeklagte in der Mordsache Bülowplatz. Das Gericht erkannte in drei Fällen wegen Mittäterschaft auf Todesstrafe. Das Urteil an Max Matern wurde durch Enthauptung vollstreckt, und Friedrich Broede beging vor der Hinrichtung Selbstmord. Michael Klause, der mit sehr detaillierten Aussagen aufgewartet hatte, wurde von Hitler zu lebenslänglichem Zuchthaus begnadigt. Im April 1943 soll er in der Bewährungseinheit Dirlewanger an der Ostfront eingesetzt worden sein; sein weiteres Schicksal ist unbekannt. Sieben Angeklagte erhielten Zuchthausstrafen zwischen vier und fünfzehn Jahren.

Das Verfahren gegen den Bezirksorganisationssekretär Albert Kuntz, Ulbrichts rechte Hand, wurde eingestellt; ihm war nur Mitwisserschaft nachzuweisen, und die fiel unter eine Amnestie. An seiner Mitwisserschaft gab es aufgrund verschiedener Aussagen allerdings keinen Zweifel. Kuntz wurde in einem anderen Prozeß wegen Vorbereitung zum Hochverrat zu anderthalb Jahren Zuchthaus verurteilt. Danach kam er ins KZ. Unbeugsam organisierte er in Buchenwald und anderen Lagern illegale Gruppen, welche auch Sabotageakte an den dort produzierten V-Waffen verübten. Im Januar 1945 wurde er von der SS ermordet.

Wilhelm Peschky konnte 1933 in das damals vom Deutschen Reich abgetrennte Saargebiet entkommen. Was aus ihm weiter wurde, ist nicht bekannt. Das gleiche gilt für vier andere mutmaßliche Tatbeteiligte.

Auf den Fahndungslisten der Polizei stand im Zusammenhang mit dem Bülowplatz-Mord noch lange Zeit der „Markthelfer Walter Ulbricht“. Auch er hatte noch eine steile Karriere vor sich.