Walkenried im Harz

Der Grenzzaun zwischen Bundesrepublik und DDR verlief knapp drei Kilometer östlich des kleinen Harzkurortes Walkenried. Von der alten Landstraße nach Nordhausen, die erst seit einigen Monaten wieder für Autos passierbar ist, führt ein kleiner Waldweg mitten ins frühere Niemandsland. Die nächsten Häuser sind weit entfernt, nur ein verlassener Beobachtungsturm der Nationalen Volksarmee ragt in Sichtweite hinter den vom sauren Regen zerfressenen Fichtenkronen empor.

Am Rande des Weges, wo sich bislang allenfalls Fuchs und Hase gute Nacht sagten, sollen Mitte September zwei Wohncontainer aufgestell: werden – als neue Behausung für die vierzehnköpfige Familie Madat, staatenlose Kurden, die vor dreieinhalb Jahren aus dem Libanon in die Bundesrepublik kamen. Die Madats sind sogenannte De-facto-Flüchtlinge. Ihr Asylantrag wurde abgelehnt; wegen der anhaltenden Kurdenverfolgung im Nahen Osten dürfen sie aber vorerst in Deutschland bleiben.

Bislang leben die vier Erwachsenen und zehn Kinder im Ort Walkenried in einer von der Gemeinde angemieteten Wohnung direkt über einer Spielhalle. Die fünf verwinkelten Zimmer und das kleine Bad sind in einem beklagenswerten Zustand. Von den feuchten Wänden bröckelt der Putz, die Badewanne ist zerbrochen und fast einen halben Meter tief durch die Zwischendecke abgesunken. "Räume in so einem katastrophalen Zustand habe ich in meinem ganzen Leben noch nicht gesehen", sagt der Sozialarbeiter Martin Weber von der Göttinger Flüchtlingsberatungsstelle.

Aus hygienischen Gründen haben die Behörden jetzt die Toilette gesperrt, die Räume für unbewohnbar erklärt und die Madats zum Ausziehen aufgefordert. Weber wirft der Gemeinde Walkenried vor, diese Situation durch unterlassene Sanierungsmaßnahmen an dem Gebäude absichtlich provoziert zu haben. "Die haben da keinen Pfennig investiert, um jetzt die Leute aus dem Ort drängen zu können."

Gemeindedirektor Wilfried Ristau räumt ein, daß die Räume nicht mehr bewohnbar sind. Schuld daran, meint er, seien allerdings die Kurden selbst. "Sie haben die Zimmer verwohnt und verwirtschaftet, Deutsche hätten das niemals gemacht." Für die Familie in Walkenried eine andere Wohnung zu finden, hält Ristau für aussichtslos: "Überlegen Sie mal, vierzehn Ausländer, die hier erhebliche Schwierigkeiten in der Nachbarschaft hatten und ständig die Leute drangsaliert haben, da kriegt man nichts." Da aber Handlungsbedarf bestehe, seien er und seine Kollegen von der Verwaltung "auf die Lösung mit den Containern verfallen".

Schwierigkeiten mit einigen Nachbarn hatten die Kurden tatsächlich. Dreimal ist die Wohnung in den vergangenen Wochen von rechtsgerichteten Jugendlichen mit Steinen attackiert worden, die zersplitterten Scheiben im Wohnzimmer zeugen noch von dem letzten Besuch. Trotzdem wollen die Flüchtlinge im halbwegs sicheren Ort wohnen bleiben. In den abgelegenen Wohncontainern, so befürchten sie, ist die Gefahr von Angriffen noch viel größer. Panische Angst vor einem Umzug in den einsamen Wald hat vor allem Frau Madat. Sie erlitt in der vergangenen Woche einen Nervenzusammenbruch. Der behandelnde Arzt erklärte, daß die geplante Umsiedlung "unabsehbare Gefahren für den Gesundheitszustand der Patientin bedeutet".