Von Dieter Buhl und Theo Sommer

ZEIT: Herr Minister, 1989 ist Osteuropa frei geworden, 1990 wurde die deutsche Wiedervereinigung vollzogen, 1991 zerplatzt die Sowjetunion. Die Gegebenheiten deutscher Politik, europäischer Politik, internationaler Politik verändern sich von Grund auf. Welche Auswirkungen hat das auf uns?

Genscher: Die Welt ist grundlegend verändert durch das Scheitern des Putsches und durch die Tatsache, daß in der Sowjetunion die Veränderungen nachgeholt werden, die sich in den Staaten Mittel- und Osteuropas und in Ostdeutschland vorher vollzogen hatten. Wir erleben in der Sowjetunion die zweite Phase einer demokratischen Revolution. Die erste, von Gorbatschow eingeleitet, war eine Revolution von oben. Jetzt ist es eine mächtige demokratische Revolution von unten, getragen und angeführt von wichtigen demokratisch gewählten Repräsentanten, aber doch eine Revolution des Volkes.

ZEIT: War das Scheitern dieses Putsches von vornherein der wahrscheinlichste Fall?

Genscher: Wer von der Unumkehrbarkeit der demokratischen Entwicklung in der Sowjetunion überzeugt war, mußte auch von einem Scheitern des Putsches ausgehen. Aber vermessen wäre derjenige, der sagen würde, er hätte die Zahl der Stunden voraussehen können, die die Putschisten sich an der Macht halten konnten.

ZEIT: Der Putsch ist niedergeschlagen, die Reformer haben freie Bahn. Das macht einerseits vieles für uns leichter, denn Reformhemmnisse werden abgebaut. Andererseits wird durch die Auffächerung der politischen Macht, die Dezentralisierung, auch vieles schwerer. Mit wem haben wir es künftig zu tun?

Genscher: Unser Ideal muß es nicht sein, daß das Leben unkomplizierter, sondern daß es besser wird. Es wäre recht vordergründig anzunehmen, es sei einfacher gewesen, mit einer autoritär-diktatorisch geführten Sowjetunion umzugehen. Für die Menschen dort ist es jetzt besser – und für uns auch.