Lübben

Als es ihren Staat noch gab, zählten die Munitionshersteller der brandenburgischen Kreisstadt Lübben zu den emsigsten im Lande. 29 Jahre lang fertigten sie Patronen für die Nationale Volksarmee, jeden Tag mehr als eine halbe Million. Doch mit dem Ende der DDR war auch ihre Arbeit nicht mehr gefragt – die Volkskammer verhängte im August 1990 einen totalen Produktionsstopp für Rüstungsgüter. Zum dreißigjährigen Betriebsjubiläum standen die 850 Patronenbauer des Spreewerks Lübben vor dem Ende.

Doch der Untergang blieb aus. Ein Jahr später gibt es in Lübben noch immer das Spreewerk. Der Grund dafür liegt in einer nicht unbedeutenden Umstellung: Munition wird neuerdings im Spreewald nicht mehr produziert, sondern vernichtet. Jeden Monat rollen aus einstigen NVA-Depots zwanzig Waggons voller Patronen an, die zu DDR-Zeiten für die Kalaschnikows der NVA in Lübben produziert wurden. Die Arbeiter zerstören genau die Munition, die sie zuvor fast dreißig Jahre lang hergestellt hatten. Jeden Tag mehr als eine Million Patronen.

"Wir freuen uns, daß wir das Zeug jetzt zerstören können", erzählt ein Arbeiter, seit mehr als zwanzig Jahren in dem Werk in Lübben. Als sinnlos will er sein Arbeitsleben nicht empfinden. Er habe sich doch ein Haus und eine Familie aufgebaut. "Die Leute hier sind froh, daß sie überhaupt Arbeit haben", sagt der stellvertretende Betriebsleiter Siegfried Kynast.

Das Werk in der Kleinstadt neunzig Kilometer südlich von Berlin ist einer von fünf Betrieben, die in den neuen Ländern Munition vernichten. Mit knapp 5000 Tonnen jährlich zerstören die Lübbener nur einen winzigen Bruchteil der gesamten NVA-Munition. Die macht etwa 350 000 Tonnen aus, das entspricht annähernd der Munitionsmenge der westdeutschen Armee vor der Vereinigung. Diese Menge lagert nun in den einstigen NVA-Depots und muß fast vollständig vernichtet werden – durch teure und langwierige Delaborierungsverfahren. "Die Munitionsvernichtung wird mindestens zehn Jahre dauern", sagt Hans-Joachim von Przychowsky, Geschäftsführer der Vebeg, einer Treuhandgesellschaft des Bundes, die mit der Auflösung des NVA-Materials beauftragt ist. Die Kosten werden auf etwa 1,5 Milliarden Mark geschätzt.

Doch die Munition ist nur ein Teil der Erblast, die die NVA hinterlassen hat. Hinzu kommen das gesamte Waffenarsenal und das zivile Material. Nach Angaben von Przychowsky kann die Bundeswehr höchstens 25 Prozent der NVA-Ausrüstung gebrauchen. Die Übernahme der 24 Vorzeigejets vom Typ Mig 29 in die Luftwaffe bleibt die Ausnahme. Der Großteil muß weg – Verkaufen oder Verschrotten stehen auf dem Vebeg-Programm.

Das zivile Material der einstigen DDR-Armee dagegen wird fleißig versteigert. Bei den Ortsverkäufen in den früheren NVA-Depots ist von Soldatenstiefeln über Militär-Trabanten bis zu olivfarbenen Traktoren alles zu haben, was in einer Armee ungefährlich ist. Die meisten der Käufer sind Geschäftsleute aus den neuen Ländern, Polen und Ungarn. Dazu kommen viele Sammler von Militärmaterial. "Hier kann ich billig einen Lieferwagen für meine Tiefkühlfirma kaufen", sagt ein Geschäftsmann aus Eisenach, der bei einem Verkauf in Falkensee bei Berlin 2000 Mark für einen NVA-Lieferwagen geboten hat. "Mit Umbau habe ich für 5000 Mark einen Kühlwagen. Neu kostet der mich 120 000 Mark." Einer der etwa 2000 Interessenten ist ein Mitarbeiter eines Militärmuseums im belgischen Charleroi. "Die NVA fehlt uns noch in unserer Sammlung", sagt er. Ein 22jähriger Westberliner hat für 1500 Mark einen offenen Wartburg-Jeep erstanden. "Guter Kauf – Militärkabrios sind doch angesagt heutzutage."