Wer am Morgen des 12. März 1985 die Parteizeitung Prawda oder die Regierungszeitung Iswestija aus dem Briefkasten zieht, sucht auf der Titelseite vergeblich nach der Nachricht vom Tode des greisen Generalsekretärs der KPdSU, Konstantin Tschernjenko. Mit dem vertrauten Ritual wird diesmal gebrochen: Statt mit Trauerrand und großformatigem Portrait des Verstorbenen machen die Blätter mit der Wahl des neuen Parteichefs Michail Gorbatschow auf. Zum ersten Mal in der Geschichte der Sowjetunion wird der neue Mann so schnell bestimmt, daß seine Wahl die Nachricht vom Tod des Vorgängers auf die zweite Seite verdrängt.

Schon seine ersten Auftritte lassen den Bauernsohn aus dem Kaukasus zum Hoffnungsträger einer Weltmacht werden. Ohne die Arroganz mächtiger Apparatschiks und ohne die asketische Strenge der Revolutionseiferer von Lenin bis Suslow läßt der dezent-modern gekleidete Parteichef Gorbatschow erkennen, daß er – in Maßen – zu leben weiß. Einzig die Hüte, mit denen Gorbatschow ein rotes Muttermal auf seinem mächtigen Schädel bedeckt, erinnern noch an die Mode der der alten Kreml-Herrscher. Sein Gesicht ist voll, aber die Züge wirken dennoch fein, sein verbindlicher Blick ruht forschend auf den Gesprächspartnern.

Was der neue, 54jährige Kreml-Chef sagt, läßt aufhorchen: keine Pietätspause bei den Abrüstungsverhandlungen in Genf; keine Schuldzuweisungen an die Amerikaner, die als Partner angesprochen werden; demonstratives Bekenntnis zur Entspannung der siebziger Jahre; ungewöhnliche Plädoyers für soziale Gerechtigkeit und den Ausbau der Selbstverwaltung mit dem für die letzten Kreml-Chefs nahezu aufrührerischen, für Gorbatschow aber bezeichnenden Satz: „Je besser die Menschen informiert sind, desto bewußter handeln sie.“

Die ersten Monate

Der neue Generalsekretär fasziniert alle, die ihn erleben. In ihm paart sich Unbeugsamkeit mit Charme, Wille mit Wohlwollen. Gorbatschow gewinnt Besucher und Beobachter für sich, weil er Autorität zwar besitzt, aber nicht als Druckmittel einsetzt. Westliche Weltreisende verblüfft er mit freier Rede und Sachkunde, sowjetische Werktätige mit offenen Worten und demonstrativer Bürgernähe.

Was den Moskauern Gesprächsstoff liefert, sind zunächst weniger die analytischen Bestandsaufnahmen und die verstreuten Reformankündigungen Gorbatschows als die anekdotenhaften Begleitumstände seiner Amtsführung. Wie alle Natschalniks läßt auch der neue Parteichef seine Visite in einem Moskauer Krankenhaus vorab signalisieren. Doch was tut er dann? Er besucht ein ganz anderes Hospital, unangemeldet. Oder: Nicht anders als seine Vorgänger tritt Gorbatschow in Betrieben vor einem von KGB und Werksleitung ausgesuchten Publikum auf. Aber im Gegensatz zu früher müssen die Organisatoren jetzt keine vorbereiteten Claqueure, sondern klagebereite Normalverbraucher präsentieren.

Die sowjetischen Parteichefs haben – sofern sie nicht vorzeitig starben – in der Regel fünf Jahre gebraucht, um ihre Macht zu konsolidieren. Stalin führte seinen finsteren Machtkampf mit Trotzkij, Bucharin, Sinowjew. Chruschtschow rang mit Berija, Buganin, Malenkow, Molotow, Kaganowitsch. Breschnjew mußte sich gegen Koslow, Suslow und Kossygin profilieren. Gemessen daran hat Gorbatschow seine Führungsposition verblüffend schnell ausbauen können.

Im Politbüro besitzt er nach hundert Tagen eine Mehrheit und hat seinen Rivalen Romanow, der als arrogant, sanguinisch und trinkfreudig gilt, völlig abgedrängt.

Als der neue Kreml-Chef am 12. Juli 1985 offiziell in Erholung geht, demonstriert er, was aktive Ferien sind: Nach Ministern, Provinzsekretären und dem Politbüromitglied Romanow läßt Gorbatschow die Generale der alten Garde beurlauben.

Markt oder Marx?

Gorbatschow liest seinen Landsleuten die Leviten. Einige seiner Kernsätze:

„In den meisten Branchen verläuft der wissenschaftlich-technische Fortschritt lahm.“

„Der Produktionsapparat des Landes ist in letzter Zeit stark gealtert.“

„Wir müssen die Rolle und das Ansehen der Werkmeister, Ingenieure, Konstrukteure und Technologen erhöhen, die materiellen und moralischen Anreize ihrer Arbeit steigern.“

„Die Qualität der Erzeugnisse entspricht nicht modernen technischen, ökonomischen und ästhetischen Anforderungen, auch nicht den Anforderungen der Verbraucher. Manchmal wird offenkundig Ausschuß hergestellt. Das ist im Grunde genommen Diebstahl am Volk.“

Gorbatschows Ziel wird schnell klar: „wissenschaftlich-technische Erneuerung der Produktion und Erreichung des höchsten Weltniveaus der Arbeitsproduktivität“.

Aber wie soll das geschehen?

Seit Gorbatschow „tiefgreifende Umgestaltungen in der Wirtschaft und im ganzen System“ angekündigt hat, rätselt der Westen, ob der zupackende Parteichef wirklich das System oder doch nur die Symptome kurieren will. Eine „revolutionäre Umgestaltung ohne, Abweichungen zu Marktwirtschaft und privatem Unternehmertum“, wie sie der konservative Chefideologe Ligatschow vorhat, können sich viele Beobachter nicht vorstellen. Wer nur die Gretchenfrage nach Markt oder Marx stellt, kann nichts anfangen mit dem in Moskau geplanten Balanceakt zwischen gestrafftem Zentralismus (der Führungsorgane) und vergrößerter Autonomie (der Betriebe).

Stopp der Atomversuche

Dienstag, 2. Juli 1985. Der achtzigjährige Ministerpräsident Tichonow, Breschnjews alter Weggefährte, schlägt Eduard Ambrosijewitsch Schewardnadse als Nachfolger von Außenminister Andrej Gromyko vor. Der Georgier war Innenminister der Kaukasusprovinz und noch nie mit Außenpolitik befaßt, er ist landwirtschaftlichen Experimenten zugetan, doch außer in Österreich und Portugal noch nirgends im Westen gewesen. Die erste internationale Reaktion vor den Fernsehapparaten

auf den Fluren des Kremlsaals: Gelächter, ungläubiges Kopfschütteln, Diplomaten, die ihre Hand hinters Ohr halten, als zweifelten sie an ihren Russischkenntnissen. Viele scheinen es einfach nicht zu fassen: ein blumig redender Provinzfürst aus Georgien als Nachfolger für den Doyen der internationalen Politik!

