Von Ulrich Schiller

Washington, Ende August

Kein anderer Wendepunkt in der russischen Geschichte, auch nicht die Oktoberrevolution 1917, sei so bedeutend gewesen wie der gescheiterte Putsch in der vorigen Woche in Moskau, so urteilte dieser Tage George Kennan im amerikanischen Fernsehen. Diese für den Mentor der Geschichtsschreibung über die amerikanisch-sowjetischen Beziehungen bemerkenswert subjektive Feststellung bezeugt vor allem eines: wie groß die Faszination ist, mit der die politische Intelligenz Amerikas die Umwälzungen in der Sowjetunion und ihren Zusammenbruch als Supermacht verfolgt.

Gleichzeitig hat die Debatte darüber neue Dramatik gewonnen, was das Auseinanderfallen der Sowjetunion für die Vereinigten Staaten als einzige verbliebene Supermacht bedeutet. Auf diese Frage antworten Kommentatoren und Politiker indes nur vorsichtig. Formulierungen wie "die einzige Supermacht der Erde" oder George Bush als "Welt-Präsident", so der ehemalige Berater im Weißen Haus David Gergen, sind eher die Ausnahme. Aber das Gefühl einer neuen Führungsverantwortung schlägt in der öffentlichen Debatte erkennbar durch. Europa und Japan, heißt es zum Beispiel, hätten nach dem Golfkrieg nun zum zweiten Male die amerikanische Führungsrolle geradezu angerufen. Die "Neue Weltordnung", wie sie Präsident Bush schon während des Golfkonflikts ausgerufen hat, gewinnt damit aber noch keine neuen Konturen – bei aller Freude über das Ende des Kommunismus.

Nahezu einmütig kommen Liberale und Konservative zu dem Schluß, daß sich Gorbatschow mit seinen Auftritten in den letzten Tagen selbst das politische Todesurteil bereitet habe. Diejenigen, die früher am heftigsten für ihn eingetreten waren, schreiben nun, wie etwa Seweryn Bialer von der Columbia-Universität, mit der größten Verve gegen sein weiteres Verbleiben im Amt.

Leuchtend erhebt sich in amerikanischen Augen der neue Held aus dem sowjetischen Chaos – Boris Jelzin, der veränderte Jelzin. Bush solle sich endlich ganz und ausschließlich auf seine Seite stellen, fordert etwa Patrick Buchanan, ein prominenter -Kolumnist der Konservativen. Er steht nicht allein. Erwartungsvoll sieht Buchanan, wie "aus dem stinkenden Leichnam der Sowjetunion ein halbes Dutzend neuer Nationen geboren wird". Die "Ära Jelzin" wird eingeläutet.

George Bush läßt sich von all dem nicht zur Eile treiben. Der Präsident hat wieder einmal, wie schon nach dem Fall der Berliner Mauer, ein solches Maß an Zurückhaltung gezeigt, daß manche ihm bereits feiges Zögern vorwerfen. Als Beispiele gelten sein Zaudern bei der Anerkennung der baltischen Staaten oder bei der öffentlichen Verurteilung des Putsches gleich am ersten Tage. Bush aber bestand auf mehr Informationen, zumal sich ihm etliche der Putschisten erst jüngst als Reformanhänger vorgestellt hatten.