Besser hätte es für die Branche gar nicht kommen können. Die europäische Fernsehgeräteindustrie klagte über flaue Geschäfte, weil ihre Märkte gesättigt sind und in diesem Jahr weder eine Fußballweltmeisterschaft noch Olympische Spiele den Absatz fördern. Doch dann ließ eine Nachricht aus Brüssel die Topmanager der Flimmerbranche aufatmen. Neue Hoffnungen gibt ihnen der Entwurf einer staubtrockenen Richtlinie der Europäischen Gemeinschaft. Auf der Funkausstellung diese Woche in Berlin wird das Papier ein zentrales Thema sein. Es kommt zwar nicht allzu oft vor, daß sich Unternehmen über neue EG-Vorschriften freuen. Aber diesmal ist die Reaktion positiv: "Das entspricht dem dringenden Wunsch der Industrie", sagt ein Vertreter des Zentralverbandes Elektrotechnik- und Elektronikindustrie (ZVEI) in Brüssel.

Die geplante Anordnung der Eurokraten hat es in sich: Sie wird die Fernsehanstalten und Verbraucher viel Geld kosten. Vor allem soll sie Entwicklungen erzwingen, von denen die Industrie genau weiß, daß sie am Markt kaum zu erreichen wären. Alle in der Gemeinschaft verkauften Fernsehgeräte, die einen Bildschirmdurchmesser von mehr als 52 Zentimetern haben, so sieht es die Direktive vor, müssen von 1993 an mit einem Zusatzgerät ausgerüstet werden. Dann sollen sie – erzwungenermaßen – neben den heute verbreiteten europäischen Ausstrahlungsnormen PAL oder Secam zusätzlich noch den Sendestandard D2-Mac empfangen können, der bis heute in Europa kaum verbreitet ist. Die Fernsehanstalten und Satellitenbetreiber dürfen zwar weiterhin ihre Programme in den vorhandenen Techniken ausstrahlen, doch neue TV-Kanäle und Satelliten sollen der Direktive zufolge nur noch in D2-Mac-Norm eingerichtet werden.

Die Richtlinie aus Brüssel, die am Jahresende in Kraft treten soll, legt schon heute die Technik fest, in der im nächsten Jahrhundert das hochauflösende Fernsehen (High Definition Televion HDTV) ausgestrahlt wird. Die neue TV-Entwicklung wird frühestens gegen Ende der neunziger Jahre kommen und soll dann schärfere und größere Bilder als bisher in die Wohnstuben liefern. Zudem ist ein ganz neues Format für den Bildschirm vorgesehen. Während heutige TV-Geräte ein dem Quadrat nahes Seitenverhältnis von vier zu drei aufweisen, werden kommende HDTV-Fernsehbilder im Breitformat von sechzehn zu neun ausgestrahlt.

Mit diesen weitreichenden Vorschriften ist die europäische Fernsehgeräteindustrie, die im wesentlichen nur noch aus dem niederländischen Philips-Konzern, der französischen Thomson-Gruppe und dem finnischen Unternehmen Nokia besteht, sehr einverstanden, und das, obwohl die EG-Direktive die Tischfernsehgeräte zwangsläufig um 200 bis 300 Mark verteuern wird. Die Branche jubelt geradezu, weil sie jetzt – als Vorstufe zum kommenden HDTV – erst einmal einen technischen Zwischenschritt machen kann, von dem sie sich schon bald den langersehnten Nachfrageschub verspricht: durch den Verkauf von D2-Mac-tauglichen Fernsehgeräten. Daran hatten die meisten Branchenvertreter hierzulande wie Grundig, Telefunken oder Schaub-Lorenz kaum noch geglaubt.

Schließlich ist die von der Europäischen Kommission so geförderte D2-Mac-Norm ein alter Hut aus der ersten Hälfte der achtziger Jahre. Damals verständigten sich der deutsche Bundeskanzler Helmut Kohl und der französische Staatspräsident François Mitterrand auf ehe einheitliche europäische Fernsehnorm. Das schien auch sinnvoll, denn in der alten Welt gibt es mit PAL und Secam zwei verschiedene Fernsehstandards, die beide wiederum in Untergruppen zerfallen. Mit dem gemeinsamen D2-Mac sollte der Fernsehfleckenteppich in Europa überdeckt werden. Zudem bietet D2-Mac einige technische Verbesserungen, insbesondere beim Ton, der CD-Qualität hat.

Dann aber passierte die Panne. Der 1987 gestartete deutsche Fernsehsatellit TV-Sat, der mit zahllosen Privat-TV-Programmen das D2-Mac-Zeitalter eröffnen sollte, funktionierte nicht. Kurz nach dem Fehlstart des Himmelskörpers aber war mit dem luxemburgischen Astra ein Satellit im All, der die Privatprogramme in der altbekannten PAL-Norm abstrahlte. In Deutschland waren deshalb nur wenige TV-Konsumenten bereit, sich einen mehrere hundert Mark teureren D2-Mac-Fernseher anzuschaffen, der ihnen kaum sichtbare Vorteile bietet. Die Branche, die auf rauschende Neugeschäfte gehofft hatte, war frustriert. Da ARD, ZDF und vor allem die privaten Sendeanstalten keine Lust verspürten, ihre Programme in einer Norm auszustrahlen, die in 99 Prozent der Wohnungen nicht zu empfangen war, erklärten viele Fachleute im deutschen Fernsehgerätemarkt D2-Mac für schlicht überflüssig und tot. Ähnliche Kritik gab es in Italien und Großbritannien.

Damit aber mochte sich die Fernsehgeräteindustrie überhaupt nicht abfinden. Vor allem der französische Thomson-Konzern setzte bei Staatspräsident Mitterrand alle Hebel in Bewegung, um D2-Mac doch noch zu retten. Der konfrontierte Bundeskanzler Helmut Kohl und dessen Postminister Christian Schwarz-Schilling bei jedem deutsch-französischen Gipfeltreffen mit dem leidigen Thema. Die Konzerne Philips und Thomson führten offenbar auch dem in der EG für Wissenschaft und Forschung zuständigen Kommissar Philippo Maria Pandolfi die Feder, als er die TV-Direktive ausarbeitete.