Landsbergis hatte schon am Sonntagabend die Schritte angekündigt, die Litauen zur Kontrolle seines Territoriums gehen will: Grenzsicherung, Zolleinnahme, Ausgabe eigener Visa. Das erste wurde am vorigen Montag einem Polen in der Grenzstadt Lazdijai gewährt. Schließlich traf Wilna die Übereinkunft mit den neuen Machthabern in Moskau, daß bald alle Litauer den Dienst in der Sowjetarmee quittieren dürfen – ein glorreicher Moment für Landsbergis. Der 58jährige ehemalige Musikprofessor genoß ihn sichtlich. "Ausländische Journalisten fragten mich, wie ich mich fühle", bemerkte er lächelnd, "nun, ich sagte, wir hatten einen Job zu erledigen – und wir waren nicht schlecht."

Aber wann genau begannen sich die Dinge in Litauen wirklich zu ändern, wann fing das Land zu feiern an? War es am Mittwoch vergangener Woche, als die Meldung vom Scheitern des Putsches durchkam? War es am Donnerstag, als sich die sowjetischen Truppen von den besetzten Gebäuden und Rundfunksendern zurückzogen? Oder erst am Donnerstagabend, als die Bürger zum erstenmal seit acht Monaten litauische Journalisten in den Nachrichten sahen und hörten?

Womöglich kam der Jubel sogar erst am Freitag richtig auf. Denn dieser Tag, der 23. August, ist schicksalsbeladen: das Datum des Hitler-Stalin-Paktes. Und eigentlich sollte er still begangen, nur in Erinnerung gebracht werden durch Scheiterhaufen, die überall im Baltikum, vom südlichen Wilna bis zum nördlichen Tallinn, der Hauptstadt Estlands, entzündet werden sollten. Doch Euphorie überwog. Schon vor den Meldungen der internationalen Anerkennung nahm das Gefühl überhand, das schreckliche Kapitel – 52 Jahre Fremdherrschaft – sei nun geschlossen.

Die Gunst der Stunde nutzend, verbot Litauens Parlament die kleine, prosowjetische Kommunistische Partei und ließ deren Vermögen beschlagnahmen. 21 Zeitungen, die den Putsch begrüßt hatten, wurden geschlossen. Hunderte von Menschen versammelten sich am Fernsehturm und sangen das Volkslied, das zur inoffiziellen Hymne der Sajudis-Bewegung geworden war. Der Refrain füllte die Abendluft: "Sosehr sie uns zurückschneiden wollten, sie konnten es nicht; / sosehr sie uns entwurzeln wollten; sie vermochten es nicht." Und das Grundgefühl, jetzt, so nahe am Sieg, nicht aufgeben zu dürfen, drückte sich auch so aus: In eine Holzskulptur hatte jemand die Worte geschnitzt: "Herr, vergib ihnen nicht, denn sie wußten, was sie taten."

Der Sieg lag also am vorigen Freitag in der Luft, bevor das erste Freudenfeuer entzündet worden war, bevor Zehntausende zum Platz der Unabhängigkeit vor dem Parlament strömten. Obwohl sich die Sowjetarmee noch längst nicht aus Litauen zurückgezogen hatte, war klar: Sie geht. Überdeutlich zeigte sich das Ende ihrer Herrschaft, als das wichtigste Symbol der Sowjetmacht fiel. Im Abendrot riß ein gelber Kran die Statue von Wladimir Iljitsch Lenin vor dem KGB-Gebäude in Wilna vom Sockel und ließ sie unsanft auf die Ladefläche eines Lastwagens fallen. Von den sowjetischen Wächtern, die Lenins Ehrenmal monatelang mit automatischen Gewehren geschützt hatten, ließ sich keiner mehr blicken. Die litauische Polizei konnte die Menge nicht daran hindern, vorzudrängen und Steinreste als Erinnerungsstücke an ein halbes Jahrhundert der Beherrschung aufzusammeln. Als eine ältere Dame dem Bus entstieg, benutzte sie völlig überrascht Wladimirs Kosenamen: "Wolodja ist ja gar nicht mehr da."

Binnen Tagen räumten die Sowjets jene Stellungen, deren Aufgabe die Litauer seit Monaten gefordert hatten. Der Abgeordnete Romualdas Ozolas drückte bildlich aus, wie sie nach dem gescheiterten Putsch wertlos geworden waren: "Vor zwei Wochen hatten sie sie noch zur künftigen Verwendung’ brauchen können, jetzt sind sie Müll, da das KGB und die Armee zerbrochen sind und die Partei sich auflöst." Das Echo auf den Jubel in Litauen hallte aus Lettland herüber. In den Worten des Tallinners Vladis Birkavs auf der interparlamentarischen Konferenz in Wilna klang es dann so: "Die Balance ist verändert. Jetzt kommt erst die internationale Anerkennung, dann kommen die Verhandlungen mit Moskau."