Schewardnadse beginnt gleich, eine neue Globalpolitik zu präsentieren – und avanciert, Ende Juli, zum Star der zehnten Jahrestagung der KSZE-Schlußakte in Helsinki. Zum Einstand serviert die Sowjetunion beim Außenministertreffen ein propagandistisches As: Sie verkündet ein einseitiges Moratorium für alle Atomversuche, das am 6. August – dem vierzigsten Jahrestag der Vernichtung Hiroshimas – beginnen soll.

Bei den Genfer Raketengesprächen signalisiert der Kreml Flexibilität gegenüber Präsident Reagans Strategischer Verteidigungsinitiative (SDI). Schon am 8. April hatte Moskau vorgeschlagen, alle zur Debatte stehenden Waffen und Entwicklungen auf ihrem derzeitigen Stand einzufrieren.

Was steckt hinter der veränderten Außenpolitik?. Ist sie mehr als „Gorbat-Show“ (Libération)?

Fünf Stunden mit Reagan

Ende November 1985. Die Amerikaner haben für das lange erwartete erste Gipfeltreffen in Genf die „Villa Seerose“ angemietet. In einem blaßblauen Raum voll bibliographischer Kostbarkeiten nimmt der sowjetische Parteichef zur Linken des US-Präsidenten Platz. Michail Gorbatschow und Ronald Reagan verkörpern nicht nur – deutlicher als im Fall von Chruschtschow und Eisenhower, von Breschnjew und Nixon, Ford oder Carter – zwei Welten, sondern auch die unterschiedlichen Erfahrungen zweier Generationen. Beide verbindet Show-Talent. Der Ältere muß seine Rolle einstudieren, der Jüngere kann besser improvisieren.

Für beide ist der Status der militärischen Supermacht eine unumstößliche Größe. Und beide haben eine Vision, die kaum zu verwirklichen ist. Reagan will Amerika waffentechnisch unangreifbar machen. Gorbatschow möchte die Sowjetunion zu einer wirtschaftlichen Großmacht aufbauen. Der eine kann sein Ziel nur durch Aufrüstung erreichen, der andere nur durch Abrüstung. Der Bewegungsspielraum ist abgesteckt, er ist eng und ungemütlich.

Fünf Stunden und neunzehn Minuten sprechen die beiden miteinander, ohne greifbares Ergebnis, am längsten über das, was sie am stärksten trennt und noch ihren nächsten Gipfel, elf Monate später in Reykjavik, scheitern lassen wird: SDI. Ein Weltraumsystem, das die Atomwaffen überwinden könne, sagt Gorbatschow, sei einfach unglaubwürdig. Es sei weit plausibler, daß Reagan plane, sein Verteidigungssystem als Schild zu benutzen, um Amerika einen Erstschlag zu ermöglichen. „Sie können ja vom Frieden träumen“, stößt der Kreml-Chef hervor, „aber wir müssen doch die Realität sehen. Ich bin keine blutdürstige Person. Wir müssen die Einführung aller Weltraumwaffen bannen! Bannen! Alle Weltraumwaffen bannen!“

Anbruch der Realität

Die 1436 Delegierten hatten schon eingepackt. Aber dann wurden sie noch einmal in den Kreml zurückgerufen. Was sie zu hören bekamen, traf sie wie ein Blitz. Wie elektrisiert lauschten sie dem Parteichef. Das war am 25. Februar 1956, als Chruschtschow auf dem 20. Parteitag in seinem berühmten Geheimreferat Stalins Verbrechen enthüllte. Kaum jemand im Saal und niemand in der Welt hatte mit einer solchen Rede gerechnet.

Auf den Tag genau dreißig Jahre später, zum 27. Parteitag, kommt alles anders. Die 4993 Delegierten, die Damen frisch onduliert, die Herren mit Ehrenzeichen dekoriert, genießen in den feuerwehrroten Stuhlreihen des Kremlpalastes die Bedeutung des Augenblicks. Viele erwarten eine Stunde Null in der Geschichte der sowjetischen Parteitage, den Beginn einer zweiten Entstalinisierung.

Michail Gorbatschow erfüllt die Erwartungen nicht. Der sonst so geschickte Rhetoriker liest in rasendem Tempo einen endlosen Referententext herunter, er rattert ermüdend über hartes, ideologisches Pflaster: eines langen Tages Rede in die Nacht.

Als Vorkämpfer für Glasnost und Perestrojka, Offenheit und Umgestaltung, jene Begriffe, die inzwischen zu Synonymen für Gorbatschows Programm geworden sind, schickt der Generalsekretär diesmal einen anderen vor: Boris Jelzin, den Moskauer Stadt-Parteichef.

Vor dem Parteitag tritt der gelernte Ingenieur und Baufachmann wie ein sibirischer Saint-Just auf. „Warum führen wir von einem Parteitag zum anderen über die gleichen Probleme immer wieder die gleichen Diskussionen?“ fragt Jelzin. Er klagt die Partei an und nimmt sich selbst nicht aus: „Wenn wir gezwungen sind einzugestehen, daß Ämter und Menschen jeder Kritik entrückt worden sind, wer ist dann daran schuld? Wer, wenn nicht wir, Mitglieder des Zentralkomitees ... Wie viele Male sollen wir dieselben Fehler zulassen, ohne die Lektionen der Geschichte zu beachten? ... Die Delegierten können mich fragen: Warum habe ich all das nicht schon beim 26. Parteitag gesagt? Na gut, ich kann darauf eine übliche Antwort geben – aber ich kann auch aufrichtig antworten. Ganz offensichtlich reichte es mir damals nicht an Mut und Erfahrung.“

Jelzin tut, was Gorbatschow nicht wagen kann, weil er für seine Reformen ungeschmälerte Autorität braucht: So etwas wie Jelzins Rede hat man seit der Machtübernahme Stalins auf Parteitagen nicht mehr erlebt.

