Von Christian Tenbrock

Er galt als König der Wall Street. Seit der vergangenen Woche steht er ohne Kleider da: John Gutfreund, der 61jährige Chef des New Yorker Investmenthauses Salomon Brothers, mußte gehen. Gestolpert ist Gutfreund über einen Finanzskandal, der manchen schmutzigen Machenschaften am Finanzplatz Tokio möglicherweise nicht nachsteht und Salomon in die schlimmste Krise seiner 81jährigen Geschichte stürzt. Das bisher profitabelste Unternehmen der Wall Street kämpft um sein Überleben. Nicht nur das: Im Strudel des Salomon-Skandals leidet auch die Reputation des Finanzplatzes New York.

In einem niederschmetternden mea culpa hatte die angesehene Investmentfirma am 9. August zugegeben, gegen wichtige Regeln am amerikanischen Markt für Regierungsanleihen verstoßen zu haben. Fünf Tage später teilte das Unternehmen mit, daß Gutfreund, Salomon-Präsident Thomas Strauss und der Vize der Firma, John Meriwether, von diesen Regelverstößen wußten, aus "mangelnder Aufmerksamkeit" aber nichts dagegen unternommen hatten. Wie Gutfreund mußten auch Strauss und Meriwether ihren Abschied einreichen. Und am Wochenende traf es den Chef-Syndikus der Bank, Donald Feuerstein.

Salomon hat seit Dezember 1990 bei mindestens fünf staatlichen Wertpapier-Auktionen mehr Anleihen als erlaubt gekauft. Nach dem Gesetz darf kein Unternehmen über 35 Prozent des Angebots besitzen – Salomon aber brachte es nach einer Auktion im vergangenen Februar auf 57 Prozent. Bis zur 35-Prozent-Marke gab die Firma Angebote im eigenen Namen ab. Danach wurden Namen und Konten von Kunden benutzt, ohne deren Erlaubnis einzuholen. Nach erfolgreichem Ankauf transferierten Salomon-Händler die Anleihen von den Kundenkonten in die firmeneigenen Bücher.

Damit konnte die Firma nach Ansicht vieler Wall-Street-Beobachter den Sekundärmarkt bestimmen, also die Unterbringung der Anleihen bei Investoren. Andere Wertpapier-Händler sollen zwischen 50 und 200 Millionen Dollar verloren haben, als das Investmenthaus im Mai einen großen Teil der ausgegebenen zweijährigen Schatzanleihen hielt und ihre Preise unerwartet nach oben gingen.

Doch sehr viel schwerer wiegt ein Verdacht, dem die Aufsichtsbehörden mittlerweile nachgehen: Salomon gehört zu einem exklusiven Club von insgesamt vierzig Investmenthäusern und Banken aus dem In- und Ausland, die an staatlichen Wertpapier-Auktionen als "Primärhändler" teilnehmen dürfen. Jahrelang sollen sich viele Mitglieder dieses elitären Zirkels über die Preise abgesprochen haben, die beim nächsten Termin geboten wurden. Informationen des Wall Street Journal zufolge, das sich auf Informanten in einigen der größten amerikanischen und japanischen Banken beruft, sollen unter anderem ehemalige Salomon-Händler an Betrügereien beteiligt gewesen sein, nachdem sie zu anderen Häusern gewechselt hatten. Sollte sich bestätigen, was die betroffenen Institute kategorisch leugnen, dann wäre der wichtigste Angelpunkt der internationalen Finanzwelt manipuliert worden.

Denn über den 2400-Milliarden-Dollar-Markt von Wertschriften des amerikanischen Schatzamtes finanzieren die Vereinigten Staaten nicht nur ihr gigantisches Haushaltsdefizit. Der Zins auf US-Schatzwechsel und Anleihen ist zugleich Richtmarke der heimischen Wirtschaft und der wichtigste Orientierungspunkt des internationalen Zinsgefüges. Er entscheidet mit darüber, ob Geld eher in Dollar oder in anderen Reservewährungen wie der Mark angelegt wird. Daraus aber leiten sich Verschiebungen der Währungskurse ab, die ganze Volkswirtschafen beeinflussen.