Vielleicht war es auch unser Fehler. Es mag sein, daß wir lange Zeit zu nachlässig waren, uns zuwenig um den deutschen Humor und seine Erforschung geschert haben, unsere Wächterfunktion nicht gepflegt, Standpunkte nicht dargelegt. Das nun in einem Schritt nachzuholen mag schmerzhaft sein, doch es geht um ernste Dinge. Es geht um Mantawitze.

Diese aktuelle Art von Witzen beschäftigt sich mit Fahrern von Automobilen des Typs Opel Manta. Der Hintergrund der Mantawitze ist, daß der Manta ein Prolo-Porsche ist, daß der Mantafahrer Goldkettchen und Cowboystiefel trägt und daß sein strohdoofes Ich ganz im Manta ruht, den Ellbogen ausgenommen, der aus dem Seitenfenster ragt. Auf dem Beifahrersitz sitzt die Freundin, die von Beruf Friseuse ist. Mantafahrer heißen auch alle Manfred. Darauf basieren die Witze. „Warum ist der Auspuff beim Manta vergittert? – Damit keine Penner drin übernachten.“ Und so weiter.

Nun ist Professor Rolf Wilhelm Brednich vom Seminar für Volkskunde der Universität Göttingen auf den Plan getreten, dessen bisherige Veröffentlichungen nicht anders als verdienstvoll zu nennen sind. Um so energischer müssen wir ihn darauf hinweisen, daß er mit seinen eben vorgestellten Erkenntnissen über die Mantawitze im Begriffe ist, die deutsche Witzforschung in eine ideologische Sackgasse zu führen.

Man muß nicht einmal – wie wir – einen Menschen kennen, der nicht Manfred heißt, der Inhaber eines Doktorhutes ist und der seinen Manta jahrelang teilnahmslos zur Altersschwäche gefahren hat, um sofort zu sehen, daß der Mantawitz hochprozentiger Unsinn ist. Das aber interessiert Professor Brednich und seine Koautorin Christine Streichan nicht so. Ihnen zufolge ist der Mantawitz der „neue Dummenwitz“, der ein „Arsenal von kollektiven Vorurteilen“ auf eine wehrlose Minderheit richtet und damit die „derzeitige Beschaffenheit unserer Gesellschaft“, also unsere moralische Verrottung offenbart.

Das ist, um nur das wenigste zu sagen, selektive Forschertaubheit. Hat man schon einmal einen Psychiaterwitz gehört, der sich nicht ausschließlich auf böswillige Klischees stützt? Und einen Ostfriesenwitz, einen Österreicherwitz? Was ist umwerfend neu an den Mantawitzen?

Die Volkskundler beschweren sich über das enorme Medienecho für diese Witze. Aber ist nicht heute im Gegenteil gerade das harmlos, was überall auftaucht? Warum soll ausgerechnet der Fernsehwettonkel Gottschalk „den Vogel abgeschossen haben“, als er in seiner Show zehn Mantafahrer namens Manfred auf die Bühne schaffte, samt Friseusen? Als wären dort nicht schon pinguinsammelnde Strafrichter und baggerfahrende Päpste in dampfenden Mengen aufgetreten – oder haben wir das alles bloß geträumt?

Aber nein, die Volkskundler haben eine Bestie aufgespürt: Es sei der Mantawitz definitiv „den sozial ausgrenzenden Witztypen zuzurechnen, wie sie vor einigen Jahren über Türken und Juden bei uns in Umlauf waren“. Gerade das verstehen alle zweitverwurstenden Humorstalinisten und Sommerlochstopfer ganz genau; und wir müssen in der Presse nun lesen, Mantafahrer würden „ähnlich bösartig ausgegrenzt wie früher die Opfer von Judenwitzen“ – wie die Juden also, zu deutsch, die vornehmlich von den Witzen früher glatt erschlagen wurden. Wieder ist die groteske Gleichsetzung des Unvergleichlichen gelungen.

Lassen wir es gut sein – auch wenn man sich noch fragt, warum am Ende des Berichts eine Diskriminierungs-Peep-Show von fünf Dutzend Mantawitzen steht. Und warum die Wissenschaftler bewundern, wie präzise die Witze die Mantafahrer beschreiben – der rassistischen Masse aber gleichzeitig mitteilen, daß sie über die dämliche Minderheit gefälligst nicht zu lachen habe.

Immer spaßig, der Auftritt von Witzforschern als humorlose Bande, vor allem wenn sie vorführen, wie man sich im eigenen Deckmantel der Aufklärung verheddert. Aber wenn hier weiter die Witze das Opfer der Seminare zu werden drohen statt umgekehrt, dann ist eine Ausgrenzung ernsthaft zu erwägen. Klemens Polatschek