Und Jelzin erntet Widerspruch, viel Widerspruch, wie auch Gorbatschow. Dieser Kongreß steht nicht mehr für Aufbruch, sondern für den Anbruch der Realitäten. Von nun an ist nicht mehr auszuschließen, daß Gorbatschows Bemühungen am Ende ähnlich beurteilt werden wie die Peters des Großen von seinem Zeitgenossen Iwan Possoschkow: „Da gibt sich nun der mächtige Monarch die größte Mühe und erreicht doch nichts; er hat wenig Gehilfen; mit zehn Mann zieht er die Last bergauf, aber Millionen stemmen sich entgegen: Wie könnte da sein Werk fortschreiten!“

Ein Telephon für Sacharow

Am Abend des 15. Dezember 1986 erscheinen in der Wohnung Andrej Sacharows am Verbannungsort Gorkij ein KGB-Beamter und zwei Techniker. Sie montieren dem fast sieben Jahre lang von Welt und Wissenschaft abgeschnittenen Friedensnobelpreisträger ein Telephon und bescheiden den Eheleuten Sacharow, daß sie am nächsten Tag auf einen wichtigen Anruf warten sollen. Gegen 15 Uhr klingelt das neue Telephon. Eine Stimme sagt zunächst: „Andrej Dimitrijewitsch, mit Ihnen wird Michail Sergejewitsch sprechen.“ Dann meldet sich Gorbatschow, der Sacharow begrüßt und dem zu Breschnjews Zeiten ohne Gerichtsurteil deportierten Bürgerrechtler mitteilt, daß dieser aus der Verbannung zurückkehren könne: „Sie haben ja eine Wohnung in Moskau.“

Der Atomphysiker bedankt sich und sagt: „Ich bitte um die Freilassung aller Menschen, die für ihre Überzeugungen und Meinungen verhaftet und verurteilt wurden.“

Pressefreiheit

Tage der offenen Tür: Zum eben noch verbannten Nobelpreisträger Sacharow haben nicht nur westliche Journalistenscharen freien Zugang. Er ist, für ihn selbst nahezu unfaßbar, auch schon von der sowjetischen Literaturnaja gasjeta mit „klugen Fragen“ (Sacharow) interviewt worden. Viele seiner alten Forderungen nach Abbau der Zensur und Ausbau des Privatsektors hat die Kreml-Führung nun selbst auf das Programm gesetzt. Daten über Ernten, Kindersterblichkeit und Justizirrtümer, Meldungen über sowjetische Luftpiraten und Katastrophen führen einen Strom wirklichen Lebens in die ausgedörrte Medienlandschaft. Das Zauberwort, das Sacharow schon 1970 in die Debatte geworfen hatte, heißt Glasnost. Nie wieder soll es zweieinhalb Tage dauern, wie noch nach der Katastrophe von Tschernobyl, bis die Bevölkerung lebenswichtige Nachrichten erhält.

Filme, die jahrelang zurückgehalten worden waren, sind jetzt im Kino zu sehen. Die Veröffentlichung von weltbekannten, aber in der Sowjetunion verbotenen Romanen wie Pasternaks „Doktor Schiwago“ oder Bulgakows „Hundeherz“ wird angekündigt und vorbereitet.

„Weder in der Literatur noch in der Geschichte darf es vergessene Namen und weiße Flecken geben“, ermutigt Gorbatschow die sowjetischen Chefredakteure.

Am Vorabend der Oktoberrevolutionsfeier, 6. November 1985: Bei der festlichen Sitzung im Kremlpalast hält der KGB-Chef eine vorbereitete Rede. Der 62jährige Wiktor Tschebrikow faßt nüchtern die Forderungen Michail Gorbatschows zusammen: „Erweiterungen persönlicher Rechte und Freiheiten“, „Raum für direkte und prinzipielle Kritik an Mängeln“, „Beschleunigung der sozialökonomischen Entwicklung“ und „Transparenz“. 5000 Mitglieder der Sowjet-Elite staunen.

Auf der ersten Seite der Moskauer Prawda gibt der sowjetische Geheimdienstchef im Januar 1987 die Entlassung eines hohen KGB-Funktionärs bekannt. In Fettdruck erläutert er dessen illegale Handlungen und ruft die Staatssicherheitsorgane zur Beachtung von Gesetz und Verfassung auf. Viele Beobachter bewerten Vorwurf und Appell als Sensation, als beispiellos.

Abrechnung mit Stalin

Im blauen Einreiher, seine mit Spannung erwartete, 112 Seiten lange Rede in einer blutroten Mappe, so eröffnet Michail Gorbatschow an einem Tag im November 1987 den Kampf mit der stalinistischen Vergangenheit, den Nikita Chruschtschow vor einem Vierteljahrhundert verlor.

Chruschtschows berühmter Geheimbericht vom Februar 1956 „Über den Personenkult und seine Folgen“ war der sensationelle Versuch eines machtpolitischen Umbruchs und einer moralischen Umkehr – doch der Angriff fand im Saale statt, vor der geschlossenen Gesellschaft des 20. Parteitags. Gorbatschows Jubiläumsreferat „Die Oktoberrevolution und der Umgestaltungsprozeß: Die Revolution geht weiter“ ist eine Rede des Übergangs, der gesellschafts- und wirtschaftspolitischen Umwertung, nicht der spontanen historischen Abrechnung. Vor aller Welt und mit dem offiziellen Segen des Zentralkomitees stößt der Generalsekretär eine Tür auf.

Gorbatschow gelingt eine taktische Meisterleistung: Er hat den reformorientierten Historikern neue Räume geöffnet; gleichzeitig ist er mit der Mehrheit der konservativen Historiker und ihren bodenlosen Geschichtsklitterungen nicht direkt ins Gericht gegangen und mit den patriotischen Emotionen der Veteranen schonend umgesprungen.

Gorbatschow hat Stalins Untaten wieder „Verbrechen“ genannt (ohne sie in all ihrem Schrecken auszubreiten). Er hat die Schuld des georgischen Diktators als „untilgbar“, seine „Anklagen“ und „Repressalien“ als „vorsätzliche Fälschungen“ bezeichnet. Er stellt sich voll hinter die Rehabilitierungen, die Chruschtschow mit dem 20. Parteitag eingeleitet hatte, und kündigt ihre Fortsetzung an.

Bereits ein Jahr später werden sowjetische Historiker öffentlich darüber streiten, ob Stalin in seiner Jugend ein Agent der zaristischen Geheimpolizei gewesen sei.

Ein Reich umbauen

Michail Gorbatschow ist der erste Herrscher im Kreml, der erkannt hat, daß westliche Technik und Innovationskraft nicht getrennt werden können von den traditionellen und institutionellen Bedingungen, unter denen sie entstanden sind.

Im Westen wuchsen die Städte bereits seit Ende des dreizehnten Jahrhunderts und mit ihnen die Berufsgruppen, die ihre bäuerliche Selbstversorgung aufgaben. Getreidemärkte stimulierten das Interesse der Gutsherren und Pächter, stets mehr zu erzeugen, als für den eigenen Bedarf nötig war.

In Rußland, das im Winter in eisiger Erstarrung und im Frühjahr im Schlamm versank, entwickelte sich kein vergleichbares Verkehrsnetz, gediehen weder Märkte noch Städte. Der Anreiz zur Überschußproduktion fehlte. Als in Westeuropa Kaufmannsgilden und Familienwerkstätten entstanden, war die Masse der russischen Bevölkerung dem Adel leibeigen. Unter diesen Bedingungen konnten sich die Voraussetzungen für einen soliden Mittelstand – nämlich Privatwirtschaft, Handwerkerinnungen und Vereinigungen von Kaufleuten – nicht herausbilden. Und dann ist, nach der Revolution, der kommunistische Apparat entstanden, der dynamisches Wachstum behindert. Gorbatschow muß sich mit all dem auseinandersetzen.

