Von Hans Otto Eglau

Keine Fusion der Nachkriegszeit hat so hohe Wellen geschlagen wie 1988 die Übernahme der Luftfahrt- und Rüstungsfirma MBB durch den Daimler-Benz-Konzern, der sich zuvor schon Dornier und AEG einverleibt hatte. In einer Biographie des Daimler-Chefs Edzard Reuter, die Anfang September erscheint, beschreibt Hans Otto Eglau bisher unbekannte Einzelheiten. Die ZEIT veröffentlicht Auszüge.

Das Thema Dornier brannte dem Daimler-Benz-Chef Edzard Reuter auf den Nägeln: In der Hektik der Übernahmeschlacht um Dornier hatte er – dieser Eindruck drängt sich auf – schwerwiegende Konsequenzen seines Schachzuges noch gar nicht durchdacht oder schlicht ignoriert. Die Daimler-Strategen waren in erster Linie auf den Friedrichshafener Unternehmensteil, das "Systemhaus" Dornier als eine Art "Hochtechnologie-Fabrik" fixiert gewesen. Weitaus weniger lag ihnen an Dorniers Flugzeugbau bei München-Neuaubing/Oberpfaffenhofen. Mit Flugzeugen, so hieß es bei Daimler-Benz damals, lasse sich kein Geld verdienen – eine im Lichte der weiteren Entwicklung des Unternehmens bemerkenswerte Einschätzung. Im Vorstand wurde sogar die Frage diskutiert, ob man sich von diesem Bereich nicht lieber trennen solle. "Darüber", so ein Reuter-Kollege, "müßte sogar etwas im Vorstandsprotokoll stehen."

Nur, wie hätte man den Flugzeugbau abstoßen sollen – vorausgesetzt, man hätte überhaupt einen Käufer gefunden? Gegen die in der Firma verbliebenen Familiengesellschafter Claudius und Silvius Dornier wäre diese Amputation niemals durchzusetzen gewesen. Wohl oder übel mußte Reuter sich die Frage vorlegen, wie es bei Dornier mit dieser Sparte weitergehen sollte. Gesichert war die Basis keineswegs, ganz im Gegenteil: Sowohl der Alpha Jet auf der militärischen als auch das Regionalflugzeug Do 228 auf der zivilen Seite waren Auslaufmodelle und verlangten gebieterisch nach einem Nachfolger.

Reuter erkannte also sehr schnell, daß er mit seinem Dornier-Coup noch nicht viel erreicht hatte. Man hatte allenfalls das "Eintrittsbillett in die Luft- und Raumfahrtindustrie" erworben, kennzeichnet Johann Schäffler, der heute MBB leitet, die damalige Situation.

Was sollte Daimler-Benz tun? Sich auf einen kostspieligen Verdrängungswettbewerb einlassen? Was wäre geschehen, hätte ein finanzstarker Daimler-Konkurrent bei MBB die industrielle Führung übernommmen und den durch seine zersplitterte halb öffentliche, halb private Gesellschaftsstruktur gehemmten Konzern gehörig auf Trab gebracht?

Es gab für Edzard Reuter demnach gute Gründe, sich intensiver mit dem unbestrittenen Marktführer, mit der – gemessen am Umsatz – mehr als dreimal so großen Messerschmitt-Bölkow-Blohm GmbH (MBB) in Ottobrunn bei München zu beschäftigen. Daß es für Daimler-Benz praktisch kaum noch einen Weg an MBB vorbei gebe, war Reuter im Laufe des Frühjahrs 1987 immer klarer geworden. Aber erst am 8. Juni 1988 beschloß der Vorstand, nunmehr konkrete Verhandlungen über eine Beteiligung von Daimler-Benz an MBB aufzunehmen. Acht Tage später informierte Reuter in einem Brief seinen Aufsichtsrat erstmalig über die angestrebte Großfusion.