In Moskau geht mehr als nur der Kommunismus zu Ende

Von Christoph Bertram

Als in der Nacht zum Mittwoch der vergangenen Woche Sondertruppen des KGB auf das "Weiße Haus" in Moskau vorrückten, den Sitz von Parlament und Regierung der Russischen Föderation, da schien das Schicksal der jungen sowjetischen Demokratie besiegelt. Die Putschisten, die am Montag früh den Ausnahmezustand über das Land verhängt, den rechtmäßigen Präsidenten auf der Krim gefangengesetzt und Truppen in die großen Städte Rußlands geschickt hatten, schienen am Ziel ihrer Wünsche: der Restauration von Eintönigkeit, Gleichschaltung und zentraler Kontrolle im Sowjetreich.

Am Mittwoch nachmittag kam dann die beglückende, sensationelle Meldung: Boris Jelzin, der standhafte Präsident Rußlands, und mit ihm all jene, die sich Putsch-Befehlen und Panzern widersetzt hatten, trugen den Sieg davon – für das Recht, für die Demokratie und für Rußland. In sechzig Stunden war der böse Spuk Geschichte.

In dieser ungewöhnlichen Woche wurde aber auch Geschichte, was die Putschisten gerade erhalten wollten: die alte Sowjetunion. Das Reich, das ein Vierteljahrhundert die internationale Politik geprägt und das Schicksal vieler hundert Millionen Menschen bestimmt hatte, besteht nicht mehr. Denn der Ausgang des Sechzig-Stunden-Staatsstreichs hat nicht nur dazu geführt, daß die protzigen Statuen bolschewistischer Größen unter dem Jubel der Menge geschleift wurden. Er hat auch zwei Eckpfeiler der alten Sowjetunion zerschlagen: die Kommunistische Partei und den sowjetischen Staatsverbund.

Die KPdSU hatte ihre ideologische Führungsrolle schon längst eingebüßt, war aber in dem Vielvölkerstaat der 300 Millionen ein entscheidender Machtfaktor geblieben. Zwar weichte ihr Einfluß unter Gorbatschow zunehmend auf, aber krakenhaft streckte sie ihre Fangarme dennoch weiter bis in die fernsten Winkel aus. Nun ist sie am Ende. Ihr Generalsekretär Gorbatschow ist zurückgetreten, ihre Tätigkeit verboten, ihr Vermögen beschlagnahmt und ihr Hauptquartier versiegelt.

Die Partei, die so viel Unheil über das Land gebracht hat, hat das Todesurteil verdient. Doch wer soll, wer kann ihre Rolle als Bindeglied der Union übernehmen? Bevor die Putschisten losschlugen, setzten Jelzin wie Gorbatschow auf einen neuen Unionsvertrag, der den Republiken den Verbleib im gemeinsamen Staatsverband durch ein hohes Maß an Autonomie schmackhaft machen sollte; sie tun es auch jetzt noch.