Sein Programm: Lockerung des staatlichen Außenhandelsmonopols; Zulassung von Joint-ventures (Gemeinschaftsunternehmen mit ausländischen Firmen), für die keine Planauflagen gelten; Zulassung privater Einmann- und Familienbetriebe sowie kleiner Genossenschaften in Handwerk und Dienstleistung; Erweiterung autonomer Geschäftsbereiche und -kontakte in der Industrie; Wiedereinführung von Genossenschaften in der Landwirtschaft; Übergabe der Kolchosmärkte aus der Regie der Handelsministerien in die Regie von Verbrauchergenossenschaften und Kommunen.

Statt die Kompliziertheit der Aufgaben richtig einzuschätzen, fordert die große Mehrheit der westlichen Politiker die Einführung von Marktwirtschaft und Pluralismus in der Sowjetunion. Doch dafür fehlen die historischen Voraussetzungen. Gorbatschow kann nur auf die Menschen bauen, die das Land hat. Er kann nur versuchen umzubauen, was in siebzig Jahren seit der Oktoberrevolution und in Jahrhunderten unter dem Zarismus entstanden ist.

Es geht nicht voran

Der mutigste Mann im Politbüro, der Moskauer Stadt-Parteichef Boris Jelzin, fragt im Dezember 1986 in den SIL-Autowerken junge Arbeiter, was sich im abgelaufenen Jahr getan habe. Die Antworten: null Wandel, keine Bewegung.

Umfrage in Leningrad unter den Beschäftigten von 200 Unternehmen, die schon seit 1984 am Experiment zur Erweiterung der betriebswirtschaftlichen Selbständigkeit beteiligt sind: Ob es grundlegende Veränderungen am Arbeitsplatz gegeben habe? Siebzig Prozent der Befragten verneinen.

Ein Bericht aus dem Schwermaschinenbaubetrieb von Alma Ata: „In den ersten Monaten nach der staatlichen Erzeugnisabnahme ist die Arbeitsproduktivität um 25 bis 30 Prozent zurückgegangen. Gesunken ist dabei natürlich auch der Verdienst der Arbeiter – um etwa 60 bis 70 Rubel.“ Das sind fast ein Drittel des Durchschnittslohns: Die Begeisterung für mehr Qualität läßt sich ausrechnen.

Kolchosen und Sowchosen haben nun die Erlaubnis, bis zu dreißig Prozent der Kartoffel-, Gemüse- und Obsternte auf die städtischen Märkte zu bringen. Wieviel bringen sie? Ganze zwei Prozent. Kein Wunder: Von einem Großteil der Kolchosbetriebe und Siedlungen führen keine befestigten Straßen in die Städte. Bei nur 105 Telephonapparaten auf tausend Einwohner (DDR: 210) sind schnelle Direktverbindungen und schnelle Abstimmung zwischen den Betrieben kaum möglich.

Massaker in Sumgait

Anfang März 1988 verbreitet die Nachrichtenagentur Tass eine häßliche kleine Nachricht aus der Provinz: „Kriminelle Elemente begingen Gewaltaktionen und Plünderungen. Sie töteten 31 Menschen verschiedener Nationalitäten, unter ihnen alte Männer und Frauen.“

Wie nach Tschernobyl folgen die Medien roch einmal dem alten Reflex, das Volk gegen schlechte Botschaften abzuschirmen. Das Gebietskomitee der armenischen Enklave Nagorny-Karabach hatte verlangt, sein zur Republik Aserbeidschan gehörendes Gebiet Armenien anzugliedern. Was aserbeidschanische Nationalisten in Sumgait am Kaspischen Meer daraufhin Angehörigen der armenischen Minderheit antaten, müssen armenische Bürger aus Sumgait und Kirowabad erst westlichen Journalisten in Moskau berichten, damit es bekannt wird.

Eine Frau sagt: Am 26. Februar sei es in Sumgait zu den ersten Übergriffen gekommen. Versammlungen hätten die Stimmung angefacht, auch der Stadt-Parteichef von Sumgait, Muslim Sardeh, habe die Emotionen aufgeheizt. Rollkommandos hätten Listen von Hausverwaltungen in die Hände bekommen, aus denen sie die Namen und Adressen armenischer Familien entnehmen konnten.

Vom 27. auf den 28. Februar seien die Lynchkommandos über alle Armenier hergefallen. Durch ihre Straße, so stößt die 55jährige Armenierin hervor, seien Banden mit Transparenter, gezogen: „Metzelt die Armenier nieder“ und „Es lebe Dschingis-Khan“.

Trauer und hilfloses Entsetzen haben sich in die Züge des 54jährigen Peilon Manueljan gegraben: Seine Tochter, 26, hochschwanger, wurde umgebracht und bestialisch zerfetzt. Peilons kräftiger Schwiegersohn, der sich mit aller Verzweiflung wehrte, wurde aus dem Fenster geworfen, Er überlebte. „Wenn die sowjetischen Truppen nicht gekommen wären“, sagt Peilon, „hätte wohl kaum ein Armenier in Sumgait überlebt.“

Die Armenier haben immer wieder nach Karabach gefragt, seit die Bolschewiki Anfang der zwanziger Jahre den kleinen Bergflecken (von heute 160 000 Einwohnern) dem Turkvolk der Aserbeidschaner zuteilten, um die Türken zu hofieren.

Wie England und Frankreich vor ihrem Abstieg vom Sockel der Kolonialmächte, so bekommt jetzt die Sowjetunion die Verbitterung der bevormundeten und umerzogenen Nationen zu spüren.

Aufstand im Baltikum

Zur Allunionskonferenz im Juli 1988 kommen Esten und Litauer mit einer schon im voraus heiß diskutierten „Plattform“, in der sie volle wirtschaftliche Autonomie gegenüber Moskau verlangen.

Im Oktober erheben die Parlamente der baltischen Republiken ihre Landessprachen zu offiziellen Staatssprachen und legalisieren die lange verbotenen Flaggen. Hunderttausende umjubeln in Estland und Lettland die Gründungskongresse der spontan entstandenen Volksfronten zur Unterstützung der Perestrojka. Sie fordern: volle wirtschaftliche Unabhängigkeit von der Moskauer Zentrale; Vetorechte gegen Kreml-Entscheidungen, welche die eigene Republik berühren; Wehrdienst für Rekruten nur auf dem nationalen Territorium; Beteiligung an den Parlamentswahlen mit eigenen Kandidaten; eigene Staatsbürgerschaften (um den Zustrom der Russen ins Baltikum einzudämmen).

