Von Thomas Kleine-Brockhoff

Leningrad, Ende August

Die Revolution findet in Rußland im Saale statt und kommt als Verwaltungsanordnung daher. Sie überrumpelt die kommunistischen Funktionäre am Schreibtisch.

Kaum zwei Stunden ist es her, daß Boris Jelzin die Arbeit der russischen KPdSU "bis auf weiteres ausgesetzt" hat, da halten schon zwei Limousinen vor dem Tor des hochherrschaftlichen Smolny-Instituts. Ein paar Abgeordnete des Leningrader Stadtrates, unterstützt durch Milizoffiziere, springen heraus. Sie eilen zwischen den dorischen Säulen des Portals hindurch ins Innere des ehemaligen Mädchenpensionats, seit 1917 die Leningrader Zentrale der Partei, und verkünden, das Gebäude sei ab sofort geschlossen.

Siegel? Lack? Gibt es angeblich nirgends. Man behilft sich mit Papier und Klebstoff, denn schnell soll es gehen. Die vielen KP-Sekretäre lugen durch spaltbreit geöffnete Türen ins Kunstlicht der Flure. Still und entmutigt packen die Funktionäre, bevor sie gehen, ihre fabrikneuen Stiefel vom letzten Partei-Sonderverkauf in die Faltbeutel. Der "Versorgungsbeauftragte" für die Stadt Leningrad muß noch schnell seinen Lebensmittel-Vorrat räumen, und der zweite Sekretär des Partei-Rayons, betrunken am Tisch sitzend, versenkt gerade die wichtigsten Papiere aus dem Safe in die Aktentasche: Es sind, druckfrisch, Pläne zur Aktenvernichtung und Anweisungen, wie das Parteivermögen vor dem Zugriff zu retten sei.

Mit der Partei, das spüren an diesem Abend alle, die einen freudig erregt, die anderen demoralisiert, mit der Partei geht es zu Ende; im Smolny-Institut schließt sich, nach 74 Jahren, der Kreis: Wo einst, im ehemaligen Ballsaal, die Deputierten allabendlich tagten und den Sturm auf den Winterpalast beschlossen, wo Leo Trotzkij, der langen Flure wegen, mit dem Fahrrad zu den Besprechungen fuhr – gerade in diesem Gebäude streifen nun demokratische Abgeordnete umher und forschen nach Unterlagen über die Verbrechen der Arbeiter- und Bauernmacht. Einen Moment lang wollen sie sogar, wie zur Demütigung, Lenins Arbeitszimmer versiegeln, seit Jahrzehnten bloß noch Wallfahrtsort für hochrangige Delegationen aus den "Bruderländern", ein Museum, dessen kärgliche Einrichtung von den Gästen wie ein Reliquienschrein zu achten ist.

Am Morgen nach der Schließung der Parteizentrale, erzählt mit Leichenbittermine der letzte im Foyer verbliebene Sekretär, sei eine "Parteiveteranin" erschienen, um im Garten am Lenin-Denkmal zwei Nelken niederzulegen. In Tränen sei sie ausgebrochen, als "die neue Macht" ihr den Zugang verwehrt habe. Und der Gebietsparteichef Boris Gidaspow reklamiert, "die Arbeiterklasse" habe vergeblich protestiert gegen diesen "Putsch", dieses "linke Pendant" zum Moskauer Coup der Vorwoche. Auf die Frage, wie viele Demonstranten das Smolny-Tor belagert hätten, antwortet Gidaspow ungerührt: "Acht!"