Dieser Riedel geriet ins Spannungsfeld der Auseinandersetzungen zwischen seiner Kaiserin Maria Theresia und Friedrich dem Großen. Als der König zu Ende des Siebenjährigen Krieges das nahe sächsische Zittau in Brand schießen ließ, spendete die Kaiserin 40 000 Gulden zum Wiederaufbau des Städtchens. Riedel lieferte Glas, aber nicht mehr Butzenscheiben, sondern Tafeln, die durch Aufschneiden und Glätten eines geblasenen Holzzylinders im noch formbaren Heißzustand fabriziert wurden. Fortan hatten die Zittauer Tischler ein Maß für Sprossenfenster, der marktorientierte Glasmacher aber bei seinem Tode bereits zwei Hütten, zudem durch Spruch des Fürsten Kinsky, dessen Untertan er war, als "quitt freier Mann"; nur Grund und Boden blieben gegen relativ geringes Geld in Adelshand.

Diese beiden Hütten, Neuwiese und Christiansthal, sind vom Bergwind längst verweht. Nur mit Passagierschein darf heute das bizarr umweltgeschädigte Naturschutzgebiet von Gablonz her mit dem Auto befahren werden. An schönen Tagen schweift vom hochgelegenen Neuwiese der Blick über Erz- und Riesengebirge. Von der alten Glashütte selbst und ihrem Stolz kündet in Neuwiese nur noch das turmbewehrte, hölzerne Herrenhaus, das – nachdem die anbrechende Industrialisierung die Ofen gelöscht hatte – zuerst Adeligen, dann Politikern der ersten tschechoslowakischen Republik, darauf den Nazis und schließlich roten Bonzen als Jagdschloß diente. Dem jüngsten Sproß Wenzel der ehemaligen Riedelbesitzer, nun Kadett eines amerikanischen Militärcolleges, genügte jedoch eine kleine Schaufel, um Relikte Neuwieser Produktion aus dem Boden zu holen, geschliffene Stöpsel, zierliche Flakons und Scherben schon fast blasenfreier Gliser im leuchtenden, berühmten böhmischen Blau. Auf überwucherten Grabsteinen am kleinen Friedhof der ebenfalls verschwundenen Hätte Christiansthal kann der enteignete Erbe ablesen, daß seine Vorfahren stets zielstrebig heirateten, folglich die Glas-Clans Besitztum und Familiengeheimnisse verwandtschaftlich absicherten.

So war es auch bei Josef Riedel, dem späteren Glaskönig des Isergebirges, dem größten Exporteur der österreichisch-ungarischen Monarchie und einem ihrer bedeutendsten Industriellen. Als Vetter und anfänglich nur beim Onkel angestellter "Schreiber-Peppi" hatte er 1840 seine alleinerbende Cousine Anna Maria Riedel geheiratet. Einschlägigen Fachhistorikern ist diese Frau deshalb bekannt, weil König Riedel ihr zu Ehren 2wei neue, feenhafte Glasfarben "annagrün" und "annagelb" nannte, jetzt gesuchte Raritäten, vor denen Geigerzähler in heftige Bewegung geraten. Der Industriemagnat hatte dem Gemenge erstmals 6eine Prise Uranoxyd aus Joachimsthal beigemengt.

Der Schwiegervater-Onkel erkannte früh die vielseitige Begabung seines Hüttenschreibers. Er vertraute ihm gleich nach der Hochzeit die Hütte Klein-Iser an, noch hoch im Gebirge über Polaun im Kamnitztal gelegen, anfänglich im alten Stil mit niedrigem Mauersockel und steilem Schindeldach erbaut, jedoch bereits mit drei Öfen ausgestattet. Daneben errichtete der aufstrebende "Schreiber-Peppi" alsbald eine zweite Schmelze mit hohen Wänden, großen Fenstern und, o Wunder, einem himmelragenden Schornstein. Der entlüftete moderne Öfen mit Gasfeuerung (Regenerativ-System unter Verwendung von Holz als Brennmaterial nach Siemens, das übrigens im Zweiten Weltkrieg auch die "Holzgaser-Autos" befeuerte). Kurzum: Das war die erste Glasfabrik des Isergebirges, Jahrgang 1866.

Der Boom der Gründerjahre und neue Eisenbahnanschlüsse holten dann die Glaserzeugung zurück in die Täler. Glaskönig Riedel breitete sich in Polaun aus, ließ fünf neue Fabriken erstehen, experimentierte in Labors mit neuen Farben und Sorten. Die Prunksucht der Zeit verlangte Farben wie kohlschwarz, liliengelb, rubin, Marmor- und Aventuringlas mit Goldfluß. Die Veredler rund um Gablonz, zunehmend auf Modeschmuck spezialisiert, orderten Stangenglas in allen Schattierungen. Buntscheckige Armreife gingen zu Millionen nach Indien. Die Schleifer und Presser lieferten Lüsterzier und Glasperlen tonnenweise. Sie leisteten ungewollt dem Kolonialismus Vorschub, der damit Eingeborene beglückte.

Der Glaskönig aber kehrte in einer Hinsicht zum Prinzip der ältesten böhmischen Hütten zurück, die auch Veredelung, Verpackung und Verkauf noch in eigener Regie betrieben hatten. Eine Bronzegießerei und Textilwerke diversifizierten darüber hinaus seinen Trust. Die Belegschaft wuchs von 15 Glasmachern auf 1300 Arbeiter und Angestellte beim Tode des von allen "Herr Vater" angesprochenen Monarchen. Seine studierten Söhne führten wissenschaftliche Methoden in die Glaserzeugung ein und mühten sich um erste soziale Verbesserungen für die besonders durch Tuberkulose gefährdeten Glasbläser. Riedelsches Rubinglas (mit Selen) war Ausgangsprodukt für die Beteiligung der Glasindustrie auch an der Motorisierung mit ihren Verkehrsampeln, Blinkern und Katzenaugen.

Nach dem Ersten Weltkrieg kam das überwiegend deutsch besiedelte Isergebirge zur Tschechoslowakei, der es Hitler wieder entriß. Während des Zweiten Weltkrieges gelang dem Ingenieur und Enkel des Glaskönigs die Herstellung von Großkolben für Radargeräte. Was zur Folge hatte, daß Stalin nach Kriegsende den Vater des heutigen Firmen-Seniors in russische Labors verschleppen ließ. Während Walter Riedel mit Hilfe eines Dolmetschers namens Lew Kopelew seine Kenntnisse preisgeben mußte, hechtete in Tirol der schon damals sportive Motorradfan Claus Josef aus dem bewachten Kriegsgefangenenzug in eine Schneewächte.