„Wie lange noch“, so fragt I.P. Kubiljus, Rektor der Universität Wilnius in Litauen, Anfang November 1988 in einer Diskussionsrunde der Prawda, „wird irgendein Iwan Petrowitsch im 421. Kabinett darüber entscheiden, ob eine Toilette in einer litauischen Stadt gebaut wird – in einer Stadt, deren Namen er nicht einmal aussprechen kann?“

Nur zwei Wochen später erhält Rektor Kubiljus in seiner Republik eine Antwort, wie sie bis dahin noch kein Kabinett in der Sowjetunion gegeben hat: Am 16. November proklamieren Regierung und Parlament der Sowjetrepublik Estland ihre „Souveränität innerhalb der Sowjetunion“. Damit stellen die Esten Landesrecht über Bundesrecht.

Schon am nächsten Tag erklärt das Präsidium des Obersten Sowjets in Moskau den Beschluß von Tallinn für verfassungwidrig.

Rückzug aus Afghanistan

Am 14. April 1988 unterzeichnen sowjetische und amerikanische, afghanische und pakistanische Diplomaten in Genf das Afghanistan-Abkommen. Am 15. Mai beginnt der Abmarsch der sowjetischen Truppen; neun Monate später – pünktlich zum vierten Jahrestag von Gorbatschows Amtsantritt – soll der letzte der 115 000 Soldaten afghanischen Boden verlassen haben.

Seit ihrer Invasion im Dezember 1979 starben mehr als eine halbe Million Afghanen, davon siebzig Prozent Frauen und Kinder. Die meisten Dörfer im Ost- und Südteil des Landes sind zerbombt, die Bewässerungsanlagen zerstört, die Felder unfruchtbar gemacht. Fast fünf Millionen Afghanen leben im Exil. Seit seinem Amtsantritt hatte Gorbatschow versprochen, den verlorenen Krieg zu beenden. Daß seinen Worten Taten folgten, gab der Sowjetunion neues Ansehen im Westen.

Präsidialherrschaft

Vier Tage im Juli 1988 erschüttern die Welt – die Welt der Konservativen hüben wie drüben. Als völlig undenkbar ist ihnen erschienen, was weit über hundert Millionen Sowjetbürger während der 19. Parteikonferenz der KPdSU an den Bildschirmen wie im Zeitraffer erleben: eine Art Nachkriegsgeschichte der bürgerlichen Öffentlichkeit, des Parlamentarismus und der Fernsehdemokratie – bis zum politischen Mitternachtskrimi um Jelzin und Ligatschow.

Der formal höchste Mann im Staate, Präsident Andrej Gromyko, und der oberste Kontrolleur der Partei, Michail Solomenzew, beide Repräsentanten der konservativen Fraktion, werden vom „Hinterbänkler“ Wladimir Melnikow unter dem Beifall der anderen Fraktion zum Rücktritt aufgefordert, ohne daß Generalsekretär und „Koalitionschef“ Michail Gorbatschow auch nur ein Wort zu ihrer Verteidigung eingelegt hätte.

Rede und Gegenrede, Wortscharmützel und Stellvertreterkriege. Der Schriftsteller Grigorij Baklanow verurteilt die Besetzung Afghanistans, der Oberbefehlshaber der sowjetischen Truppen am Hindukusch, Generalleutnant Boris Gromow, verteidigt sie trutzig.

Eine Nachricht geht im Wirbel der Auseinandersetzungen fast unter: Gorbatschow schlägt die Einführung eines Präsidialsystems vor.

Im September 1988 scheinen Michail Gorbatschows Tage als Generalsekretär zum ersten Mal gezählt. Die Frankfurter Allgemeine zerbricht sich den Kopf Erich Honeckers über die Frage, was geschähe, wenn „morgen Ligatschow im Politbüro der Mächtigste wäre“. Die Süddeutsche Zeitung meldet Frostgefahr: Gorbatschow könne jetzt leicht ins „Minus“ abrutschen. Die Londoner Times malt die Lage noch eisiger aus: „General Winter“, der schon Napoleon und Hitler gestoppt habe, bedrohe nun den Generalsekretär.

Doch am 1. Oktober übernimmt der bisherige Generalsekretär in einem gewagten Handstreich die Alleinherrschaft im Kreml: Für den Fall, daß er überstimmt werden sollte, droht Gorbatschow dem ZK an, sich in einer langen Fernsehansprache direkt an die Bevölkerung zu wenden. In weniger als einer Stunde ist dann alles vorbei – einstimmig, ohne Diskussion.

Gorbatschow schickt das letzte halbe Dutzend Spitzenfunktionäre aus Breschnjews Tagen in Pension, drängt konservative Gegenspieler aus Schlüsselstellungen, läßt seine engsten Mitstreiter fast alle strategischen Punkte in der Parteiführung besetzen, reduziert die Rolle des KGB und sichert sich früher als erwartet das höchste Staatsamt, von dem aus er nun sein historisches Reformwerk selbst durch das gesetzgebende Organ des Obersten Sowjets schleusen will.

Als Präsident ist der erklärte Antistalinist zum stärksten Mann der Sowjetunion seit Stalin geworden.

Zucker fehlt

Im vierten Jahr der Perestrojka verschlechtert sich die Versorgung einschneidend. In acht der insgesamt fünfzehn Sowjetrepubliken gibt es kaum Grundnahrungsmittel. Selbst Zucker fehlt. Die Leute werden wütend.

„Michail Sergejewitsch! Ich muß jeden Tag mindestens zwei Stunden mit Schlangestehen verbringen. Manchmal auch drei. Es ermüdet mich mehr als meine Arbeit“, klagt eine Arbeiterin Gorbatschow direkt ins Gesicht.

Die Tragik der Reformer ist, daß sie eine Wirtschaftsreform versuchen, zu der ihrem Land die Voraussetzungen fehlen: Rechtsstaatlichkeit, klar umrissene Eigentumsformen, Kalkulation, Infrastruktur. „Unser Management ist in einer solchen Verfassung, daß wir ohne eine Explosion, ohne den völligen Abbau des Systems nicht zurechtkommen“, kommentiert der Wirtschaftsexperte Abalkin.

Einzelne Erfolge verbessern das Bild kaum. Die größten Geschäfte machen Kooperativen, die öffentliche Bedürfnisanstalten von der Stadtverwaltung übernommen haben. Die Damen- und Herrentoilette „Avantgarde“ des Jungunternehmers Aninkin erwirtschaftete im ersten Quartal 1990 einen Gewinn von 20 000 Rubel, im zweiten fast 100 000. „Geld stinkt nicht“, überschrieb Moskowskaja Prawda das Portrait des gewitzten Geschäftsmannes.

Mitte 1989 leben vierzig Millionen Sowjetmenschen unterhalb des offiziell festgesetzten Existenzminimums. „So schlecht wie in diesem Frühjahr“, so hört man in den Kohlegruben von Kusbas in Sibirien, „war die Versorgungslage noch nie.“ – „Lieber Kommandowirtschaft als solch eine Perestrojka an der Macht!“ 100 000 Kumpel streiken.

