Von Ina Navazelskis

Wilna, Ende August

Am Wochenende standen die Telephone im Büro von Vytautas Landsbergis nicht mehr still. Ob aus Belgien oder Dänemark, Norwegen, Schweden oder Frankreich – die Botschaft an den Präsidenten des litauischen Parlaments war stets die gleiche. Die westlichen Regierungen zeigten sich endlich bereit, die Anerkennung anzubieten, die Litauen mit der Unabhängigkeitserklärung vom 11. März 1990 angestrebt hatte. Die lang ersehnten frohen Botschaften kamen nach einer Woche von Wechselbädern. Auf die Verzweiflung war Erleichterung, schließlich Freude gefolgt.

Denn dramatischer hätte die Wende nicht kommen können. Am Tag des Putsches mußte Landsbergis bei einer mittäglichen Pressekonferenz den Reportern noch von einem Ultimatum berichten. Generaloberst Feodor Kuzmin, Befehlshaber des sowjetisch-baltischen Militärkommandos, hatte telephonisch gefordert, die Bürgerwehr der Republik zu entwaffnen. Landsbergis antwortete: "Wir können uns nicht entwaffnen, weil wir nicht bewaffnet sind." Binnen Stunden besetzten sowjetische Militäreinheiten an jenem Tag das zentrale Fernmeldeamt und ein halbes Dutzend örtlicher Radio- und Fernsehstationen.

Schon vor dem 19. August warteten kilometerlange Autoschlangen an den wenigen Tankstellen der Hauptstadt. Am frühen Nachmittag jenes Tages verschwand auch das Brot aus den Geschäften. Parlamentarier wurden aus dem Urlaub zurückgerufen. Hektisch verpackten sie Computer, Drucker und Dokumente, während die Sperren in und um das Parlamentsgebäude verstärkt wurden. Freiwillige stießen zur Bürgerwehr, die sich auf einen stündlich erwarteten Angriff vorbereitete.

Am Montag dieser Woche aber, also genau sieben Tage später, erwachten die Litauer zu Nachrichten anderer Art. Argentinien sprach sich für die volle Anerkennung aus, Lettland und Estland ohnehin. Die drei baltischen Außenminister befanden sich schon in Reykjavik, sollten weiter nach Oslo fliegen, schließlich nach Bonn zu Hans-Dietrich Genscher, der bereits am Wochenende in den Chor der Anerkenner eingestimmt hatte.

Derweil erwartete Landsbergis das Eintreffen französischer Diplomaten. Für seine Landsleute schien die Geschwindigkeit fast schon schwindelerregend zu werden, als auch noch Präsident George Bush in seinem Urlaubsort Kennebunkport ankündigte: "Wir bewegen uns sehr nahe an der Anerkennung." Kommentar des litauischen Parlamentspräsidenten: "Sie scheinen ein Wettrennen zu veranstalten."