Von Fredy Gsteiger

Jerusalem, im August

Vor euch steht ein toter Mann", erklärte der Ostjerusalemer Palästinenserführer Faisal Husseini kürzlich einigen Freunden: "Aber solange ich noch zu leben habe, werde ich dazu beitragen, den Friedensprozeß in Gang zu bringen." In den besetzten Gebieten ist es kein Geheimnis, daß Husseini, der wichtigste palästinensische Gesprächspartner der Amerikaner, Morddrohungen zuhauf erhält. Absender: der "Islamische Heilige Krieg", eine muslimische Terrororganisation. Die Intifada, die Revolution der Palästinenser, frißt nun ihre Kinder. Der "Krieg der Steine" brach im Dezember 1987 spontan aus – ohne Zutun der PLO. Allmählich gelang es jedoch der PLO-Hierarchie, über ihre Mittelsmänner in der sogenannten Vereinigten Intifada-Führung die Fäden zu ziehen und durchzusetzen, daß keine Feuerwaffen eingesetzt werden.

Doch in den letzten Wochen ist ihr das Kommando aus den Händen geglitten. Der Aufstand läuft aus dem Ruder; der Traum von der raschen Befreiung, den die Intifada drei Jahre lang verkörpert hat, ist zum Alptraum geworden: Blutig ausgetragene Familienfehden, persönliche Rachefeldzüge, Bandenkriege und Machtkämpfe kosten inzwischen mehr Palästinensern das Leben als israelische Strafaktionen. Keine Autorität kann mehr Übergriffe von Teenager-Aktivisten wie den maskierten Schwarzen Panthern verhindern. Viele Jugendliche sind längst nicht mehr militante Freiheitskämpfer, sondern schlicht Kriminelle. Eine Generation ohne Bildung – weil die israelischen Militärbehörden die meisten höheren Schulen ("Nester des Widerstandes") geschlossen haben – ist verroht.

Der Gazastreifen, der "Müllhaufen des Nahen Ostens", dieser übervölkerte Landstrich am Mittelmeer, auf dem zusammengepfercht 800 000 Palästinenser leben, ist nicht länger der stolze Geburtsort der Intifada. Nirgendwo ist deren Scheitern so deutlich auszumachen wie hier: an den verbissenen Gesichtern von Jungen, die mit selbstgebastelten Steinschleudern üben, in den blicklosen Augen von Erwachsenen auf den überfüllten Straßen, am Zittern der Hände der vielen Bettler.

"Allah ist auf Urlaub", spottet ein Bewohner des Flüchtlingslagers Jabalia, wo zehnköpfige Familien in Zwei-Zimmer-Bruchbuden hausen. Er lacht nicht dabei. Von den Wänden prangen immer noch Kalaschnikow-Bilder und PLO-Slogans. Doch die Menschen im Gazastreifen haben ihre Hoffnungen begraben und sich ins Privatleben zurückgezogen. Sie kämpfen mit den Unbilden des Alltags, der durch die fast vier Intifada-Jahre und den Golfkrieg noch härter geworden ist. "Wir haben vor allem eines gelernt: nie mehr jemandem zu vertrauen – ob er nun in Gaza-Stadt, in Ostjerusalem oder in Tunis sitzt", meint ein Händler. PLO-Chef Arafat ist hier kein Held mehr. Seine einst zahlreichen Konterfeis sind aus den stinkenden, trostlosen Straßenzügen verschwunden.

Arafat beherrschte die PLO, weil er deren Finanzen kontrollierte. Doch nun ist die Kasse leer; es bleibt wenig zu kontrollieren: Es fließt kaum noch Geld aus den Ölstaaten in die PLO-Schatulle; überdies haben die mit der Intifada selbstverordneten Geschäftsbeschränkungen und das Mißtrauen israelischer Arbeitgeber gegenüber palästinensischen Arbeitern das Volkseinkommen in den besetzten Gebieten praktisch halbiert.