„Wenn wir alle Probleme mit Streiks lösen wollen, dann ist das der Tod unserer Arbeit“, beschwört Gorbatschow die Bevölkerung. Seine Fähigkeit, ausweglose Situationen als bereits halb gelöst darzustellen, versagt zum ersten Mal. Derweil fragten im fernen Sibirien – 72 Jahre nach dem Sieg der Arbeiterklasse – sowjetische Kumpel eine deutsche Reporterin: „Können Sie uns aus der Bundesrepublik ein Handbuch über Streiks besorgen, damit wir wissen, was ein Streikkomitee tun kann und darf?“

Wer zu spät kommt

Als im März 1989 der Kongreß der Volksdeputierten gewählt wird – die ersten halbwegs freien Wahlen! – stellt sich Gorbatschow, wie die meisten Politbüromitglieder, nicht dem Volk zur Abstimmung, sondern nimmt auf einem der hundert Sitze Platz, die sich die Partei reserviert hatte. Kaum haben die Volksdeputierten ihren Präsidenten in seinem Amt bestätigt, begibt er sich wieder auf die internationale Bühne und läßt sich – „Gorbi, Gorbi!“ – von deutschen Stahlarbeitern feiern. Seine Popularität im Westen wächst im selben Maße, wie sie daheim schrumpft.

Sollte seine Empfehlung an die DDR-Führung, ausgesprochen im Herbst 1989, auch für ihn selber gelten? „Wer zu spät kommt, den bestraft das Leben.“

Das Krisenjahr

Zum Jahresbeginn 1990 droht die Perestrojka in nationalistischen Aufständen zu ersticken. In Wilnius reißen die Demonstrationen nicht ab. Die Armee marschiert in Aserbeidschan auf – hundert Tote. Inzwischen wird auch in Tadschikistan geschossen. Im Sommer werden auch noch in Kirgisien verfeindete Nationalitäten aufeinander einschlagen.

Im Februar und März erklären die Parlamente von Lettland und Litauen die staatliche Unabhängigkeit. Gorbatschow verhängt eine Wirtschaftsblockade über das abtrünnige Litauen. Im Juli aber trifft er mit den Präsidenten der drei baltischen Republiken zusammen, die Blockade gegen Litauen wird aufgehoben und im Gegenzug die Unabhängigkeitserklärung für hundert Tage ausgesetzt.

Gorbatschow schwingt sich noch einmal zu neuen Höhen auf. Der dritte Kongreß der Volksdeputierten billigt die Einsetzung eines Präsidialsystems und die Abschaffung der führenden Rolle der Partei. Der gewählte Präsident der UdSSR verkündigt die Beschleunigung des Reformprogramms. Im Sommer besucht er die Vereinigten Staaten, Spanien und Frankreich, vereinbart mit Bundeskanzler Kohl die Wiedervereinigung Deutschlands und wird im Herbst mit dem Friedensnobelpreis und einem deutsch-sowjetischen Kooperationsvertrag belohnt.

In Empfang nehmen kann Gorbatschow den Friedensnobelpreis in Stockholm nicht mehr, denn inzwischen ziehen dunkle Wolken auf. Die Konservativen haben sich formiert.

Restauration

Im November 1990 bricht der Winter der Generale herein. Unter dem Druck von Armee, Apparat und Staatssicherheit hat der Mann, der den Parlamentarismus kühn über die Parteidiktatur stellen wollte, nun selbst den Weg zum Bonapartismus eingeschlagen – in der Hoffnung, so die Sowjetunion vor dem Verfall zu bewahren.

Den Pariser KSZE-Gipfel hat Michail Gorbatschow hinter sich. Das Verständnis des Westens für die (vom Apparat gezielt verschärfte) Notsituation des Landes ist ihm sicher. Nun versucht er, durch Dekrete und Personalentscheidungen jene vier Säulen wieder aufzurichten, die er zuvor mit weltverändernder Wirkung abgebaut hatte: Armee und KGB, Partei und Arbeiterkontrolle.

Innenminister Wadim Bakatin, der demonstrativ für Systemveränderung und Rechtsstaatlichkeit eingetreten war, wird durch den Parteikontrolleur Boris Pugo abgelöst; 1980 bis 1984 KGB-Chef, dann Parteichef in Lettland. Als erster Stellvertreter amtiert im Innenministerium der 45jährige Afghanistan-General Boris Gromow, der seit den allerersten Gerüchten von einem bevorstehenden Militärputsch stets als möglicher Anführer genannt wurde.

Pugo und Gromow rüsten die Polizei und ihre 340 000 Mann starken Sondereinheiten zu einer schlagkräftigen Truppe für den Einsatz gegen die abtrünnigen Republiken um. Die Verteidigungsausgaben sollen 1991 um 27,6 Milliarden Rubel steigen.

Dreimal leugnet Michail Gorbatschow die Konsequenzen seiner Perestrojka. Zur Besänftigung der Generalität verspricht der Präsident, es werde keine Berufsarmee geben. Vor Kulturschaffenden preist er trotz leerer Läden weiter den Sozialismus mit kommunistischer Perspektive. Und schließlich wendet er sich kategorisch gegen das Privateigentum an Grund und Boden und setzt sich damit in krassen Gegensatz zu den Parlamentariern der russischen Republik, die mit ihrem historischen Beschluß über die „Wiedergeburt des russischen Dorfes“ den Bauern nach 73 Jahren das Recht auf Bodenbesitz und die Verfügungsgewalt über private Grundstücke zurückgegeben haben.

Schon glauben Kritiker, Gorbatschow habe sich endgültig ins konservative Lager zurückgezogen. Der aber strebt die Rolle des Diktators unter Armeeschutz nicht an. „Ein solches Regime hatte ich doch bereits in den Händen“, versichert er sowjetischen Künstlern mit fast verzweifelter Offenheit.

Doch Gorbatschow stellt die Machterhaltung über seine Mission, denn inzwischen ist sein missionarischer Sturm und Drang an den vielen nationalen Außenmauern und der zentralen Betonschicht abgeprallt, ist die politische Mitte aufgelöst, die staatliche Struktur zerfasert und die Macht im Zentrum deshalb an Armee, Sicherheit und kommunistischen Parteiapparat zurückgefallen.

