Von Peter Siebenmorgen

Der Putsch in der Sowjetunion hat die Gerüchte und Nachrichten aus dem untergegangenen Schattenreich des DDR-Devisenbeschaffers und Stasi-Obersten Alexander Schalck-Golodkowski nur vorübergehend in den Hintergrund gedrängt. Nach vagen Hinweisen auf eine Verbindung Schalcks zu dem verstorbenen schleswig-holsteinischen Ministerpräsidenten Uwe Barschel und dem U-Boot-Skandal, Mutmaßungen über Verstrickungen in den Rauschgifthandel und der unendlichen Geschichte über Strauß und andere bayerische Freunde wendet sich nunmehr das Interesse den Kontakten zwischen Schalck und dem Bundesnachrichtendienst (BND) in Pullach zu.

Schon seit einiger Zeit kursieren Gerüchte, der Geheimdienst habe Schalck vor strafrechtlichen Ermittlungen bewahrt: Der Mann wisse zuviel über westdeutsche Politiker und ihre Machenschaften, so heißt es, oder gar, Schalck sei ein Doppelagent gewesen. Er habe für den Staatssicherheitsdienst der DDR und für den BND gearbeitet. Das Bundeskanzleramt nährte solche Spekulationen durch eine höchst merkwürdige Informationspolitik: Staatsminister Stavenhagen gab nachfragenden Abgeordneten und auch der Presse falsche Auskunft über Betreuungsmaßnahmen des BND für Schalck; er verschwieg und bestritt lange Zeit, daß dem Überläufer aus der DDR mit Hilfe aus Pullach für einige Wochen falsche Papiere ausgehändigt wurden. Auch der BND trug einiges zum Verwirrspiel bei: Nachdem endlich entschieden war, daß die BND-Erkenntnisse der ermittelnden Berliner Staatsanwaltschaft ausgehändigt werden sollten, dauerte es Wochen, bis die Unterlagen dort auch eingingen. Nur zur Überbrückung des Weges zwischen der BND-Verbindungsstelle in Berlin zur dortigen Staatsanwaltschaft brauchte es eine knappe Woche.

Doch das Gezerre um die Geheimakten des BND ging weiter. So wurde auch der zur Aufklärung der Schalck-Aktivitäten vom Bundestag eingesetzte Untersuchungsausschuß wochenlang von den Geheimniskrämern hingehalten: Schalck könne möglicherweise den BND verklagen, da der Dienst ihm Vertraulichkeit zugesichert habe, erklärte Rudolf Seiters, der Chef des Bundeskanzleramtes. Doch weder er noch BND-Präsident Konrad Porzner hatten auch nur den Versuch unternommen, zu klären, ob Schalck tatsächlich Einwände habe.

Mittlerweile stehen den Abgeordneten die meisten BND-Akten zur Verfügung – doch nicht alle. Einige wichtige Aktenstücke sind unauffindbar – beispielsweise zur angeblichen Unterrichtung des Kanzleramts durch den BND über die falschen Papiere für Schalck. Gleichwohl können die Mitglieder des Schalck-Ausschusses in der ungemütlichen Geheimschutzzelle des Bundestages Brisantes begutachten – brisant nach Ansicht einiger Abgeordneter weniger für Schalck als für Lutz Stavenhagen, den Staatsminister im Bundeskanzleramt, der die Geheimdienste des Bundes kontrolliert. Die Parlamentarier hegen den Verdacht, Stavenhagen habe nicht nur die Öffentlichkeit und den Bundestag falsch informiert, sondern auch den Bundesnachrichtendienst für parteipolitische Zwecke instrumentalisiert und damit mißbraucht.

Dabei interessieren sich die Schalck-Aufklärer vor allem für eine Episode aus dem Sommer 1990. Damals trat der mit der Befragung Schalcks hauptsächlich betraute BND-Beamte Dr. Reiss alias Dr. Burgdorf an seinen Informanten mit einer ungewöhnlichen Bitte heran. Da sei ein Mann, den "Schneewittchen" – so hieß Schalck im BND-Jargon – unbedingt empfangen müsse. Er heiße Ralf P. Geisthardt. Er, Reiss, kenne ihn nicht persönlich und wisse nur, daß der empfohlene Gesprächspartner Mitglied der Ost-CDU und Volkskammerabgeordneter sei. Auch was Geisthardts Anliegen sei, könne er nicht sagen. Doch Schalck zögerte. Erst der Hinweis des BND-Mannes, die Bitte beruhe auf dem Wunsch seiner übergeordneten Dienststelle in Bonn, dem Bundeskanzleramt, und die Erfüllung dieses Wunsches "könnte für Ihre Zukunft von beachtlicher Bedeutung sein", stimmte Schalck um.

Am 7. September 1990 kam es dann zu der Begegnung, für die wiederum der BND einige "technische" Hilfen bereitstellte. Ein Herr Ritter (BND-Deckname) fuhr Schalck in ein Münchener Hotel, wo der sich mit Geisthardt traf. Von dort aus ging es dann zu einer Vertrauensperson "Schneewittchens", die Zeuge des folgenden Gesprächs der beiden wurde. Der Ost-CDUler wollte von Schalck nur eines: Belastungsmaterial zur Stasi-Verstrickung des seinerzeitigen DDR-Ministerpräsidenten Lothar de Maizière. Schalck konnte selbst keine Erkenntnisse beisteuern; schließlich war de Maizière vor Schalcks Flucht in den Westen kein sonderlich wichtiger und bekannter Mann gewesen. Doch immerhin notierte sich Geisthardt wißbegierig und dankbar Hinweise darauf, wo nachzuforschen noch lohnen könnte. Gegen Ende des Gesprächs hatte es der Mann aus dem Osten dann plötzlich sehr eilig: Er müsse dringend noch die Abendmaschine nach Berlin erreichen, um Günter Krause, de Maizières Staatssekretär, umgehend zu informieren.