Von Nikolaus Piper

Besuchen Sie uns bald in unserem befreiten Land." So sagte vorigen Freitag ein Moskauer Manager, als er sein Telephongespräch mit einer Unternehmensberaterin in Frankfurt beendete. Das Scheitern des Drei-Tage-Putsches hat auf einen Schlag das Gesicht jenes Sechstels der Erde geändert, das einmal die Sowjetunion ausmachte. Der Kommunismus als politische Macht ist tot, der Weg zu Demokratie und Marktwirtschaft grundsätzlich geebnet. Gleichzeitig jedoch war die Gefahr noch nie so groß, daß die Alpträume der russischen Geschichte – Chauvinismus, Bürgerkrieg und Despotie – die Völker noch einmal einholen.

Die Wirtschaft der fünfzehn Republiken befindet sich im freien Fall. Das Bruttosozialprodukt der Sowjetunion sank in der ersten Jahreshälfte um zehn Prozent, die Produktion in der Landwirtschaft um elf Prozent. Der im vergangenen Jahr befürchtete Hungerwinter könnte nun wirklich die Menschen heimsuchen. Um nicht weniger als zwanzig Prozent wird das Sozialprodukt in diesem Jahr insgesamt sinken, schreiben Sowjetkenner des Kölner Bundesinstituts für ostwissenschaftliche und internationale Studien in einer Expertise, die noch vor dem Scheitern des Putsches abgeschlossen wurde. Besonders kritisch sei der Zusammenbruch der Investitionen. 331 Großprojekte sollten dieses Jahr abgeschlossen werden – bisher gelang dies nur bei dreien; 99 Projekte waren schon aus dem vergangenen Jahr überfällig, nur 5 davon sind inzwischen fertig.

Beim Sturz ins Bodenlose wirkten mehrere Faktoren zusammen: Das Fehlen und die Fehlleitung von Investitionen unter dem alten Regime ließen Maschinen und Infrastruktur überaltern. Dies behindert nun zunehmend die Produktion. Der niedrige Ölpreis senkte die Devisenerlöse. Wiederholt standen während Streiks und Unruhen die Räder still. Vor allem aber beseitigte die Perestrojka das alte Kommandosystem in der Wirtschaft – ohne aber neue, marktwirtschaftliche Spielregeln zu etablieren.

Zwar hat nun die demokratische Revolution die Voraussetzungen dafür geschaffen, daß die Ökonomen den Kampf gegen die Wirtschaftskatastrophe überhaupt aufnehmen können. Doch zunächst hat sie ein riesiges Wirtschaftsproblem hinzugefügt – die überstürzte Flucht fast aller Republiken in die Unabhängigkeit.

"Die jetzige Situation ist extrem gefährlich", meinte etwa Harvard-Professor Jeffrey Sachs nach der Unabhängigkeitserklärung Weißrußlands und der Ukraine. "Aber sie bietet die Chance zu einem Durchbruch." Sachs, bekannt als Wirtschaftsberater der Solidarnosc in Polen, arbeitete im Frühjahr zusammen mit seinem Harvard-Kollegen Graham Allison und dem Moskauer Ökonomen Grigorij Jawlinskij (siehe Interview auf dieser Seite) ein detailliertes Programm für radikale, vom Westen unterstützte Reformen in der Sowjetunion aus. Unter der Bezeichnung Grand Bargain (Großes Tauschgeschäft) machte der Plan Schlagzeilen, fand jedoch bis zum Putsch weder in Moskau noch in Washington Unterstützung.

Falls die nach Unabhängigkeit strebenden Republiken ihre Wirtschaftsbeziehungen untereinander kappen, so glaubt Sachs, wird es ihnen nicht einmal möglich sein, zum äußerst bescheidenen Lebensstandard der achtziger Jahre zurückzukehren. Sie müßten also wenigstens einen gemeinsamen Markt ohne Zollgrenzen bilden. Besser noch wäre eine Währungsunion. "Wenn Rußland mit westlicher Hilfe sehr schnell entscheidende Schritte zur Konvertibilität des Rubels unternimmt, kann es vielleicht dem Drängen anderer Republiken nach eigenen Währungen zuvorkommen. Aber diese Chance zu einer Währungsunion wird es in ein paar Wochen nicht mehr geben."