Verteidigungsminister Dimitrij Jasow und andere hohe Militärs werden – wie zur Gewöhnung – Dauergäste in den Hauptnachrichten des Fernsehens. Am 27. November 1990 erscheint Marschall Jasow mitten in der Abendsendung und verliest aus voller Ordensbrust einen mit dem Präsidenten abgestimmten Acht-Punkte-Befehl. Die Armee könne nicht länger hinnehmen, daß sie in vielen Republiken verhöhnt werde. Alle Garnisonskommandeure seien befugt, die Kontrolle über Strom, Wasser und Lebensmittel zu übernehmen, wenn ihnen die Versorgung abgeschnitten werde. Und wörtlich: „Für den Fall von Gewalt und bewaffneten Angriffen gegen Soldaten, Militärobjekte, Waffen- und Munitionslager bestehen Anweisungen, Waffen einzusetzen.“

Gorbatschows Erlaß über die „Verstärkung der Arbeiterkontrolle“ bei der Lebensmittelversorgung mit seiner unverkennbaren Stoßrichtung gegen die Kooperativen klingt fast schon wieder wie das Jagdsignal gegen die Kulaken am Ende der Neuen Ökonomischen Politik unter Stalin: „Die Organe der Arbeiter haben das Recht, Betriebe der Leicht- und Lebensmittelindustrie, Handelsorganisationen, Cafés und Restaurants... sowie Kooperativen zu kontrollieren.“

Angst vor dem Hunger

Das KGB – das Schicksal der Stasi vor Augen, auf Sympathiewerbung bedacht – nimmt dem Innenministerium die Zuständigkeit für die Wirtschaftskriminalität ab und nutzt die Angst vor einem Hungerwinter. In Nowosibirsk holt das KGB 28 Tonnen Kaviar aus dem Versteck, in Iwanowo eine Tonne, in Saratow 50 000 Döschen. In einer Zellulosefabrik am Baikalsee stößt der sowjetische Geheimdienst auf 500 Tonnen Fleisch, ein illegales Warenlager in Tula enthält 300 000 Päckchen Tee, in Kasan sind es vierzig Millionen Zigaretten.

Die Steigerung der Lebenshaltungskosten um dreißig bis vierzig Prozent lasten die Vertreter des Regierungsapparats einseitig dem Markt und der Mafia an. Das schrumpfende Volkseinkommen versucht der Ministerrat mit Hilfe der Notenpresse zu verdecken und treibt das Land damit in die Hyperinflation.

Trotz Rekordernte muß die Sowjetunion dreißig Millionen Tonnen Getreide gegen Dollar kaufen. 1,5 Millionen Tonnen Fleisch und zwölf Millionen Tonnen Milch und Milchprodukte müssen importiert werden. Die westlichen Banken verweigern Kredite, der sowjetische Export nimmt um zwölf Prozent ab.

Die Außenpolitik Eduard Schewardnadses hat den Rüstungsexport verringert, die Isolierung des Irak in der ganzen Welt den besten Kunden der Sowjetunion lahmgelegt.

Der Leningrader Bürgermeister Sobtschak, ein engagierter Reformer, gesteht die Ausweglosigkeit der Lage: „Wenn wir in der allernächsten Zukunft die Lieferverbindungen zwischen den Republiken nicht wiederherstellen, kommt es zur Stillegung von Hunderten und Tausenden Betrieben im ganzen Land. Dann werden wir alle – Demokraten, Radikale und Reaktionäre – zu den Militärs gehen und sie untertänig bitten: ‚Kommen Sie und besetzen Sie uns.’“

Panzerstrojka

Mit dem am 17. Dezember begonnenen Vierten Kongreß der Volksdeputierten scheint das Ende der Perestrojka zu beginnen. Am dritten Kongreßtag, dem 20. Dezember (Stalins Geburtstag), erklärt Außenminister Eduard Schewardnadse mit .kehligem Stakkato seinen Rücktritt, als „Warnung vor einer heraufziehenden Diktatur“.

Michail Gorbatschow ist nicht länger der heilige Georg, der auf der Seite der Reformer gegen den Drachen des Kommandosystems kämpft. Er versucht, mit Parteiapparat und Armee, mit orthodoxen Kommunisten und orthodoxer Kirche, die imperiale Staatsmacht zu retten. Dagegen stehen die Republiken unter Führung der Russischen Föderation, die den Moskauer Zentralismus als Wurzel allen Übels ansehen.

Im Separat-Außenministerium der Russischen Republik liegt bereits ein unterschriftsreifer Bündnisvertrag zwischen dem „Riesen“ Rußland, der Ukraine und Kasachstan und dem kleineren Weißrußland. Er soll auf der Grundlage des Völkerrechts abgeschlossen und bei den Vereinten Nationen hinterlegt werden. Eine Sonderklausel gestattet allen übrigen interessierten Sowjetrepubliken den sofortigen Beitritt.

Nun wird die Schlacht gegen Boris Jelzin um das Mutterland der Sowjetunion eröffnet: Rußland. Gorbatschow – durch seinen ökonomischen Mißerfolg und durch Jelzins Populismus um jeglichen Rückhalt bei der russischen Bevölkerung gebracht – macht den Deputiertenkongreß der UdSSR zum Tribunal gegen den vorangegangenen Kongreß der russischen Volksdeputierten.

Boris Jelzin hat nur die Massen hinter sich, nicht die Macht, und die Versorgungsmisere zehrt auch an seiner Popularität. Die radikaldemokratischen Reformer sind in Stadt- und Regionalparlamenten verstreut, wo sie sich an Machtapparat und Mafia zerreiben.

Mitte Januar 1991 überfallen sowjetische Einheiten zentrale Einrichtungen in Lettland und Litauen. Wehrlose Zivilisten werden getötet. Nationale Rettungskomitees wollen die Macht übernehmen. Der überraschte Präsident Gorbatschow – „Ich hörte vom Vorgefallenen erst am Morgen“ – schweigt. Sein früherer Weggefährte und neuer Gegenspieler Boris Jelzin aber handelt: In offener Herausforderung der „Panzerstrojka“ Gorbatschows unterzeichnet er mit den Präsidenten Estlands, Arnold Rüütel, und Lettlands, Anatolijs Gorbunows, in Tallinn eine Erklärung, zu der Litauens Präsident Landsbergis seine Unterschrift per Telefax beisteuert, weil er sein inzwischen von Gräben und Sandsäcken gegen die Rote Armee geschütztes Parlament nicht verlassen will. Die Erklärung ist einzig in der 73jährigen Geschichte der Sowjetunion: Rußland und die drei baltischen Republiken versichern einander konkrete Unterstützung bei jedem Angriff auf ihre Souveränität. Die Russische Republik erkennt die volle Souverän nität der baltischen Republiken an.

Nach dem Blutbad in Litauen wenden sich weitere Weggefährten Gorbatschows von ihrem Präsidenten ab. Die wichtigsten Wirtschaftsberater, Schatalin und Nikolaj Petrakow, quittieren den Dienst und erklären: „Ein Regime in seinem Todeskampf verteidigt sich bis zu seinem letzten Blutstropfen: Die ökonomische Reform ist blockiert, die Zensur wieder eingeführt, schamlose Demagogie losgelassen, den Republiken der offene Krieg erklärt...“

In Moskau ziehen 300 000 Menschen, viele mit litauischen Fahnen, in Richtung Kreml. Ein Redner aus dem aserbeidschanischen Baku, wo die Panzer der Zentralmacht ein Jahr zuvor die Partei gerettet und über hundert Menschen getötet hatten, fordert: „Alle müssen sich um das demokratische Rußland Boris Jelzins zusammenschließen.“

Wo steht die Armee?

