Von Norbert Blüm

Fast vier Jahrzehnte habe ich ihm zugehört. Das erste Mal – ich war Lehrling bei Opel – erlebte ich ihn auf einem Lehrgang für Jugendvertreter in Königstein. Er sprach über Arbeitsvertragsrecht. Er sprach so leise wie mit sich selbst, über weite Strecken mit geschlossenen Augen. Ich kapierte fast nichts und verstand ihn ganz.

Das letzte Mal hörte ich ihm zu in seinem Zimmer in St. Georgen in Frankfurt. Es war einer jener tristen Tage, wo der naßkalte Regen trostloser ist, weil er unaufhörlich zu sein scheint. 16.30 Uhr war ausgemacht. Gott sei Dank, ich war pünktlich. "Neil" stand an der Pforte. Den Schirm in der einen, den Krückstock in der anderen Hand. Der Anzug hing an ihm wie an einem Kleiderbügel. Ein alter, zarter, zerbrechlicher Mann. So hätte er auch noch gestanden, wenn ich Stunden später gekommen wäre.

Disziplin war seine Herzlichkeit. Die Begrüßung war knapp. Nur kein Drumherum, es gibt Wichtigeres. Er ging vor mir her durch das Gewirr von Treppen und Gängen zu seinem Zimmer. Der Stöpsel am Türpfosten steckt in dem Loch, das mit Pforte bezeichnet ist. Im Vorbeigehen wird er herausgezogen. Jetzt weiß jeder, er ist in seinem Zimmer.

Alles muß seine Ordnung haben. Im Zimmer scheint die Zeit stehengeblieben zu sein. Alles ist wie immer: Feldbett, Schreibtisch, zwei Stühle, ein Schrank. Nur die Bäume vor dem Fenster sind mit der Zeit größer geworden.

Wir sitzen uns schräg gegenüber. Er an der Längsseite des Schreibtisches. Ich an der Stirnseite. Er sei nicht mehr da, sagt er. Sein Gedächtnis lasse nach. Ich versuche einen verunglückten Trost: "Aber wir kennen uns doch schon 35 Jahre." – "36", knarrt es zurück. Es darf nichts falsch sein bei Neil. Aber hatte er nicht gerade gesagt, sein Gedächtnis lasse nach?