Von Thomas von Randow

Mein Weg von der U-Bahn-Station zur ZEIT-Redaktion im Hamburger Pressehaus führt mich an einem etwa weinfaßgroßen, gelbrosafarbenen, unbehauenen Granitstein vorüber. Nur seine dem Bürgersteig zugewandte Seite ist etwas abgeflacht worden. Hier ist ein Kreis eingemeißelt, darin ein Baum. Eine Inschrift entlang der Peripherie des Reliefs wendet sich duzfreundlich an den Passanten: „Rette den Wald“. Ein Umweltverein hat vor fünf Jahren dieses Mahnmal gestiftet, „der Bürgerschaft“.

Als ich vor ein paar Wochen dort vorbeikam, hatte jemand den Bürgeraufruf mit einer Frage ergänzt. Sie war nicht – wie heute üblich – mit Farbe auf den Stein gesprüht oder eingeritzt worden. Nein, der Schreiber hatte sie in wohlgestalteten Buchstaben auf einen Bogen Papier gemalt, in einen aus Pappe und Glas liebevoll gebastelten Rahmen gesteckt und an den Stein gelehnt. Seine Frage: „Und wer schützt mich?“ Dazu die Unterschrift: „Ein Mensch“.

Auf meinem Rückweg sah ich den Stein wieder, doch der zaghafte Hilferuf des Menschen war verschwunden. In kleinen Schnipseln verstreut lag er auf dem Bürgersteig, der Rahmen war zertreten.

Was mag den Wüterich so sehr erregt haben? War es die Anmaßung des Menschen, sich für nicht weniger schützenswert zu halten als einen Wald? Ich glaube eher, die erboste Person wollte verhindern, daß jemand angeregt wird, darüber zu meditieren, ob nicht inzwischen der Umweltschutz den Boden der Vernunft verlassen hat und das, was wir als ein notwendiges Regulativ für die überbordende Zivilisation gedacht haben, zu einer Ideologie verkommen ist.

Ja, es ging uns damals, vor dreißig Jahren, um eine neue Ethik, die Verschwendung und Vergiftung unserer Lebensgrundlagen Luft, Wasser, Ackerland und die Ausbeutung der Tier- und Pflanzenwelt als Sünde abstempeln und die Menschheit vor der Hybris einer allzu wagemutigen Wissenschaft bewahren sollte. Es ist gelungen. Es hat sich gezeigt, daß Menschen – wenn auch nur in engen Grenzen – bereit sind, zivilisatorische Annehmlichkeiten wieder aufzugeben, wenn sie dem Gemeinwohl zuwiderlaufen. Wir haben auf DDT, das wirksamste Mittel gegen lästige – auch lebensgefährliche – Insekten, verzichtet; wir sind bereit, mit unserem Steuergeld teure Umrüstungen von Energie- und Entsorgungsbetrieben zu bezahlen. Sogar für das heilige Auto greifen wir tiefer in die Tasche, um seine Abgase katalytisch zu entgiften. Jedes Land hat längst seine Umweltbehörde, jede Partei hat Umweltpolitik zu einem ihrer wichtigsten Programmpunkte erhoben, und Kinder ermahnen ihre Eltern, sich an die Umweltregeln zu halten, die den Kleinen im Kindergarten eingeimpft werden.

Sogar die Industrie verhält sich zunehmend umweltbewußt, wie unlängst einer ihrer unbarmherzigsten Kritiker, der Hamburger Umweltsenator, Mitautor des aggressiven Bestsellers „Seveso ist überall“, Fritz Vahrenholt, feststellte. In dem von Marianne Oesterreicher-Mollwo herausgegebenen Buch, „Was uns bewegt“ (Beltz-Verlag, 1991), lobt er die Firma Bayer, die neuerdings häufiger schnell auf ökologische Erkenntnisse reagiere; wörtlich sagt er: „Es tut sich was in den Konzernen, das ist unglaublich. Ich bin völlig von den Socken. Das hätte ich nie gedacht. ... CIBA – GEIGY macht noch größere Schritte als die, die ich bei BAYER gesehen habe.“