Längst bildet die Armee keine geschlossene Front mehr. Ihre Loyalität, die früher allein der Partei galt, gehört nicht geschlossen dem ultrakonservativen Flügel der KPdSU, sondern eher dem Präsidenten – was Gorbatschow noch einen gewissen Spielraum läßt. Doch die Armee will die UdSSR zusammengehalten sehen und spürt die katastrophale soziale Lage in ihren Reihen angesichts von rund 550 000 Soldaten, die binnen fünf Jahren aus Osteuropa und Deutschland zurückkehren sollen.

Die starke amerikanische Präsenz im Nahen Osten stärkt den konservativen Flügel. Als im März im Obersten Sowjet die Ratifizierung der fünf Deutschlandabkommen im Rahmen des Zwei-plus-vier-Vertrags debattiert wird, werden die Türen verschlossen, da man fürchtet, daß der erwartete Sturm der Konservativen gegen die Deutschlandpolitik den Autoritätsverfall im Kreml offenbaren könnte.

Im März streiken in 200 Gruben mehr Bergarbeiter als bei den großen Streiks 1989. Sie fordern den Rücktritt Gorbatschows und die Auflösung des sowjetischen Volksdeputierten-Kongresses, um das Wirtschaftschaos zu beenden.

Eins plus neun

Mitte März entscheiden sich die Sowjetbürger in einem Referendum für den Zusammenhalt der Union. In Moskau betreiben die Altkommunisten den Sturz Jelzins und wollen einen Sonderkongreß zum Tribunal gegen den unbändigen Reformer machen. Doch bestärkt durch die ohnmächtig; Wut der Bürger vor leeren Läden, dreht der russische Parlamentspräsident vor den Volksdeputierten den Spieß um.

Jelzins neunzigminütige Abrechnung mit der KPdSU und sein Plädoyer gegen Gorbatschows Doppelrolle als Präsident und Parteichef reißen seine jubelnden Anhänger von den Sitzen: die reformerischen Abgeordneten unten im Saal und die Creme der sowjetischen Gesellschaftswissenschaftler, die Kumpel und die kritischen jüngeren Offiziere oben auf der ausladenden Kreml-Empore.

Gorbatschow nähert sich daraufhin wieder den Reformern. Im Frieden von Nowoje-Ogarjowo, einem Dorf bei Moskau, schließt er sich mit Vertretern aus neun der fünfzehn Republiken gegen das konservative Lager zusammen. Der „Einsplus-neun-Vertrag“ (Moskauer Diplomatenspott) soll den Zusammenbruch der Sowjetunion durch eine halbwegs geordnete Auflösung auffangen.

Jelzin siegt

Im Juni 1991 ergreifen Rußlands Wähler die größte Chance zur politischen Befreiung, die es je in der Geschichte des Landes gegeben hat: 57,38 Prozent der Stimmen für den erklärten Gegner der Kommunisten, Boris Jelzin, nur 17,29 Prozent für den Hauptkandidaten der Partei, Nikolaj Ryschkow.

Die schon rissige Staatsspitze spaltet sich nun in zwei Zentren. Das höchste gesetzgebende Organ, das Parlament, sitzt im Kreml. Die höchste Exekutivgewalt, der Präsident der UdSSR, Michail Gorbatschow, agiert von Nowoje-Ogarjowo aus, wo er mit den Führern von neun Sowjetrepubliken auf eine neue Verfassung hinarbeitet, die dem Unionsvertrag folgen soll.

Vor dem G 7-Gipfelgespräch in London und den Verhandlungen über den sowjetischen Unionsvertrag versucht Ministerpräsident Walentin Pawlow mit den rund 500 Landsknechten der ultrakonservativen Sojus-Fraktion und mit Armee, KGB und Innenministerium durch einen Überraschungscoup Terrain zu gewinnen: Pawlow spricht sich gegen westliche Hilfe und für Sondervollmachten der Regierung aus. „Nieder mit Gorbatschow“, skandieren Claqueure im Obersten Sowjet. Mehrere Redner ermutigen Pawlow, direkt die Präsidentenrechte zu übernehmen, um dieWirtschaft mit Dekreten zu lenken. Die Vertreter der drei Machtsäulen, Verteidigungsminister Jasow, KGB-Chef Krjutschkow und Innenminister Pugo unterstützen die Rebellion.

Marschall Jasow will den Titel einer Supermacht zurückholen, Pugo entwirft Horrorgemälde der Kriminalität. Wladimir Krjutschkow führt die Hilfsbereitschaft des Westens auf einen alten CIA-Plan zurück, Sowjetbürger auszubilden und in „trojanische Pferde“ zu verwandeln.

Doch knöpft sich Gorbatschow Pawlow acht Stunden lang vor und diktiert ihm schließlich die Richtlinien für „die Konzeption meines Treffens mit der G 7“.

SOS aus Moskau

Mit dem Erreichen des G 7-Gipfels am 17. Juli gibt es für Gorbatschow kein Zurück mehr zu den Konservativen. Doch die Chefs der westlichen Industrienationen wirken wie die Besatzung eines Luxusdampfers, die einem SOS funkenden Kapitän antwortet, dieser müsse sein sinkendes Schiff erst einmal selber flottmachen, bevor er ins Schlepptau genommen werden könne.

Ihre Reaktionen auf seinen 23 Seiten langen Brief sind von Ignoranz und Ideologie geprägt. „Windig“ und „vage“ sei Gorbatschows Katalog, nur „dürftige Privatisierung“ und „wenig Wettbewerb“ habe er zu bieten. Dabei soll der Rubel binnen zwei Jahren konvertierbar gemacht, sollen vierhundert Rüstungsbetriebe auf zivile Produktion umgestellt, die Preise freigegeben und Betriebe privatisiert werden, und in seinem „sozialdemokratischen“ Parteiprogramm vollzieht Gorbatschow endgültig die Abkehr vom leninistischen Parteiprinzip.

Inzwischen ist der Unionsvertrag zu einem historischen Versuch gereift, die UdSSR in eine föderative Gemeinschaft umzuwandeln. Er billigt den neun föderationswilligen Republiken eine wirtschaftliche Autonomie und staatliche Selbstverwirklichung zu, wie sie die meisten in ihrer Geschichte nie besessen haben.

Altgläubige, Apparat und Armee erkennen, daß Unionsvertrag und Gorbatschows Öffnung der Sowjetunion zum Weltmarkt unausweichlich das Ende des kommunistischen Kommandos bedeutet.

Am frühen Morgen des 19. August ziehen sie ihre Konsequenz.

Texte aus sechs Jahren von Christian Schmidt-Häuer und Maria Huber, montiert und ergänzt von Frank Drieschner, Thomas Kleine-Brockhoff, Kuno Kruse und Ulrich Stock.

Photos von K. Bosse, dpa, A. Filatov, Gamma/StudioX, A. J. Schmidt, Sven Simon, Sipa Press, Werek